«Ich hab in meinem Leben noch nie einen Menschen geschlagen!», rief der 42-jährige Mann aufgebracht in den Gerichtssaal. Seine Beteuerungen waren lang, doch seiner Glaubwürdigkeit halfen sie nicht: Eine Vorstrafe aus dem Jahr 2008 wegen häuslicher Gewalt liess den oben erwähnten Satz in einem merkwürdigen Licht erscheinen.

Der aus der Südosttürkei stammende Mann lebt seit rund 15 Jahren in der Schweiz, arbeitete zuerst auf Baustellen und in den letzten Jahren als Taxifahrer. Seit jener Nacht vor acht Monaten sitzt er in Haft und wirkte zum Prozessauftakt am Dienstag sichtlich verzweifelt. Bereits bei der Schilderung seiner Einkünfte als Taxifahrer brach er in Tränen aus, antwortete auf simple Fragen des Gerichtspräsidenten weitschweifig und verwirrt, auf Widersprüche in seinen Aussagen hingewiesen brachte er jeweils neue Erklärungen.

Die Basler Staatsanwaltschaft geht von einem Streit zwischen den beiden Taxifahrern aus, der massiv eskalierte und schliesslich dazu führte, dass der 42-Jährige im vergangenen April vor dem Café Johanniter an der Ecke Wilhelm-His-Strasse auf seinen Kontrahenten schoss. Allerdings sagte selbst das Opfer am Dienstag vor Gericht aus, der Angeklagte habe nicht direkt auf ihn gezielt. In früheren Aussagen hatte er genau dies dem 42-Jährigen vorgeworfen.

Als es ums Geld ging, knallte es

Aus der Sicht des Angeklagten hat sich die ganze Geschichte völlig anders zugetragen: Er wollte vom anderen Taxifahrer seit Monaten eine Waffe kaufen, dieser habe in Basel bereits mindestens 20 andere Taxifahrer mit Schusswaffen ausgerüstet. Lange sei er vertröstet worden, in jener Nacht ging es vor dem Café dann ums Geld: 1300 Franken habe er bezahlt, doch plötzlich wollte der andere 200 Franken mehr. Im Streit gab es ein Handgemenge, und der Angeklagte will lediglich gegen die Waffe in der Hand seines Kontrahenten geschlagen haben, sodass sich dann zufällig ein Schuss löste. Auf dem Revolver findet sich allerdings nur die DNA des Angeklagten. Auch ob die Beule an der Schläfe des Opfers von einem Streifschuss oder von einem Schlag mit der Waffe herrührt, wurde am Dienstag vor dem Strafgericht nicht klar. Dazu kommt, dass der später in der Tiefgarage des Angeklagten sichergestellte Revolver mangels eindeutiger Spuren nicht zweifelsfrei als Tatwaffe identifiziert werden konnte. Für den Verteidiger war dies eine Steilvorlage: Die Situation sei insgesamt unklar, deshalb sei sein Mandant vollständig freizusprechen. Auch die Gefährdung der Restaurantbesucher sei nicht eindeutig seinem Mandanten anzulasten.

Für Staatsanwältin Claudia Schneider hingegen ist der 42-Jährige völlig unglaubwürdig. Sie verlangte eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren wegen versuchter Tötung, zumindest habe er den Tod des anderen Taxifahrers in Kauf genommen. Sollte das Gericht davon nicht überzeugt sein, beantragt sie alternativ eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren wegen Gefährdung des Lebens. Das Urteil fällt am Mittwoch.