Rauchen
«Tabakindustrie ist ein schamloser Kinderfänger»

Ende Monat hält der Ostschweizer Kinderarzt und Lungenspezialist Jürg Barben (49) an der Uni Basel seine Habilitationsvorlesung: Dabei stellt er die ruchlosen Praktiken der Tabakindustrie beim Anwerben von Rauchernachwuchs bloss.

Bojan Stula
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Jürg Barben

Jürg Barben

bz Basellandschaftliche Zeitung

Jürg Barben, Ende September laden Sie die Basler Bevölkerung zu Ihrer öffentlichen Antrittsvorlesung «Tabaklobby und Kinderfänger - wie cool ist Rauchen wirklich?» ein. Sind Sie auch so ein militanter Nichtraucher, der seinen Mitmenschen die persönliche Freiheit beschneiden will?

Jürg Barben: Von mir aus können die Erwachsenen so viel rauchen, wie sie wollen - solange sie niemand anderen damit gesundheitlich schädigen. Aber die Kinder, die muss man in Ruhe lassen.

Wer soll die Kinder in Ruhe lassen?

Die Tabakindustrie. Seit Jahrzehnten zielt sie mit ihrer Werbung auf Kinder und Jugendliche ab. Schliesslich geht es darum, sich rechtzeitig den Nachwuchs für einen Milliardenmarkt zu sichern. Dabei geht die Tabakindustrie ungemein raffiniert vor.
Das klingt nach einer waschechten Verschwörungstheorie.

Die Dokumente, die ich an meiner Vorlesung präsentieren werde, sind authentisch und zeigen auf, mit welch cleveren Methoden die Tabakindustrie operiert. Das Ziel ist immer dasselbe: Kindern und Jugendlichen wird suggeriert, das Rauchen sei etwas ebenso Natürliches wie Normales.

In fast zwei Dritteln aller US-Kindertrickfilme zwischen 1937 und 1997 gibt es Raucherszenen. Von Filmstar Sylvester Stallone ist ein Brief überliefert, der beweist, wie er in fünf seiner Filme Tabakprodukte einer bestimmten Firma platzierte und dafür eine halbe Million Dollar kassierte.

Gerade Jugendliche lassen sich vom Verhalten ihrer Vorbilder, wie eben Filmstars, extrem stark beeinflussen. Es ist erschreckend, wie schamlos diese Mechanismen von der Tabakindustrie ausgenutzt werden.

Das sind Beispiele aus den USA. Inwiefern betreffen sie uns?

Sie haben vorhin das Wort «Nichtraucher» wie die normalste Sache der Welt benutzt. Haben Sie sich schon mal darüber Gedanken gemacht? Es ist ein bei uns fest eingebürgerter, etablierter Begriff.

Doch eigentlich wird damit nichts anderes suggeriert, als dass das Rauchen der Normalzustand und das Nichtrauchen der Ausnahmezustand ist.

Wir sprechen bei Besuchern von Shoppingcentern ja auch nicht von «Nicht-Ladendieben» und «Ladendieben», nur weil einige wenige klauen. Diese verkehrte Begriffsbesetzung wurde ganz wesentlich von der Tabakindustrie beeinflusst.

Da müssen Sie konkreter werden.

In der ganzen Diskussion um rauchfreie Restaurants suggerieren die Gegner, dass die Nichtraucher intolerant sind und die Lebensfreude der Raucher torpedieren. Mit «gegenseitiger Rücksicht» benötige es kein gesetzliches Rauchverbot, lautet ihre Botschaft.

Heute steht fest, dass die Kampagne «Toleranz und Lebensfreude» von Gastro Suisse, dem Schweizer Gastronomie-Verband, das Resultat einer direkten Zusammenarbeit mit dem Tabakkonzern Philip Morris Schweiz ist.

Das Ganze ist Teil eines jahrelangen Aktionsplans der Tabakindustrie, eine strenge Gesetzgebung in der Schweiz zu verhindern oder zumindest zu verzögern.

Was ist falsch an gegenseitiger Rücksichtnahme?

Passivrauchen hat nichts mit Rücksichtnahme zu tun. Die Folgen des Passivrauchens sind heute wissenschaftlich erwiesen. Gesundheitsrisiken wie erhöhte Krebsgefahr, Herzerkrankungen, Atemweginfektionen oder Kopfschmerzen sind beinahe ebenso hoch wie beim aktiven Rauchen.

Ich erlebe das tagtäglich in meiner Arbeit. Wenn bei Kindern mit Reizungen, Atemweg- oder Augenleiden alle anderen Ursachen ausgeschlossen werden können, bleibt immer das Passivrauchen als Verursacher übrig.

Hören die Eltern mit dem Rauchen in Umgebung ihrer erkrankten Kinder auf, verschwinden die Symptome wieder. Eine bemerkenswerte Studie aus Chur hat soeben den Zusammenhang zwischen einer erhöhten Herzinfarktquote und dem Passivrauchen in Restaurants nachgewiesen.

Der wahre Skandal ist, dass die Tabakindustrie schon seit Jahrzehnten über die Gefährlichkeit des Passivrauchens ganz genau Bescheid weiss, aber alles dafür tut, um sie zu verschleiern. Menschen, die sich gegen das Passivrauchen zur Wehr setzen, sind nicht intolerant, sondern couragiert und tun das einzig Vernünftige.

Es gibt auch gegenteilige Studien.

Ja, und diese sind entweder gefälscht oder von der Tabakindustrie finanziert worden. Die Rylander-Affäre in Genf ist der grösste Wissenschaftsskandal, den die Schweiz je erlebt hat, und bezeichnenderweise in der breiten Bevölkerung völlig unbekannt. 2001 flog auf, dass Professor Ragnar Rylander an der Universität Genf auf Geheiss von Philip Morris Kinderstudien fälschte, um die angebliche Harmlosigkeit des Passivrauchens bei Kindern nachzuweisen.

Dokumente beweisen, dass fast jeder Schritt von Rylanders Forschung mit Philip Morris abgesprochen war und die Ergebnisse mehrfach modifiziert werden mussten, bis sie passten. Aus über 800 Studien wurden schliesslich nur einige wenige veröffentlicht, die industriefreundlich waren; bezahlt natürlich von der Tabakindustrie, auf deren Lohnliste Rylander stand. 2006 musste sich die Uni Genf schliesslich von ihrem Professor distanzieren.

Inwiefern ist die Rylander-Affäre bezeichnend?

Sie ist die direkte Folge des weltweiten Aktionsplans der Tabakindustrie, die wissenschaftliche Diskussion um das Rauchen in gewünschte Bahnen zu lenken.

Die Strategien sind immer dieselben. Unliebsame Forscher und Studien werden sofort angegriffen und als unseriös diskreditiert. Mit der Finanzierung gegenteiliger Studien wird die Kontroverse am Leben erhalten. Studienergebnisse werden nur selektiv verwendet.

Auch hierbei zeigt sich die Gerissenheit der Tabakindustrie. Inzwischen werden Wissenschafter und Studien nicht mehr direkt von den Firmen gekauft, sondern über anonyme Stiftungen.

Spätestens hier drängt sich die Frage auf: Sind Sie nie von der Tabakindustrie, die Sie so stark bekämpfen, persönlich aufs Korn genommen worden?

Direkt angefeindet wurde ich noch nie. Aber man muss sehen, dass die Tabakindustrie in Europa und den USA inzwischen mit dem Rücken zur Wand steht. Hier kann sie sich nichts mehr erlauben.

Folglich konzentriert sie sich mit ihren Aktivitäten auf den südamerikanischen, den afrikanischen und den asiatischen Markt. 60 Prozent der Chinesen wissen nicht, dass Rauchen Lungenkrebs verursacht. 60 Prozent der Raucher in ländlichen Gebieten Indiens sind Analphabeten. Für die Tabakindustrie sind das ideale Voraussetzungen.

Was war der Auslöser für Ihren Kampf gegen das Rauchen und die Tabakindustrie?

Zum einen werde ich als Kinderarzt und Lungenexperte tagtäglich mit den Folgen des Rauchens konfrontiert. Der jüngste Raucher in meiner Sprechstunde war 10-jährig.

Knapp ein Prozent aller 11-Jährigen in der Schweiz raucht bereits mindestens einmal wöchentlich. 80 bis 90 Prozent aller Raucherinnen und Raucher fangen vor ihrem 18. Geburtstag an. Andererseits habe ich von 1998 bis 2000 in Australien gelebt und mich immer gefragt, wieso dort viel weniger Menschen rauchen.

Zu welchen Schlüssen sind Sie gekommen?

In Australien fehlt die soziale Akzep-tanz des Rauchens, weil der öffentliche Raum konsequent vom Rauchen befreit, die Werbung verboten und die Zigarettenpreise massiv erhöht wurden. In der Schweiz hinken wir diesbezüglich hinterher.
Wir haben immerhin das Rauchverbot in Restaurants per Volksentscheid eingeführt.

Ja, halbherzig. Viele Kantone haben Ausnahmeregelungen. Von einer einheitlichen Bundeslösung kann keine Rede sein. Ich habe 2000 in Australien die Einführung von rauchfreien Restaurants selber miterlebt. Dort wurde das eisern ohne Ausnahmen durchgezogen, und nach einem Monat war die ganze Kontroverse kein Thema mehr.

Aber auch in anderen Bereichen hinkt die Schweiz hinterher. Neben Deutschland sind wir das einzige Land Europas, das bezüglich Tabakwerbung keine strikte Regelung kennt. Ebenso sind wir das einzige Land, welches das Verkaufsalter nicht einheitlich regelt. Für einen regelrechten Skandal halte ich ferner, dass Kinder an unseren Kiosken noch immer Kaugummi-Zigaretten kaufen können.

Wieso fangen Kids mit Rauchen an?

An allererster Stelle steht der Gruppendruck. Man will cool sein und zur Gruppe dazugehören. Dann spielen gesellschaftliche Faktoren eine Rolle: die allgemeine Akzeptanz des Rauchens oder die Verfügbarkeit und Erschwinglichkeit von Zigaretten. Mädchen glauben, sie könnten mit Rauchen ihr Gewicht kontrollieren.

Unheilvoll sind aber auch rauchende Vorbilder in der Familie. Ich sage immer, dass Jugendliche schon als 3-Jährige anfangen zu rauchen. Indem sie ihre rauchenden Eltern wahrnehmen und diese imitieren möchten.
Meine Eltern haben geraucht, und ich bin trotzdem zeitlebens überzeugter Nichtraucher geblieben.

Es gibt natürlich auch den umgekehrten Fall, dass man durch das elterliche Vorbild abgeschreckt wird. Ich kenne kein Kind, das es toll findet, dass seine Eltern rauchen. Wenn ich rauchende Eltern frage, ob sie möchten, dass ihre Kinder später mal rauchen, antworten sie mit einem entrüsteten Nein. Dabei sind sie sich nicht im Klaren, dass sie durch ihr Vorbild genau das bewirken können.

Wie kann aus Ihrer Sicht erfolgreich Prävention betrieben werden?

Ich führe sehr oft Präventionsveranstaltungen für Jugendliche durch. Wenn ich über gesundheitliche Risiken spreche, geht das bei ihnen nur zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus. Wenn ich den Jugendlichen aber aufzeige, wie sie von der Tabakindustrie betrogen und manipuliert werden, fährt es ihnen in die Knochen.

Kein Jugendlicher lässt sich gern übers Ohr hauen. Ein Raucher investiert in seinem Leben im Durchschnitt 100 000 Franken in die Tabakindustrie. Zigaretten sind weltweit das einzige Produkt überhaupt, das bei korrekter Anwendung die eine Hälfte der Benützer tötet und die andere Hälfte krank macht.

Ein solches Erzeugnis könnte wegen der Produktehaftung heute gar nicht mehr am Markt eingeführt werden. Ich versuche immer, solche Mechanismen den Jugendlichen zu demonstrieren.

Glauben Sie eigentlich daran, dass man die Schweiz je wird rauchfrei machen können?

Ganz rauchfrei nicht, aber dank konsequenter Gegenmassnahmen könnte man die Raucherquote wie in Australien auf etwa 15 Prozent drücken.

Nachgewiesen erfolgreiche Strategien sind die Erhöhung der Preise, Verbot von Tabakwerbung und Sponsoring, konsequenter Passivrauchschutz und Kampagnen für ein rauchfreies Leben. Eine Preiserhöhung nur schon um 10 Prozent senkt bei Jugendlichen den Zigarettenkonsum um rund 15 Prozent.

Die Habilitationsvorlesung von PD Dr. med. Jürg Barben, «Tabaklobby und Kinderfänger - wie cool ist Rauchen wirklich?», ist öffentlich und findet am Donnerstag, 30. September, um 18.15 Uhr in der Aula des Naturhistorischen Museums Basel an der Augustinergasse 2 statt.