Streetart auf der Schwarzwaldbrücke

Tarek Abu Hageb über sein provokatives Kunstwerk: «Aylan schwebt jetzt über dem Wasser»

Künstler Tarek Abu Hageb sprayt bei der Streetart-Meile auf der Fussgängerüberführung bei der Schwarzwaldbrücke ein neues Werk: Eine Illustration des Fotos von Aylan Kurdi, das um die Welt ging.

Künstler Tarek Abu Hageb sprayt bei der Streetart-Meile auf der Fussgängerüberführung bei der Schwarzwaldbrücke ein neues Werk: Eine Illustration des Fotos von Aylan Kurdi, das um die Welt ging.

Teil der «Streetart-Meile» auf der Schwarzwaldbrücke ist ein aufwühlendes Bild von Künstler Tarek Abu Hageb.

Fünf Jahre ist es her, als die Aufnahmen des an der türkischen Mittelmeerküste angeschwemmten Leichnams von Aylan Kurdi die ganze Welt bewegten. Der zwei Jahre alte syrische Junge ertrank auf der Flucht. Auch sein älterer Bruder und seine Mutter kamen ums Leben. Das Bild, das Menschen unter die Haut ging, wurde schon mehrfach von Künstlern verwendet. Auf dem Fussgängersteg der Eisenbahnbrücke, auf welchem seit dem 27. Juli eine sogenannte Streetart-Meile entsteht, hat der Künstler Tarek Abu Hageb das Motiv jetzt auf 20 Quadratmetern wieder aufgegriffen.

Dankbarkeitssignal im öffentlichen Raum

«Das Bild begleitet mich seit fünf Jahren», sagt Abu Hageb. Platziert ist die Wandmalerei ziemlich mittig auf der Schwarzwaldbrücke, hoch über dem Rhein. Mit dem Werk wolle er einerseits zeigen, wie gut es uns hier gehe, andererseits sei es ein «Dankbarkeitssignal». «Niemand, der flüchtet, verlangt vorerst nach Kunst», so Abu Hageb, dessen Vater seine Heimat damals auch verlassen hat.

Das Wandbild in Arbeit mit der darauf angebrachten Foto-Vorlage.

Das Wandbild in Arbeit mit der darauf angebrachten Foto-Vorlage.

Umso dankbarer sei er, sich in der Kunst verwirklichen und das tun zu können, was er am liebsten tue. Tarek Abu Hageb ist Vater von vier Kindern, sein jüngster Sohn ist vier Jahre alt. «Wenn ich meinen Kleinen von hinten im Bett liegen sehe, sieht er gleich aus wie Aylan», das gehe ihm als Vater schon sehr nahe.

Er habe nicht den Auftrag erhalten, eine Wand zu dekorieren. Das Bild sei unschön und genau das solle auch die Wirkung der Wand sein. Während viele andere Motive fröhlich, ja fast schon kindlich wirken, sticht der Leichnam des kleinen Aylan deutlich heraus. Die Reaktionen der vorbeigehenden Personen fallen demnach auch unterschiedlich aus. «Die Meisten finden die Idee gut und passend. Einige sprechen von einem Wagnis, einer Deplatziertheit», schildert Abu Hageb die bisherigen Eindrücke verschiedener Passantinnen und Passanten.

Wandbild in Frankfurt wurde mehrfach verunstaltet

2016 wurde das bisher wohl berühmteste Wandbild von Aylan gemalt. An einer 120 Quadratmeter grossen Wand am Frankfurter Osthafen, unweit vom Sitz der Europäischen Zentralbank, malten die beiden Künstler Justus Becker und Oguz Sen das ikonische Foto. Vier Monate später wurde es mit Sprüchen aus der Ecke rechter Gesinnung verschandelt. «Grenzen retten Leben» war eine der Parolen, die im Umfeld der Identitären Bewegung verwendet wird.

Das Wandbild am Frankfurter Osthafen.

Das Wandbild am Frankfurter Osthafen.

Ende Juni 2016 machten sich die Künstler erneut ans Werk und ersetzten das verschmierte Bild durch ein neues Bild des lächelnden Aylans, umringt von Teddybären. Sie hätten zeigen wollen, dass hinter diesem schrecklichen Schicksal ein Junge mit einer unbeschwerteren, glücklicheren Vergangenheit liege. Die Parolen der Rechtsextremisten lösten damals eine Spendenwelle für Flüchtlingsorganisationen aus, die Hasstirade verfehlte also ihr Ziel.

Auf die Verunstaltung des Bilds in Frankfurt folgte ein neues. Es zeigt den lachenden Aylan umringt von Teddybären.

Auf die Verunstaltung des Bilds in Frankfurt folgte ein neues. Es zeigt den lachenden Aylan umringt von Teddybären.

Noch bis kommenden Freitag malt Tarek Abu Hageb an seinem Bild auf der Schwarzwaldbrücke. Klar könne es sein, dass es übermalt oder verunstaltet werde, dann müsse er halt mehr Zeit für die Fertigstellung einrechnen, um pünktlich zu einem Ende kommen zu können. Während seiner Recherche ist der Künstler auf einen «bewegenden Text» von Nadia Meier gestossen. Es ist ein Abschiedsbrief an den kleinen Aylan, verfasst im September 2015. Über einen an der Wand angebrachten QR-Code möchte Abu Hageb sein Werk mit dem Schriftstück verbinden. Es soll als Audiodatei abgerufen werden können, vorgelesen von Rula Badeen.

Überthema «Wasser» für alle Kunstwerke

Die Vorgabe des Tiefbauamts Basel-Stadt, in dessen Auftrag die Wand gestaltet wird, umfasste nur drei Punkte: Kein Rassismus, kein Sexismus und keine religionsfeindlichen Motive. Auch Patrizia Stalder, selbst teilnehmende Künstlerin und Projektleiterin der Streetart-Meile, überliess den Künstlerinnen und Künstlern, bis auf das übergreifende Wandthema «Wasser», komplette Freiheit.

«Jetzt schwebt Aylan über dem Wasser, überlebensgross. Man kommt nicht darum herum, ihn anzuschauen», schwärmt Abu Hageb vom Standort seines Wandabschnitts. Aylan Kurdi, eingebettet in abstrakte Bilder, farbige Tiere, Ruderer und Graffiti-Pop. Ein Quartier am Basler Stadtrand und der Alltag Tausender auf den Flüchtlingsrouten nach Europa. Zwei Realitäten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ein Bild, eingebettet ins stille Leben um uns herum.

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