Nähkästchen

Texter, Musiker und Ur-Fasnächtler Christian Platz: «Ich schwanke momentan zwischen Depression und Akzeptanz»

Christian Platz hat den Begriff Geschichte(n) aus dem Nähkästchen gezogen.

Christian Platz hat den Begriff Geschichte(n) aus dem Nähkästchen gezogen.

Christian Platz plaudert aus dem Nähkästchen. Über Nicht-Fasnacht, billige Drogen und Panik.

Christian Platz, worüber plaudern wir?

Christian Platz: Über Geschichte und Geschichten.

Die Fasnacht 2020 war Geschichte, bevor sie beginnen konnte. In welcher Trauerphase steckst Du grade?

Die Fasnacht ist in meinen Genen drin. Als ich fünf Jahre alt war – das ist ein halbes Jahrhundert her –, bin ich das erste Mal eingestanden. Und ich mag mich erinnern, wie mir meine Grosseltern von den verbotenen Fasnachten während der beiden Weltkriege erzählt und gesagt haben: Das wird nie mehr passieren. Das hat mich dermassen geprägt, dass ich in den vergangenen Tagen durch jede Phase getaumelt bin. Im Moment schwanke ich zwischen Depression und Akzeptanz. Es ist indes nicht die grösste Krise meines Lebens. Aber eine emotionale Prüfung.

Konntest Du den Entscheid der Behörden, die Fasnacht abzusagen, nachvollziehen?

Zu 100 Prozent. Ich war und bin selber Mitglied von Vorständen, musste auch schon Entscheide von einer bestimmten Tragweite fällen und bin mir bewusst, dass es den Verantwortlichen nicht leicht gefallen ist. Berset und seine Leute werden unendlich diskutiert haben, bis in den Morgen hinein.

Hast Du Dich an die Weisung der Behörden gehalten?

Zum Teil. Ich habe weder den Tambourmajorstock geschwungen noch ist unser Zug wirklich eingestanden. In die Innenstadt hat es mein Grüppli und mich, wir waren ein kleiner Sprenkel, trotzdem gezogen. Wir haben ein bisschen intrigiert – in seltsamen, zusammengewürfelten Kostümen und Halblarven – den Leuten fiktive Geschichten erzählt, auch historische Schnitzelbank-Verse zitiert. Situativer Aktionismus, ganz im Kleinen. Es ging nicht anders.

Wie haben die Menschen reagiert?

Alle haben sich gefreut und Verständnis gezeigt. Keiner hat blöd getan. Das hat mich erfüllt.
Trotzdem: Für manchen Nicht-Fasnächtler ist es schwer, nachzuvollziehen, dass es gewisse Aktive doch in die Stadt gezogen hat.

Wie erklärst Du das?

Das soll jetzt überhaupt nicht zynisch klingen: Der Sog fängt im November an, ab dann steigt das Fasnachtsfieber kontinuierlich an, Du gerätst in einen ganz besonderen Modus. Während der drey scheenschte Dääg bewegst Du Dich dann in einer Zone, die dem normalen Leben entrückt ist. Eine andere Welt. Das Unbewusste wird ganz tief bedient mit der Fasnacht.

Einen Funken Fasnacht gab es aber doch.

Jein. Die Nicht-Fasnacht, die wir jetzt hatten, war im Vergleich zu dem üblichen emotionalen Hoch eine viel billigere Droge. Sie fährt ein, aber auch gleich wieder aus, wenn Du realisierst, wie verzweifelt, wie trostlos das Stadtbild ist. Ein bisschen wie ein komischer Trip, hin- und hergerissen zwischen totaler Benommenheit und Nüchternheit.

Kannst Du es verstehen, dass viele Aktive zu Hause geblieben sind?

Natürlich, ich respektiere das vollkommen. Jeder geht mit Trauer anders um. Manche suchen die Konfrontation, andere vergraben sich in ihrer Traurigkeit.

Tausende forderten in einer Petition, die Fasnacht zu verschieben. Hast Du auch unterschrieben?

Nein, das gefällt mir nicht. Das Fasnachtsdatum richtet sich – wie Ostern – nach dem Frühlingsvollmond. Der Mond macht den Zeitpunkt der Fasnacht. Diese Rolle kann kein Mensch übernehmen. Es geht nicht. Entsprechend auch nicht, alles in den dritten Bummelsonntag zu packen.

Die Frage ist auch, ob dieser überhaupt stattfinden kann. Das Corona-Virus breitet sich aus, und mit ihm die Panik. Wie geht es Dir dabei?

Die Bedrohung ist sicher sehr real, ich verharmlose das Virus nicht. Allerdings denke ich, dass die sozialen Medien als Multiplikatoren der Panik wirken. Also: Die Angst geht viral, und sie multipliziert sich mit jedem neuen Post, wird durch das Internet noch angeschoben. In solchen Zeiten sollten wir einen kühlen Kopf bewahren, auch über die Situation reflektieren.

Schier unmöglich angesichts der schieren Fülle an Hiobsbotschaften, die auf uns einprasseln.

Genau. Vor 50 Jahren, als es das Internet noch gar nicht gab, wäre die Geschichte anders verlaufen.

Sicher ist: Diese Fasnacht – oder vielmehr Nicht-Fasnacht – wird in die Geschichte eingehen. Was von ihr bleibt an Dir hängen?

Dass man nicht so tun kann, als ob Fasnacht wäre, wenn sie nicht stattfindet. Diese emotionale Prüfung, das Aushalten, das werde ich niemals vergessen.

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