Bis vor kurzem herrschte im Tattoo-Business so etwas wie Goldgräberstimmung. Tätowierungen sind im Trend – und jeder will daraus Kapital schlagen. Die «Tageswoche» titelte 2012: «Das Geschäft mit den Tattoos läuft so gut wie nie zuvor.» Immer mehr Studios schössen aus dem Boden, die Tätowierer verdienten stets besser. In dieser Branche könne man monatlich bis zu 10'000 Franken verdienen, schrieb die Zeitung weiter.

Noch immer steigt die Zahl der Tätowierstudios unentwegt. Seit diesem Mai gibt es eine Registrierungspflicht. Die «Tageswoche» zählte vor fünf Jahren noch 20 Tattoo-Studios in der Region. Heute sind es 45. Und nicht alle kommen der Meldepflicht nach. Mario Perez, Geschäftsführer im «Fresh Up» am Dreispitz, schätzt, dass es in der Region mittlerweile über 70 Studios gibt.

Der grosse Unterschied im Vergleich zu den Boomjahren: Die Stimmung in der Branche ist heute im Keller. In Basel herrscht ein knallharter Preis- und Verdrängungskampf. «Es ist absolut paradox, was momentan in der Tattoo-Szene abgeht», ärgert sich Perez. «In der Innenstadt herrscht ein regelrechter Krieg unter den Tattooshops. Die Leute stehen vor den Geschäften der anderen und werben die Kunden ab.»

Ein Drittel der Jungen tätowiert

Das Zielpublikum sind weiterhin die Jungen. Zwar gibt es keine Statistiken, aber gross angelegte Umfragen in anderen westlichen Ländern wie den USA und Deutschland dürften in etwa auch die Situation in der Schweiz spiegeln. Schätzungsweise sind 15 Prozent der Bevölkerung unter 50 Jahren tätowiert. Gar ein Drittel aller Einwohner unter 30. Viele sind noch in der Ausbildung und dementsprechend preissensibel. Dies beobachtet auch David Holm. Der US-Amerikaner führt seit Anfang der 90er-Jahre ein Tattoo-Studio in Basel. Damals war er einer von lediglich drei oder vier Tätowierern in der Region. Holm sagt: «Heute gehen die jungen Leute von Studio zu Studio und vergleichen die Preise.»

Obwohl eine Tätowierung viel grössere Konsequenzen habe als der Kauf eines Paars Schuhe, würden die Jungen mehr Geld für Sneakers ausgeben. Der gebürtige New Yorker ist eines der vielen Opfer des Preiskampfs: «Vor zwanzig Jahren verdiente ich doppelt so viel wie heute.» Statt fünf habe er heute noch zwei Angestellte. «Früher tätowierte ich nicht unter 200 Franken. Heute ist bei mir schon eine Tätowierung für 150 Franken zu haben.» Holm ist kein Einzelfall. Roland Altermatt vom Verband der Berufstätowierer sagt: «Der Lohn eines Tätowierers ist nicht mehr der Gleiche. Wer eine Familie bekommen will, ist knapp dran.»

Teure Maschinen

Verlierer sind aber nicht nur die Tattoo-Studios, sondern auch die Kunden. Weil die Margen sinken, können die Tätowierer weniger für Hygiene ausgeben, als nötig wäre. Holm sagt, er habe Anschaffungen für mehrere tausend Franken machen müssen. Alleine die Maschine für die Sterilisierung der Instrumente koste 15 000 Franken. Pro Arbeitsstunde rechnet er Ausgaben von 40 bis 50 Franken alleine für die Hygiene. «Viele Berufskollegen foutieren sich um die Sauberkeit. Die Folge ist, dass sich die Leute mit Hepatitis C und schlimmstenfalls mit HIV anstecken.»

Urs Hauri, Leiter des baselstädtischen kantonalen Laboratoriums, will dies nicht «generell» bestätigen: «Reklamationen über schlechte hygienische Zustände in Tattoo-Studios, sei es von Konsumenten oder Konkurrenten, sind in den letzten Jahren kaum bei uns eingegangen.»

Hauri macht aber auf ein anderes Problem aufmerksam, das der Branche zu schaffen macht: die mindere Qualität der Farbstoffe. Weil die Tätowierer ihre Tinte individuell importieren, herrscht Wildwuchs. Die Gefahr der Billig-Tinten: Krankheiten und Allergien. Bereits 2015 machte das kantonale Laboratorium in einem Brief an die Tätowierer darauf aufmerksam, ein Augenmerk auf den Tintenkauf zu legen. Unter anderem seien viele Risiko- oder Künstlerfarben im Umlauf, auf denen die Deklaration der Pigmente fehle. Der damalige Befund des Kantonalen Labors gibt Aufschluss über die Ahnungslosigkeit vieler Tätowierer. Von 115 Tätowierern hätten 60 Risiko- oder Künstlerfarben bestellt oder verwendet. Dabei hätten nur acht Tätowierer diese Farben als «nicht oder wahrscheinlich nicht rechtskonform» eingeschätzt. Das kantonale Labor resümierte: «Die vielen Diskussionen haben gezeigt, dass eine grosse Verunsicherung bezüglich der Tätowiertinten vorliegt. Sie forderten von den Behörden Positivlisten mit Farben, welche sie verwenden dürften.»

Schmerzhafte Spätfolgen sind für die Tätowierten nicht nur Krankheiten und Allergien. Sondern auch das fortschreitende Alter und die veränderte Lebenssituation. Zwar sagt Roland Altermatt, dass die gesellschaftlichen Zwänge abgenommen hätten. «Früher mussten die Leute ihre Tattoos verstecken.» Heute könnten die Arbeitgeber nicht mehr davon ausgehen, untätowierte Lehrlinge zu finden. Gerade aufgrund des Tätowierbooms werden aber viele leichtsinnig und lassen sich Sujets stechen, die sie später bereuen. Die Folge: Immer mehr Studios bieten in Basel auch Tattooentfernungen an. Die gängigste Methode ist das Lasern. Neben den Kosten entstehen für die Kunden dabei neue Risiken. Bei der Rubinlaserbehandlung wird gemäss jüngeren Studien unter anderem Blausäure freigesetzt, was das Krebsrisiko erhöht.

Amateure zerstören die Branche

Der Preiskampf tobt. Die Hygienestandards werden missachtet. Und nicht zuletzt leidet auch die Qualität. Mario Perez findet klare Worte: «Es gibt Tätowierer, die nicht mal mit dem Bleistift umgehen können.» David Holm hat erlebt, dass eine Kunststudentin in sein «Tattoo & Body Art»-Studio in der Steinenvorstadt trat in der Überzeugung, am nächsten Tag als Tätowiererin anfangen zu können. «Sie sagte, sie könne gut zeichnen und war überrascht, dass dies nicht reiche», sagt Holm. Vielleicht hat sich die Kunststudentin ihren Traum doch erfüllt. Weil jeder Dahergelaufene im Internet ein günstiges Tätowierset kaufen könne, wimmle es mittlerweile auch in Basel von sogenannten «Scratchers». Das ist der Jargon für alle jene Hinterhof-Tätowierer, die Farbe unter die Haut kratzen.

Doch wie lässt sich das Problem lösen? In der Branche mehren sich die Stimmen, dass der Tätowierjob zu schützen sei. Ausser der Registrierpflicht gibt es heute keine Vorschriften. Nur wer im Verband der Berufstätowierer aufgenommen werden will, muss einen zweitägigen Hygienekurs besuchen. «Dabei braucht man mindestens fünf Jahre, bis man alles beherrscht», ereifert sich Holm. Seine Angestellte habe das erste Jahr lediglich putzen und sich mit hygienischen Fragen auseinandersetzen dürfen.

Andere Länder sind strenger

Auch Perez stellt klar, dass es so nicht mehr weitergehen dürfe. «Wir fordern, dass die Tätowier-Tätigkeit anerkannt wird, und man dafür eine Lehre machen muss.» Die Schweiz wäre nicht das erste Land, das Ausbildungsgänge vorschreiben würde. In Italien braucht beispielsweise jeder Tätowierer einen zweiwöchigen Hygienekurs. In Australien müssen die Tätowierer die gleiche Ausbildung betreffend der Hygienevorschriften durchlaufen wie Krankenschwestern.

Doch sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz fehlen Zulassungsbedingungen bis heute – selbst wenn sich die zuständigen Branchenverbände seit Jahren dafür einsetzen. Der schweizerische Verband der Berufstätowierer hat bereits mehrere Gesuche eingereicht, um die Anerkennung des Berufs zu erlangen. Bislang vergeblich.

David Holm hofft, dass der Politik nun endlich die Augen geöffnet werden. Denn: «So weit unten war die Branche noch nie.» Sein Kollege Perez hofft zudem auf eine Selbstreinigung im kranken Business. «In ein paar Jahren werden es in der Region wohl 20 bis 25 Studios weniger sein als heute.»