«Tram-Stress»
Tarifsystem der neuen Tramverlängerung stiftet Verwirrung: Parteifreund setzt Wessels unter Druck

SP-Grossrat Jörg Vitelli kritisiert, dass auf der neuen 3er-Tramverlängerung nach Frankreich trotz Parlamentsbeschluss nicht alle Abos gelten.

Peter Schenk
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SP-Grossrat Jörg Vitelli will, dass im 3er-Tram nach Saint-Louis auch das GA und das Halbtax gültig sind. Stattdessen braucht man Anschlussbilletts.

SP-Grossrat Jörg Vitelli will, dass im 3er-Tram nach Saint-Louis auch das GA und das Halbtax gültig sind. Stattdessen braucht man Anschlussbilletts.

Roland Schmid

«Die Befehlsverweigerung ist nicht akzeptabel», schreibt SP-Grossrat Jörg Vitelli in einer Medienmitteilung. Im März 2017 hat der Basler Grosse Rat in einer Motion mit grosser Mehrheit den Regierungsrat verpflichtet, das GA und Halb-Tax Abo auf der neuen 3er-Tramverlängerung ins elsässische Saint-Louis zu akzeptieren.

Passiert ist gar nichts. Wie beim 8er-Tram ins deutsche Weil am Rhein gilt von den Schweizer Abos auch ins Elsass nur das U-Abo. Stattdessen seien «prohibitive grenzüberschreitende Anschlussbillette geschaffen» worden. Verantwortlich dafür macht Vitelli neben der Regierung das Bau- und Verkehrsdepartement – indirekt also seinen Parteifreund, dessen Vorsteher Hans-Peter Wessels (SP). Der dürfte froh gewesen sein, dass der Ärger um das 3er-Tram mit der Einweihung endlich vorbei ist. Dem scheint nicht so.

Proteste

Franzosen wollen ihren Sondertarif zurück

Bis zur Inbetriebnahme der 3er-Tramverlängerung nach Saint-Louis am 9. Dezember sind die Elsässer sehr günstig mit den beiden Distribus-Linien 603 und 604 zur Schifflände gekommen. 1,50 Euro kostete das Billett, auch das Abo war mit 31 Euro konkurrenzlos günstig.

Damit ist es jetzt vorbei. Das Abonnement kostet mit 91 Euro drei Mal so viel und auch das Einzelticket hat sich verteuert. Der sogenannte Tarif Inflex, der auf den Buslinien und auf dem 3er-Tram bis zum Barfi gültig ist, kostet 2,80 Euro. Damit komme die Hin- und Rückfahrt auf 5,60 Euro und die Preise, auch beim Abo, hätten also um 300 Prozent aufgeschlagen, heisst es in einer Online-Petition.

Gestern war sie von gut 400 Personen unterschrieben worden. Sie verlangt die Wiedereinführung eines Abonnements nur für die Buslinie. Das neue Abo, das dem U-Abo entspricht und zur Weiterfahrt im TNW-Bereich berechtigt, würden viele Kunden nicht brauchen.

Hubert Vaxelaire, öV-Beauftragter des zuständigen Zweckverbands, widerspricht. «Von den Grenzgängern hatten schon jetzt rund 70 Prozent ein U-Abo.» Ausserdem könnten die Kunden für 20 Euro ein Jahresabo kaufen, mit dem die Einzelbilletts statt 2,80 Euro nur noch 2,20 Euro kosten. Mit der vorherigen Sonderregelung sei der TNW den Elsässern 15 Jahre lang sehr entgegen gekommen. «Ich denke nicht, dass ein derartiges Sonderabo wieder möglich ist.» (psc)

Unterstützung erhält Vitelli von der IGöV Nordwestschweiz, einem Interessenverband für den öffentlichen Verkehr. «Ein schwerer Mangel», sei die Nichtgültigkeit des GA auf der Linie, schreibt Präsident Stephan Maurer. Gegenüber der bz betont er: «In der engen Agglomeration müssten die verschiedenen Abos beidseitig der Grenzen gültig sein. Noch besser wäre ein gemeinsamer Tarifverbund.»

U-Abo Gültigkeit unter Druck

Davon ist man noch weit entfernt. Nun scheint sogar die Gültigkeit des U-Abos auf den beiden Tramverlängerungen ins nahe Ausland unter Druck zu kommen. Wie aus öV-Kreisen zu vernehmen ist, setzt sich der Tarifverbund Nordwestschweiz (TNW) unter anderem mit der Idee auseinander, für monatlich zehn Franken ein Zusatzabo zum U-Abo zu schaffen. Damit könnte man die beiden elsässischen Buslinien 603 und 604, den 38er-Bus nach Grenzach-Wyhlen, den 55er-Bus nach Weil Haltingen und die Tramverlängerungen 3 und 8 nutzen. Die jetzige Gültigkeit des U-Abos auf den beiden Tramlinien würde dann keinen Sinn mehr machen, müsste also abgeschafft werden.

Vitelli kann der Idee wenig abgewinnen: «Ich glaube nicht, dass das viele kaufen würden. Es wäre sinnvoller, das U-Abo um fünf Franken teurer zu machen und seinen Geltungsbereich auszudehnen.»

Beim TNW gibt man sich bedeckt. Geschäftsführer Adrian Brodbeck teilt mit: «Wir sind dabei, die verschiedenen Bedürfnisse und Meinungen betreffend Verbesserung des grenzüberschreitenden Verkehrs zu konsolidieren und daraus Szenarien zu entwickeln. Dabei ist noch nichts spruchreif.»

Zusatz-Wirrwarr durch die BVB

Die Basler Verkehrsbetriebe (BVB) tragen zum Durcheinander bei den grenzüberschreitenden Tarifen bei. Als Vitelli am Bernerring das Anschlussbillett zum GA für die Tramfahrt ins Elsass lösen wollte, wurde nur Distribus als Destination angeboten. Laut BVB gilt das auch für das Tram, aber wer soll das wissen? Ausserdem gebe es Softwareprobleme und es erscheint die falsche Auskunft «Billett kann nicht ausgegeben werden». «Das ist eine sehr verworrene Situation», klagt Vitelli.

Das ist noch nicht alles. Zum Schrecken der Elsässer haben die BVB in ihren aufwendig gestalteten Flyern zum 3er-Tram den falschen Preis angegeben. Statt 2,00 Euro wie angegeben kostet die durch ein mit Abo ermässigte Fahrt 2,20 Euro.