Rock’n’Roll
«The Moment After The Show»: Die Persönlichkeiten hinter den Tätowierungen

Die Basler Matthias Willi und Olivier Joliat porträtieren Rockstars, wie sie wirklich sind. Für ihren Bildband fotografierten sie die Musiker direkt nach dem Konzert - verschwitzt und authentisch. Heute Abend stellen sie ihr Buch in der Kaserne vor.

Moritz Kaufmann
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Rapper Taz von Tafs in der Kaserne Basel.(Ausschnitt)
4 Bilder
Punklegende Iggy Pop.Fotos: ZVG/Matthias WillI (Ausschnitt)i
Die Kanadierin Melissa Auf der Mauer.(Ausschnitt)
Der Bildband «The Moment After The Show» portraitiert Künstler, wie sie wirklich sind

Rapper Taz von Tafs in der Kaserne Basel.(Ausschnitt)

Abgekämpfter Blick ins Leere, verschwitzt und mit dem Bier in der Hand sitzt er da. Der Applaus ist abgeklungen und das Adrenalin abgepumpt. Punkrock-Legende Iggy Pop, die unzerstörbare Rampensau, unmittelbar nach einem Konzert fotografiert im kargen Backstage-Bereich des Zürcher X-tra.

Heute ist Vernissage (20.30 Uhr, Kaserne Basel)

Heute Abend stellen Matthias Willi und Olivier Joliat ihren Bildband «The Moment After The Show» in der Kaserne Basel offiziell vor, wo auch viele ihrer Porträtaufnahmen entstanden sind.

Die Vorpremiere war vorletztes Wochenende an der Musikmesse M4Music in Zürich. Bei einer Buchvernissage über Musiker dürfen diese natürlich nicht fehlen: Es spielen die von Kritikern geliebten aber vom grossen Publikum wenig beachteten amerikanischen Wüsten-Rocker Karma To Burn und die deutsche Independent-Band Blackmail. Mitglieder von beiden Bands sind auch in Willis und Joliats Buch porträtiert. Im Anschluss an die Konzerte legen DJs auf.

Ausgewählte Bilder aus dem Buch sind in der Kaserne bis zum 6. Mai ausgestellt. Dann ist Finissage mit einem Konzert von Jon Spencer - einem weiteren Musiker aus dem Bildband.

«Wenn man das Management fragt, ob man die Künstler so verschwitzt und spontan fotografieren darf, hat man keine Chance», erklärt Willi, «man muss direkt zu den Künstlern gelangen.» Joliat organisierte deshalb Interviews mit den Musikern, wo er ihnen das Konzept erläuterte. Diese waren jeweils begeistert von der Idee. «Mit dem Einverständnis der Musiker konnten wir die ganzen Hierarchien vom Tour-Manager bis zur Plattenfirma übergehen», lacht Joliat. Ein paar Interviews waren nur Mittel zum Zweck und sind gar nicht erschienen.

«So wie wir wirklich sind»

Angefangen hatte alles mit Juliette Lewis. Die ehemalige Schauspielerin und Ex-Freundin von Brad Pitt setzte 2005 auf eine Karriere als Rockmusikerin und war unterwegs mit ihrer Band The Licks. Joliat hatte ein Interviewtermin, doch Lewis’ Management gab die strikte Weisung «No Photos» heraus.

Also fragte Joliat Lewis, ob es möglich sei, wenigstens nach dem Auftritt ein Bild zu machen. Lewis war sofort dafür. «That’s the only way to show, how we really are», soll sie gerufen haben. «Nur so kann man zeigen, wie wir wirklich sind.» Dieser Spruch wurde zum Leitmotto des Projekts und die ausgelaugte, schweissnasse Juliette Lewis ziert heute das Titelbild des Buchs.

Mehr als hundert Künstler hatten die Rockfans Willi und Joliat seither vor der Linse. Zwei Sommer lang verbrachten sie in Montreux am Jazz Festival, wo die Sicherheitsleute sie schliesslich kannten und durchwinkten. Überhaupt wurden fast alle Bilder in der Schweiz geschossen. Teilweise an grossen Festivals, teilweise aber auch in kleinen Clubs.

Keine Posen, kein Umziehen

«Wir wollten möglichst unverfälschte Fotos», sagt Willi. Das heisst: keine Posen, kein Umziehen, kein schwarz-weiss. Entstanden sind Bilder von Rockstars, wie man sie noch nie gesehen hat. Geerdet, nachdenklich, fast schüchtern schauen sie in die Kamera oder an ihr vorbei. Hinter den Tätowierungen und der verschmierten Schminke schimmern jene Persönlichkeiten hervor, welche die üblichen inszenierten und bearbeiteten Promofotos kaschieren, die man von den Musikern kennt. Das Glamouröse und die Show haben die Rockstars auf der Bühne gelassen. Hinter dem Vorhang sind sie wieder sich selbst.

Eine weitere Besonderheit von Willis und Joliats Buch ist die Gleichbehandlung aller Künstler: Branchenstars stehen neben Untergrundrockern. Im Buch enthalten ist ein gegenübergestelltes Interview: Auf der einen Seite Robert Trujillo, Bassist der legendären Metallica, die mit über hundert Leuten, darunter eigene Physiotherapeuten, auf Tour gehen. Auf der anderen Seite Anthony Thomas, Sänger der Basler Garagenrockern Lombego Surfers (deren Schlagzeuger Olivier Joliat ist), die sich jeweils zu viert samt Instrumenten und Gepäck in einen Minibus quetschen. Fazit: Egal, wie gross oder klein eine Band, der Geist des Rock’n’Roll bleibt derselbe.

Im Eigenverlag herausgebracht

Das nun erschienene Buch sehen die beiden als eine Art Abschluss ihres Projekts. Die zwei Freunde geben den Bildband im Eigenverlag Rough Publications heraus. Sie hätten schon Angebote von Verlagen gehabt, doch sie merkten: «Das ist unser eigenes Baby. Wir wollen niemanden von einem Verlag, der uns dreinredet», sagt Joliat.

Finanziell sei es ohnehin nicht interessant. «Der Markt für Bildbände ist ungefähr so kaputt wie der Musikmarkt», meint Willi. 1500 Stück haben sie in einer ersten Auflage drucken lassen. Verkauft haben sie in der ersten Woche etwa 150 über ihre Website. «Eine genaue Buchhaltung haben wir noch nicht aufgestellt», sagt Joliat, «aber es läuft gut.» Ob am Schluss auch noch ein kleiner Gewinn übrig bleibt, wissen Willi und Joliat noch nicht. «Schön wäre, wenn wir am Ende etwas Geld hätten, dass wir in ein nächstes Projekt investieren könnten», meint Willi.

Zurück bleiben Erinnerungen, eindrückliche Fotografien und natürlich unzählige Anekdoten. Etwa als Joliat einen Nachmittag lang Whisky mit Lemmy Kilmister, dem berühmt-berüchtigten Sänger von Motörhead, getrunken hat, um ihn zum Mitmachen zu überreden. Dummerweise war Willi da gerade im Ausland. Lemmy ist deshalb nicht im Buch zu finden. Joliat lacht: «Wir sind danach nie mehr an ihn rangekommen.»