Theater Basel

Tänzer Franz Brodmann: «Fame hat mich darin bestärkt, Tänzer zu werden»

Der einstige Profitänzer und heutige Ballettmeister und Juror Franz Brodmann besuchte mit der bz «Fame» am Theater Basel.Kenneth Nars

Der einstige Profitänzer und heutige Ballettmeister und Juror Franz Brodmann besuchte mit der bz «Fame» am Theater Basel.Kenneth Nars

Franz Brodmann ist als junger Tänzer mit «Fame» gross geworden. Zusammen mit der bz schaute er sich eine Vorstellung des Musicals «Fame» im Theater Basel an. Dieses Musical habe ihn schon früh inspiriert.

Franz Brodmann, Sie haben mir schon vor unserem Besuch des Musicals Fame gesagt, dass Alan Parkers Filmversion von 1980 Sie begeistert und geprägt hat. Warum und wie?

Franz Brodmann: Ich war damals 17 Jahre alt und befand mich in genau derselben Situation wie die Filmprotagonisten: Ich hatte gerade meine Ausbildung als Tänzer bei Fred Aenis in Basel begonnen. Es hat mich inspiriert zu sehen, wo die Tänzer in Fame stehen, worum sie kämpfen, wie sie den Alltag bewältigen. An der porträtierten Schule haben sie eine unglaublich breit gefächerte Ausbildung; eine ähnliche genoss ich wenig später an Maurice Béjarts internationaler Schule Mudra in Brüssel. Der Film ist eine gute Mischung zwischen realistischer Darstellung junger Tänzer, Sänger und Schauspieler in Ausbildung und gewaltigen Tanzszenen. Auch die Musik finde ich hervorragend. Dieser Film hat mich darin bestärkt, dranzubleiben.

Wie schafft man es im Tanz, ganz nach oben zu kommen?

Es braucht erstmal Talent und einen guten Körper. Es gibt Schulen, zum Beispiel in Russland, in denen die Schülerinnen und Schüler rein nach anatomischen Kriterien ausgewählt werden; die Kinder werden erstmal untersucht und vermessen. Des weiteren braucht es Musikalität. Dazu: Durchhaltevermögen, Selbstvertrauen, gute Lehrer. Und sehr viel Arbeit. Hard Work. Jeden Tag nochmal das Gleiche trainieren, die gleiche Übung nochmal verbessern.

«It’s the hardest profession in the world», heisst es im Musical Fame immer wieder.

Das wiederum ist ein Klischee. Viele Berufe sind hart. Es ist auch schwierig, den Alltag an einer Kasse zu meistern. Tanzen ist physisch und psychisch hart, das schon.

Aber heute muss man nicht mehr einen ganz bestimmten Körper haben, um Tänzer zu werden?

Es gibt eine alternative Szene heute. Aber wenn man wirklich auf höchstem Niveau tanzen will, braucht es eine klassische Ausbildung. Die klassische Technik muss man beherrschen, das ist immer noch die beste, um den Körper in den Griff zu bekommen. Fast jedes Vortanzen – auch an Theatern, an denen zeitgenössisch getanzt wird – beginnt mit klassischem Ballett.

Wie war es bei Ihnen, wie sind Sie zum Tanz gekommen?

Ich habe immer gemerkt, dass ich tanzen will. Sobald ich Musik gehört habe, musste ich mich bewegen. Als Teenager habe ich mich in der Disco ausgetobt. Am Gymnasium ging ich ins Jazz Ballett. Dort wurde ich von einer Lehrerin entdeckt, die mir riet, zum Klassischen Ballett zu wechseln.

Wollten Sie berühmt werden?

Wenn man jung ist, ist man naiv und hat das Gefühl, dass man das will. Aber es geht im Grunde weniger darum, als um die Freude am Beruf, am Tanz selber. Die schönsten Erlebnisse hatte ich, wenn ich auf der Bühne zu Live-Musik eines Orchesters tanzen konnte: Zur zweiten Sinfonie von Schuhmann, zur Schöpfung von Haydn in der Choreographie von Uwe Scholz, zu den Goldbergvariationen oder zum Sommernachtstraum von Spoerli. Wenn man diese Musik hört, auf der Bühne, im Licht, und dazu tanzt: Das ist ein magischer Moment. Das ist wie eine Mischung zwischen schwimmen und fliegen. Wenn man keine Schmerzen hat, ist das der grösste Genuss.

Aber man steht doch gern im Rampenlicht?

Selbst Tänzer, die wirklich sehr gut sind, sind selten berühmt. Es gibt nur ganz wenige, über die man redet. Meistens hört man mehr von den Choreografen als von den Tänzern.

Was sind und waren ihre Vorbilder?

Ich ging bei Béjart zur Schule und habe dort viele grosse Tänzer gesehen. Etwa Jorge Donn, der hat mich wahnsinnig beeindruckt. Bevor ich an die Mudra ging, sah ich ihn in Lelouchs Film «Les uns et les autres». Dort tanzt Donn den Bolero vor dem Eiffelturm. Man sieht zuerst nur seine beleuchtete Hand, dann sein Gesicht. Da wusste ich: Ich will an diese Schule. Ich habe die Aufnahmeprüfung gemacht und bestanden. Auch als ich Nurejew zum ersten Mal am Fernsehen sah, stockte mir der Atem. Mit seinem Sprung blieb er wirklich einen Moment lang in der Luft stehen. Das sucht man eigentlich: Die Überwindung der Schwerkraft. Wenn einem jemand diese Illusion geben kann, ist das gewaltig.

Ist Ihnen bei der Basler Fame-Aufführung ein Tanztalent aufgefallen?

Mir ist aufgefallen, dass Illjaz Jusufi als Jack Zakowski wahnsinnig gut ist in seinem Fach als Breakdancer. Die Drehungen auf dem Kopf sind beeindruckend. Aber es ist nicht das, was ich suche in einem Tänzer. Ich suche mehr das Künstlerische. Tanz hat den Anspruch, Kunst zu sein, nicht nur Akrobatik oder Sport. Von den anderen Tänzern hat mich niemand besonders beeindruckt. Im Film gibt es Leroy, auch kein klassischer Tänzer, der sich aber so unglaublich bewegt und eine so erotische Ausstrahlung hat – das wirft einen vom Sockel.

Wie fanden Sie diese neue Fame-Inszenierung für die Basler Bühne insgesamt?

Am Anfang hatte ich ein wenig Mühe, weil versucht worden ist, den Film zu weiten Strecken nachzuspielen. Aber die intimen Szenen des Films haben auf der grossen Bühne nicht intim gewirkt. Nach der Pause ging es intensiver und weniger nervös weiter. Die Demolierung eines Klassenzimmers, choreographisch einfach aber wirkungsvoll mit Stühlen dargestellt, war zum Beispiel ein starker Moment. Oder die erste Romeo und Julia-Liebesszene. Die Musik dagegen finde ich im Film viel stärker: mehr Ohrwürmer, mehr Hits. Offenbar gab es da Probleme mit den Rechten, nur der Titelsong «Fame» kommt auch im Stück vor. Schauspielerisch und sängerisch fand ich einige der Darsteller hervorragend. Gelungen ist auch die Mischung zwischen Profis und Crew: die Laien aus der Region waren gut integriert.

Und das Tänzerische?

Das ist nicht auf demselben Niveau wie Gesang und Schauspiel. Die Ballettkombinationen waren schon fast ein wenig peinlich. Da hätte ich erwartet, dass man wirklich Tänzer sieht, die das beherrschen.

Dabei sieht doch Tanz schnell mal gut aus.

Nein, beim Ballett kann man gar nicht schummeln! Das braucht ein jahrelanges Training.

Musicals haben generell den Ruf, oberflächlich zu sein.

Ich fand es sehr unterhaltsam.

Kann ein Musical mehr sein als gute Unterhaltung?

Es gibt uralte Musicals wie My Fair Lady oder so, die haben schon Gehalt. Aber Musicals sollen schon vor allem einen Unterhaltungseffekt haben und müssen nicht so tief schürfend oder dramatisch sein wie eine Oper. Das Musical ist eine moderne Form der Operette.

Wie fanden Sie das sprachliche Hin- und Her zwischen Deutsch und Englisch?

Der Regisseur erklärt seine Gründe im Programmheft, aber mich hat das nicht überzeugt. Einige haben ein sehr schlechtes Englisch gesprochen.

Tänzer müssen oft ziemlich jung wieder aufhören. Wann war der Punkt bei Ihnen erreicht und wie sind Sie damit umgegangen?

Man merkt, dass der Körper in einem gewissen Alter nicht mehr richtig mitmacht, die Schwachpunkte werden anfälliger. Ich habe mit 36 aufgehört, aktiv zu tanzen. Am Anfang hat man das Gefühl, dass es nichts anderes geben kann. Aber ich habe schon früh damit begonnen, selbst zu choreographieren. So habe ich einen gleitenden Übergang zum Unterrichten und Choreographieren gefunden.

Bei all den Castingshows am Fernsehen: Wollen heute mehr junge Menschen Tänzer werden?

Mich stossen diese Fernseh-Castings ab. Die Idee, dass man Shootingstars rasch produzieren kann und dass man schnell zu Ruhm kommen kann, ist illusorisch. Die wenigsten können sich danach lange halten, künstlerisch ist das nicht fundiert.

Wie kreiert man eine eigene Tanz- und Körpersprache?

Das ist sehr schwierig. Früher hat man sich nicht gescheut, zuerst zu kopieren, meist die eigenen Lehrmeister. Heute ist das verpönt. Trotzdem entwickeln die meisten erst allmählich aus etwas Altem etwas Neues. Wenige Choreographen haben von Anfang an ihren eigenen Stil.

Wie geht es im zeitgenössischen Tanz weiter? Das Tanztheater und so vieles mehr gibt es schon.

Es kommt immer wieder eine neue Wendung, ein neuer Schwerpunkt. Heute ist die Mischung zwischen den Genres interessant. Verschiedenste Techniken fliessen in den Tanz ein, auch Hip-Hop und Street Dance bereichern ihn. Eine strenge Abgrenzung gibt es nicht mehr. Dass ein Breakdancer in Fame eine Hauptrolle bekommt, wäre wohl vor 20 Jahren noch nicht möglich gewesen.

Fame am Theater Basel. Nächste Vorstellungen am 1., 4., 7., 21. und 27. Februar.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1