«Wir wiederholen nur, was Jean-Jaques Rousseau vor 250 Jahren forderte: Die Musik muss sich frei bewegen können!», beruft sich Bianca-Story-Chefkopf und -Stimme Elia Rediger auf den Genfer Querdenker. Die Basler Band will zwar keinen König guillotinieren, Revolutionäres hat ihr Befreiungsgedanke dennoch: 90 000 Euro, also rund 110 000 Schweizer Franken sammeln sie auf «wemakeit.ch», einer Crowdfunding-Plattform. Kommt der Betrag zusammen, sind die Songs des Ende November erscheinenden Albums gratis erhältlich.

Normalerweise wollen Musiker beim Crowdfunding einen Betrag zwischen 3000 und 10 000 Franken generieren. Die Bands fordern dabei keine Spende. Sie offerieren den Geldgebern, je nach Betrag, eine Gegenleistung: Bandartikel wie Album oder T-Shirt, Verdankung im Booklet, Instrumentalunterricht bei einem der Musiker oder Wohnzimmerkonzerten der ganzen Truppe.

«Je besser die Belohnungsideen der Band, desto mehr Unterstützer finden sie», weiss «wemakeit»-Mitgründerin Rea Eggli. 180 Bands erreichten seit der Aufschaltung der Plattform im Februar 2012 ihr Ziel oder übertrafen es gar. Über eine Million Franken floss so in Bandkassen - das macht 5556 Franken im Schnitt.

Rund das Zwanzigfache wollen nun The Bianca Story und listen auf ihrer Webseite detailliert auf, wofür der grosse Batzen ist. Studiomiete, Pressung, Promo, Suisa-Gebühren und Steuern, plus 15 000 Euro als Lohn für die fünf Bandmitglieder. Rediger: «Die Musik gratis abzugeben funktioniert erst, wenn wir uns Essen kaufen und die Miete bezahlen können. Wir nutzen das Crowdfunding auch, um Musikfans zu zeigen, dass Musik wie jede Kunst auch was kostet, einen Wert hat. Musik darf nicht zum Werbegeschenk degeneriert werden!»

Die Band schien mit der Kampagne einmal mehr den Nerv der Zeit getroffen zu haben. Das virtuelle Konto der Band füllte sich jedenfalls rasch. Auch die Medien fanden Gefallen an der originellen Idee. Nach 20 Tagen Laufzeit ist der Zahlungsfluss jedoch ins Stocken geraten. Der Kontostand liegt noch immer unter 30 Prozent der 90 000 Euro. Rediger: «Nervös sind wir seit Beginn der Kampagne. Die Phase jetzt finde ich besonders spannend, da die Leute nun ihre Meinung bilden: Ist es nur ein PR-Gag oder wirklich eine gute Idee? Ich bin zuversichtlich!»

Damit wieder Geld fliesst, präsentieren The Bianca Story nun erstmals Musik vom kommenden Album. Passend zur Aktion heisst der Song «Does Mani Matter?». Ein Wortspiel mit dem sozialkritischen Berner Mundart-Barden und dem englischen Wort für Geld, gemeinsam intoniert mit Dieter Meier von Yello. Der angegraute Dandy tanzt und singt, oder eher rappt, im Video.

Band will aufs Matterhorn

Zeitgleich wurden auf wemakeit.ch neue Unterstützer-Goodies aufgeschaltet und auch ein ganz grosser Brocken, der The Bianca Story zu echten Gipfelstürmern machen könnte. Für 45 000 Franken kann man die Band als Bergsteiger buchen und sie aufs Matterhorn schicken. Rediger: «Das würde mich höllisch Überwindung kosten! Beim Training letzte Woche in einem Klettersteig bei Adelboden, merkte ich, dass meine Höhenangst noch lange nicht überwunden ist.»

Schon einmal versuchten die Basler, ihre Musik von der klassischen Wertschöpfungskette durch Albumverkäufe zu befreien und verkauften 2009 das «Unique Copy Album» für 10 000 Franken als exklusiven, multimedialen Kunstkubus. Danach konnte man die fünf Songs gratis runterladen. Die Aktion brachte ihnen die Aufmerksamkeit von Publikum und Medien sowie den Deal mit dem grossen deutschen Indie-Label Motor Records.

Nun gelingt es der Band erneut, den Zeitgeist nicht nur in ihre Musik, sondern in das Gesamtkonzept einzubinden und ihre Kunst mit einer PR-Kampagne zu vereinen. Rediger: «Nur eine schlechte Band ist keine Kunst und normale Marketingstrategien sind uns einfach zu langweilig und öde.»

Ob es brotlose Kunst bleibt, liegt nun in den Händen der Fans.

Plattentaufe: The Bianca Story, «Digger», 29. November, Kaserne Basel.