Herr Moussalli, was ist das Thema?

Der Abschied.

Abschied nehmen gehört zum Leben. Warum fällt das Menschen so schwer? Es ist ja nicht per se negativ, bedeutet auch, dass etwas Neues beginnt.

Loslassen ist immer schwierig. Menschen halten gerne an etwas fest, wenn es eine positive Auswirkung auf ihr Leben hat. Aber ich sehe es auch so: Abschied nehmen bedeutet jeweils neue Chancen.

Soeben haben wir uns vom alten Jahr verabschiedet. Wurden Sie wehmütig, als Sie realisierten, dass das 2018 Geschichte ist?

In der Silvesternacht lag ich leider krank im Bett, von dem her war es jetzt nicht ein wahnsinnig emotionaler Abschied (lacht).

Aber: 2018 war ein erfolgreiches Jahr für Sie. Zum zweiten Mal nach 2015 wählte das Fasnachts-Comité Ihren Plakettenentwurf mit dem Motto: «Bis zletscht». Sie konnten sich gegen 100 Entwürfe durchsetzen. Stolz?

Klar. Es war aber auch eine grosse Freude, als ich im August erfahren habe, dass mein Entwurf das Rennen gemacht hat. Da wurde ich schon sehr emotional.

Weil Sie seit klein auf Fasnacht machen?

Nicht nur. Ich brachte bereits als Kind Plakettenideen aufs Papier. Ein Bubentraum also, der in Erfüllung geht, zum zweiten Mal. Damit hätte ich nicht gerechnet. Es ist von vielen Faktoren abhängig, dass man gewählt wird.

Zum Beispiel?

Ganz simpel: Essenziell ist die gute Idee, die sich sowohl gestalterisch als auch inhaltlich auf mehreren Ebenen abspielt. Die Aktualität nicht ausser Acht lässt. Man muss den Nerv der Zeit, den Nerv Basels treffen.

Woher nehmen Sie die Inspiration?

Man muss natürlich auf dem Laufenden sein, indem man etwa Zeitung liest, viel recherchiert. Ausserdem schaue ich mir immer alte Plaketten an. Sie sind ein Zeitzeugnis. Dieses Element darf man beim Entwerfen nicht ausser Acht lassen. Da kann man viel herauslesen. Wie es den Leuten damals ging, was sie beschäftigte.

Aus welcher Zeit gefallen Ihnen die Plaketten besonders?

Jene aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, als die Strassenfasnacht verboten wurde. Eine enorm schwierige Periode für die Menschen hier, der feindliche Nachbar war nur ein paar Schritte entfernt: Am Badischen Bahnhof hing die schwarz-weiss-rote Fahne des Deutschen Reichs. Entsprechend entstanden sehr gute Plaketten, die auch auf das Verbot anspielten, und gegen Ende des Krieges, dass es bessert, dass Hoffnung aufkommt. Eine klare Message.

Ihre Plakette ist doppeldeutig; sie behandelt die letzte Ausgabe der Mustermesse, aber auch den Ändstraich. Wie kam es zu dieser Verbindung?

Das Ende der Muba war im Sommer, als ich die Plakette entwarf, sehr akut. Den Ändstraich wollte ich schon länger thematisieren. Das liess sich gut kombinieren, weil es sich bei Beidem um Abschied dreht. Aber eben auch, dass es nach jedem Abschied weiter geht. Das symbolisiert der Strassenwischer am rechten Rand.

Werden Sie die letzte Ausgabe der Muba besuchen? Und wird Ihnen der Abschied schwerfallen?

Die vergangenen Jahre habe ich die Messe nicht mehr besucht. Aber daran sind viele Kindheitserinnerungen geknüpft. Mich faszinierten als Bub immer die Gastländer, das Eintauchen in eine fremde Welt. Und der letzten Ausgabe werde ich sicher beiwohnen, auch mit einer gewissen Wehmut. Schliesslich ist es die Mutter aller Messen, ein Stück Basel. Das ist etwas Einschneidendes, dass jetzt damit Schluss ist.

Der Ändstraich wurde noch nie auf einer Plakette thematisiert. Warum eigentlich? Der Abschied von der Fasnacht markiert auch die Zeit der Vorfreude.

Das habe ich mich auch gefragt. Es ist ein sehr emotionaler Moment.

Wie geht es Ihnen jeweils dabei? Sie sind ja Tambour bei den Alte Stainlemer.

Der Abschied fällt immer schwer. Aber im vergangenen Jahr war ich fast schon froh, als ich zuhause war, in der Wärme. Die Fasnacht war wegen der Kälte anstrengend gewesen, sehr zehrend. Ich befand mich am Limit, das fuhr mir in die Knochen.

Was gehört zu Ihren ersten Fasnachtserinnerungen?

Mein Grossvater wohnte direkt am Marktplatz. Als kleiner Bub hatte ich also immer eine super Aussicht auf den Morgestraich. Das war grossartig. Auch mein erstes Kostüm: Da habe ich aus alten Krawatten meines Grossvaters ein Krawattenmonster gebastelt. Ich ging sehr stolz auf die Strasse.

Sie sind in Basel stark verwurzelt. Ihr Name aber verrät: Ihre Wurzeln liegen auch woanders, in Syrien.

Genau. Meine Mutter ist Baslerin, mein Vater kam mit 18 Jahren als Student nach Basel – und kehrte nicht mehr nach Syrien zurück. Ich selber war noch nie dort. Dafür in Ägypten: Nach meiner ersten Plakette im 2015 lud mich die Schweizer Botschaft in Kairo dazu ein, vor Ort einen Kurs zum Thema Laternenmalerei durchzuführen – ich bin ja auch Laternenmaler. Das war ein schöner Berührungspunkt mit der arabischen Welt, eine eindrückliche Erfahrung.

So sahen die Blaggedde und Tarek Moussalli 2015 aus.

So sahen die Blaggedde und Tarek Moussalli 2015 aus.

Dort werden auch Laternen gemalt?

Ja, das ist eine Tradition während des Ramadans. Allerdings wurden in den vergangenen Jahren nur noch Plastiklaternen aus China verkauft. Jetzt wollen sie die alten Traditionen aufleben lassen. Ich habe den Künstlern die Techniken beigebracht. Politische Themen werden dort indes nicht behandelt.

Geht Ihnen das nah, dass der Syrien-Konflikt die Welt in Atem hält?

Natürlich, das nimmt mich sehr mit. Ich habe ja auch Familie dort. Ein Cousin zweiten Grades ist nach Deutschland geflüchtet, hat seine Erlebnisse zu Papier gebracht und ein Buch veröffentlicht.

Mit den Flüchtlingsströmen nimmt auch der Fremdenhass in Europa zu. Wie reagieren die Leute heute auf Ihren Namen?

Ich spüre teilweise eine gewisse Skepsis. Ich versuche, das mit Humor zu nehmen. Nachdem bekannt wurde, dass ich die Plakette für die Fasnacht 2019 gestaltet habe, las ich etwa in einem Onlinekommentar, das sei ein schönes Beispiel für eine gelungene Integration. Und vor wenigen Tagen sass ich im Tram hinter zwei älteren Damen, die sich darüber wunderten, dass die neue Plakette das Werk eines Syrers ist. Da habe ich still in mich hinein geschmunzelt.