Tagebücher werden nicht bloss dafür geschrieben, in Nachttischschubladen zu liegen und persönliche Geheimnisse festzuhalten: Manche Tagebücher sind für die Öffentlichkeit gedacht. Die literarische Gattung der Diaristik hat interessierten Lesern schon seit Jahrhunderten Einblicke in die intimeren Gedanken grosser Persönlichkeiten und deren Perspektiven auf das Zeitgeschehen geboten.

Zu den bekanntesten Tagebuchautorinnen des vergangenen Jahrhunderts gehört die Kunstsammlerin und Fotografin Thea Sternheim. In der Universitätsbibliothek Basel sind die Zeitzeugnisse seit diesem Wochenende und noch bis zum 28. November 2015 ausgestellt. Die schriftlichen Aufzeichnungen sowie Fotografien Sternheims ermöglichen den Besuchern der Ausstellung nicht nur einen Einblick in das persönliche Leben dieser aussergewöhnlichen Frau, sondern vermitteln auch ein eindrückliches Bild von Gesellschaft und Politik.

Scharfsinn inmitten der Wirren

Die Tagebücher Sternheims zeichnen sich durch eine grosse Kontinuität aus: Fast täglich schilderte die Gattin des deutschen Dramatikers Carl Sternheim darin deren belastende Ehe sowie das Familienleben mit den beiden Kindern Klaus und Mopsa. Letztere wurde später im Zweiten Weltkrieg als Widerstandskämpferin bekannt.

Thea Sternheim, die selbst Augenzeugin beider Weltkriege war, verknüpft in ihren Tagebucheinträgen Anfang des 20. Jahrhunderts intime familiäre Augenblicke mit ihren scharfsinnigen Beobachtungen zu der jeweilig aktuellen Lage Europas – fast beiläufig stehen Wetterberichte, mütterlicher Stolz und die dramatischen politischen Ereignisse, die zum Ersten Weltkrieg führten, nebeneinander.

Allerdings ist die Perspektive Sternheims nicht allein eine deutsche: Noch vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten zog sie 1932 nach Frankreich und eröffnete in ihren Tagebüchern fortan auch ein bezeichnendes Abbild des Zweiten Weltkriegs im französischen Sprachraum.

Gedenken an eine grosse Frau

Dennoch traf der Krieg Sternheim auch privat: Sie selbst wurde 1939 im Lager «Camp de Gurs» interniert, konnte allerdings nach kurzer Zeit fliehen. Nachdem jedoch in Deutschland ihr gesamtes Vermögen eingefroren wurde, musste sich Sternheim bis Kriegsende zunehmend verarmend in eine kleine Pariser Wohnung zurückziehen.

Vor dem endgültigen finanziellen Ruin rettete sie lediglich eine weitere persönliche Tragödie: Nach dem Tod ihrer Tochter Mopsa 1954 erhielt Thea Sternheim für deren Leidenszeit im Konzentrationslager Ravensbrück eine Wiedergutmachungszahlung. Trotzdem musste sie 1963 im Alter von achtzig Jahren aus finanziellen Gründen zu ihrer Tochter Agnes nach Basel ziehen. Hier verstarb sie im Jahr 1971.

Nun erinnerten die Universitätsbibliothek Basel, sowohl mit der Ausstellung in ihren Räumlichkeiten, als auch mit einer begleitenden Publikation unter dem Titel «Keiner wage, mir zu sagen: Du sollst!», an die verschiedenen Stationen ihres bewegten Lebens. Am 21. Oktober findet in den Ausstellungsräumen ausserdem der Themenabend «Die Welt der Thea Sternheim» mit Vorträgen und einer Führung zu den Exponaten statt.

Die Öffnungszeiten sowie mehr Informationen zur Veranstaltung finden Sie auf der Website der Universitätsbibliothek: www.ub.unibas.ch.