«Feuer ist nie gut.» Das schiesst es dem Basler Industriepfarrer Martin Dürr durch den Kopf. Es ist Sonntagabend. Soeben ist sein Flugzeug des Typs Jumbolino am Flughafen London City in Richtung Schweiz gestartet. Dürr sitzt am Fenster, direkt neben den Düsen. Kaum in der Luft spuckt eines der vier Triebwerke Feuer. Er sieht alles. Hintenraus brennt und raucht es. Die Passagiere merken es sofort. «Einige reagierten panisch und haben geschrien», erzählt Dürr der bz per Telefon.

Er ist mit einer Gruppe junger Frauen aus Basel unterwegs. Die Reise wurde von ihm für Amie Basel organisiert. Das ist ein Projekt des Basler Gewerbeverbands, der jungen Müttern – viele von ihnen alleinerziehend und ohne Ausbildung – den Einstieg ins Berufsleben ermöglichen will.

Dürr selbst kennt die Fliegerei. Er hat früher Piloten bei der Crossair begleitet und weiss um deren Ausbildung und Professionalität. Er versucht, ruhig zu bleiben. «Doch Angst ist irrational», sagt er. Die Düse brennt weiter. «Man kann nicht einfach aussteigen. Man ist völlig hilflos.»

Nach etwa zwei Minuten schalten die Piloten das Triebwerk ab. Die Maschine der Swiss bleibt weiter in der Luft. Schliesslich wurde die Notlandung am Flughafen London Stansted eingeleitet. Dort steht die Feuerwehr bereit. Doch die Gefahr ist gebannt. «Da es sich um eine vierstrahlige Maschine handelte, konnten wir problemlos mit den drei funktionierenden Düsen fliegen», erzählt Dürr weiter.

Ein «Fest des Lebens» feiern

Obwohl die Landung reibungslos und sehr professionell vonstatten gegangen sei, glaubt Dürr, dass bei einigen Ängste zurückbleiben werden. Darüber werden sie mit professionellen Care-Personen sprechen. Dass sie als Gruppe unterwegs waren, habe geholfen, sagt er. «Wir haben viel über das Erlebte geredet.»

Bei Amie Basel seien junge Frauen aus allen Kulturkreisen dabei. Die Frauen und Projektleiterinnen haben sich gegenseitig eindrückloch unterstützt. Dürr war mit anderen Gruppen von Jugendlichen bereits rund 30 Mal in London und hat noch nie etwas Vergleichbares erlebt.

Die Basler Gruppe wurde am Sonntag nach Mitternacht in ein Hotel gefahren und konnte am Montagmorgen vom Flughafen Heathrow – einem weiteren Londoner Flughafen – nach Zürich zurückfliegen. «Erst sagten noch ein paar, sie würden nie mehr ein Flugzeug betreten», berichtet der Industriepfarrer. Am Schluss seien dann aber doch alle an Bord gewesen.

Am Montagnachmittag trafen er und die Frauen mit dem Zug in Basel ein. «Da warteten die Kinder, die vier Tage gehütet wurden», sagt Dürr. Es war ein Erlebnis, das allen Beteiligten nahe gegangen sei. Projektleiterin Franziska Reinhard – auch sie war im Flugzeug – glaubt, dass am Schluss das Positive überwiegen werde.

Die Gruppe wird sich am Mittwoch noch mal zusammensetzen und das Erlebte Revue passieren lassen. Einige hätten vorgeschlagen, sich nun jedes Jahr am 27. April zu treffen, um «ein Fest des Lebens zu feiern».

Der Pilot steht vor die Passagiere

Martin Dürr ist es ein Anliegen zu betonen, dass die Swiss sehr professionell gehandelt habe. «Der Pilot stand nach der Notlandung vor die Passagiere und hat erklärt, was passiert ist.» Auch würden die Insassen des Flugzeugs professionell betreut.

Doch der Vorfall dürfte die Swiss weiter beschäftigen. Vor einem Monat ereignete sich mit einem Jumbolino praktisch ein identischer Zwischenfall, allerdings ganz zu Beginn der Startphase. Der Start wurde abgebrochen, die 72 Passagiere verliessen das Flugzeug über Notrutschen. Die Passagiere wurden im Flughafengebäude betreut, vier Passagiere wurden vor Ort wegen leichter Verletzungen behandelt. Es handelte sich um einen Flug von London City nach Genf.

Ein Triebwerkbrand bei einem Jet kann entstehen, wenn beispielsweise ein Lager nicht gut läuft. Dann dreht die Turbine zu langsam, der Luftdurchsatz ist zu gering, und es kommt zu einem sogenannten «Strömungsabriss». Gleichzeitig spritzt die automatische Triebwerkregelung mehr Treibstoff in die Brennkammer, um die Drehzahl zu halten. Dann tritt ein Feuerstrahl nach hinten los und je nach dem auch nach vorne.

Der Flugzeugtyp Jumbolino ist das älteste Flugzeugmuster der Swiss und ist unter anderem auch deswegen relativ wartungsaufwendig. Die Triebwerke haben in der Vergangenheit immer wieder für Probleme gesorgt. Die 20 Jumbolinos sollen im kommenden Jahr durch Bombardier der «C-Series» ersetzt werden, ein völlig neu entwickeltes Flugzeug.

Am Montag gab es eine weitere ausserplanmässige Landung eines Swiss-Flugzeugs. Dieses startete um 6.59 Uhr in Genf Richtung London City. Doch ein Passagier mit Herzproblemen musste auf dem Flughafen Paris Charles de Gaulle ausgeladen werden, der Flug wurde später nach London fortgesetzt.