Herzog-Nachfolge

Tanja Soland will für die SP in die Basler Regierung – doch wer ist die Grossrätin?

Tanja Soland lächelnd beim Fotoshooting. Normalerweise zeigten sie die Medien mit ernster Miene, sagt sie, um dem Bild gerecht zu werden, das man von ihr habe.

Tanja Soland lächelnd beim Fotoshooting. Normalerweise zeigten sie die Medien mit ernster Miene, sagt sie, um dem Bild gerecht zu werden, das man von ihr habe.

Tanja Soland schaut auf ein Leben voller Wendungen zurück. Nun will die SP-Grossrätin in die Basler Regierung.

Tanja SOland wird neue Regierungsrätin im Kanton Basel-Stadt. Die Wahlberechtigten wählten die SP-Frau am 20. Oktober 2019 im ersten Wahlgang in die Regierung. Sie wird den Sitz von der zurücktretenden Eva Herzog übernehmen. Die «Schweiz am Wochenende» hat sich im Mai mit der Politikerin getroffen. Anlässlich ihrer Wahl publizieren wir das Porträt nochmals.

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Porträt vom 26. Mai 2019:

Seit Jahren wird Tanja Soland als Nachfolgerin der Basler Finanzdirektorin Eva Herzog gehandelt. Sie bringt alles mit fürs Regierungsamt, wird von politischen Gegnern respektiert und in den eigenen Reihen geschätzt. Sie hat die SP-Fraktion präsidiert und führt dossierfest die Justizkommission. Und sie ist eine Frau. Neben den zwei anderen SP-Männern in der Regierung scheint ausgemacht, dass die Sozialdemokraten nicht mit einem Mann antreten werden.

Als Erste und bisher Einzige hat sich Soland nach der Rückrittsankündigung der Basler Finanzdirektorin aus der Deckung gewagt und gesagt, sie stünde zur Verfügung. Sie ist eine Frau, die ihr Herz auf der Zunge trägt. Doch jetzt, da es wirklich darauf ankommt, will sie es nicht vergeigen mit den Genossen, die sie erst noch aufstellen müssen für die Ersatzwahl in die Regierung.

«Sie dürfen ja nicht schreiben, dass ich schon gewählt bin», sagt Soland am Schluss eines knapp eineinhalbstündigen Treffens im Kaffee Cappuccino in der Falknerstrasse. «Sonst bin ich weg vom Fenster.» Soland weiss: Die Gefahren lauern in der eigenen Partei. Neider aus dem eigenen Lager können sie noch zu Fall bringen – ein bürgerlicher Gegenkandidat kaum.

Zurück zu den Abgründen

Tanja Soland sagt, sie würde gern ein neues Kapitel aufschlagen in ihrem Leben. Versuchte man es als Buchautor zu gliedern, wäre sie jetzt wahrscheinlich im dritten. Das erste dauerte bis zum 9. Lebensjahr. Daran hat sie nur vage Erinnerungen. «Ich müsste es nicht mehr haben», sagt sie über ihre Kindheit. Sie wohnte in Binningen, ihre Mutter starb, als sie neun Jahre alt war.

Kurz, nachdem sich ihre Eltern getrennt hatten, zog sie in die Stadt und wurde Teil einer Patchwork-Familie im Kleinbasel. Ihre brasilianische Stiefmutter brachte mehrere Kinder mit in die Ehe. Sieben Leute wohnten in der Vier-Zimmer-Wohnung, sie musste mit ihrer Schwester ein sieben Quadratmeter grosses Zimmer teilen, ehe sie bereits mit 15 Jahren auszog und letztlich bei den Adoptiveltern ihrer Schwester landete.

Das Gymnasium hatte nicht Priorität – sie fühlte sich als Tochter eines Arbeiters ohne akademischen Hintergrund von den Lehrern nicht akzeptiert. Und man nahm es ihr übel, dass sie sich in der «Basler Zeitung» mit dem Zitat ablichten liess, dass sie die Matur ohnehin nicht bestehe.

Dass sie prompt durchrasselte, markierte sowas wie das Ende des zweiten Kapitels. Es sollte die bisher letzte grosse Wendung in ihrem Leben sein. Sie hätte sich mit dieser Niederlage gehen lassen können, stattdessen wählte sie den härtesten Weg, um sich wieder aufzuraffen.

Sie arbeitete 70 Prozent in der Psychiatrie und holte nebenher die Eidgenössische Matur nach. Und plötzlich war sie wer an der Uni. Tanja Soland gehörte zu den Besten, machte das Anwaltsexamen und hätte gewiss auch in einer gut bezahlten Wirtschaftsanwaltskanzlei einen Job gefunden. Aber das wollte sie nicht. Stattdessen bewegte sie sich wieder zurück zu den gesellschaftlichen Abgründen.

Bis heute vertritt sie als Strafverteidigerin Menschen, die am Rand der Gesellschaft sind. Alkoholiker, Diebe, Drogensüchtige. Einmal habe sich einer der Klienten auf dem Klo Koks reingezogen, sagt sie. In der Kanzlei Vischer ist das undenkbar, doch für Soland kein Grund, neidisch zu werden. «Ich wollte Gutes tun. Und als Strafverteidigerin tue ich Gutes. Jeder hat eine Strafverteidigung verdient – unabhängig davon, was er gemacht hat.»

Keine Wahlkampf-Strategie

An der Uni kam Soland auch mit Politik in Berührung. Sie schloss sich der SP an, einer Partei, die sich für Chancengleichheit einsetzt – sie selber hatte schon genügend harte Kämpfe führen müssen. Wie oft war sie die kleine, belächelte Arbeitertochter aus dem Klybeck gewesen. Sogar Lehrer am Bäumlihof-Gymnasium hatten ihr gesagt, dass sie eine Lehre machen sollte.

Angetrieben vom Ehrgeiz, die Vorurteile aus dem Weg zu räumen, entwickelte Soland einen oft missverstandenen Perfektionismus. Als Politikerin wirkte sie anfänglich oft unnahbar, schnippisch gar. Dabei sagen die Leute in ihrem Umfeld, sie sei eine umgängliche, gesellige Person. Grünen-Grossrätin Michelle Lachenmeier, die Soland sowohl von der Justizkommission als auch von ihrer gemeinsamen Zeit als Doktorandinnen kennt, schwärmt von ihrem trockenen Humor. Und wenn die Genossinnen und Genossen etwas zu feiern haben, dann ist Soland eine der letzten, die die Finken klopft.

Heute, sagt Soland, habe sie ihren Ehrgeiz etwas abgelegt, sie verspüre keinen Drang mehr nach Anerkennung. Wird man sie in Zukunft lockerer und lustiger erleben? Soland weiss nicht so recht. Sie glaubt, dass es immer noch geschlechterspezifische Unterschiede gibt. Ihr Grossratskollege Christian von Wartburg könne jovial sein und auch mal einen Spruch klopfen, ohne dass seine Kompetenz infrage gestellt würde. Sie hingegen müsse aufpassen, dass sie ihre Glaubwürdigkeit nicht verliert.

Bis heute, sagt sie, gäbe es in den Medien kaum Fotos, auf denen sie lacht. Das sei eben ihre Rolle. Einen Plan, diese in einem allfälligen Regierungswahlkampf abzustreifen, habe sie nicht. «Andere sind geschliffener, wenn es darum geht, sich selber zu vermarkten», sagt Soland.

Man wird sie kaum an Demonstrationen sehen oder an Klimastreiks. Sie sei noch nie eine Demo-Gängerin gewesen, sagt sie. Und ohnehin wäre es nicht ganz aufrichtig. Sie esse zwar wenig Fleisch, habe nur einmal kurz ein Auto besessen. Aber immer wieder fliegt sie in die Ferien nach Afrika; selbst innerhalb von Europa habe sie schon den Flieger genommen. Sie reise gerne, sagt Soland, dazu komme, dass sie unter einer schrecklichen Reisekrankheit leide und ihr in Zügen und Bussen immer schlecht werde. Einst musste sie auf einer Grossratsreise gar den Bus anhalten, so speiübel war ihr.

Dieses Leiden wird ihr künftig erspart werden. Ihr Grossrats-Mandat fällt der Amtszeitguillotine zum Opfer, der Vorhang öffnet sich für das vierte Kapitel in ihrem Leben. Soland sagt zwar, auch ohne Regierungsamt werde ihr nicht langweilig. Ihre Anwaltskanzlei an der Falknerstrasse sei gerade ausgebaut worden, an Arbeit mangelt es nicht.

Ob es nun Koketterie ist oder ernsthafte Bescheidenheit, ist nicht auszumachen. Sie selber sagt, der Weg in die Exekutive sei alles andere als ein Selbstläufer. Deswegen möge sie sich keine Gedanken darüber machen, was sie als Regierungsrätin in ihrem Leben ändern würde. Ihre karg eingerichtete Wohnung im Erlenmattquartier verlassen, in der sie zurzeit alleine wohnt? Vielleicht, wenn sie einen Partner findet («Das lässt sich eben nicht erzwingen»). Vielleicht ist das ja der Stoff fürs fünfte Kapitel in ihrem Leben.

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