Theater Basel
Das grosse Kotzen über den Krieg

Regisseur Jan Bonny lässt am Theater Basel Heiner Müllers «Philoktet» von drei Frauen spielen. Sie reihern und rezitieren sich die Seele aus dem Leib. Das ist provokativ und witzig, aber auch ermüdend.

Mathias Balzer
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Aenne Schwarz (links) und Rosa Lembeck zeigen in «Philoktet» am Theater Basel intensive Theatermomente.

Aenne Schwarz (links) und Rosa Lembeck zeigen in «Philoktet» am Theater Basel intensive Theatermomente.

zvg/Lucia Hunziker

Homers «Odyssee» ist – unter anderem – eine Blaupause für grausame Geschichten. So auch für die von Philoktet. Odysseus hat ihn auf dem Weg nach Troja auf der unbewohnten Insel Lemnos ausgesetzt, weil er als Krieger nicht mehr zu gebrauchen war. Philoktet hat sich am Fuss verletzt. Die Wunde stinkt zum Himmel. Das Geschrei des Verletzten ist ebenso unerträglich. Zehn Jahre später gleicht der Ausgesetzte einem verwahrlosten, hasserfüllten Tier. Odysseus stiftet Neoptolemos, Sohn des Achilles, zu List und Lüge an, um Philoktet wieder für sein Heer zu gewinnen, da er einen unfehlbaren Pfeilbogen besitzt. Doch der Mann mit dem Stinkefuss will Rache üben. Um Odysseus zu retten, bringt ihn Neoptolemos am Ende des Dramas um.

Sophokles hat die Tragödie vor zweieinhalbtausend Jahren fürs Theater gedichtet. Heiner Müller hat sie in den Sechzigerjahren neu geschrieben. Da seine Stücke in der DDR zensiert wurden, verlegte er sich darauf, politische Inhalte in klassische Stoffe zu verpacken. Für ihn war «Philoktet» eine Parabel auf den Stalinismus, darauf, wie Einzelne missbraucht werden, um dem Staat dienlich zu sein. Ein mehrfach geschichtsträchtiger Stoff also, den sich der deutsche Filmregisseur Jan Bonny für seine erste Theaterarbeit ausgewählt hat.

Willkommen im Kunstlabor der Sechzigerjahre

Bonny inszeniert das Stück mit einer doppelt überraschenden Setzung: Die drei Männer werden von drei jungen Frauen gespielt, und Ort der Handlung ist ein Künstleratelier (Bühne: Alex Wissel). Leinwände mit fragmentarischen Kriegerdarstellungen lehnen an den Wänden, drei abstrakte Skulpturen werden von der Decke gelassen. Ein Gestell mit Requisiten unterstreicht den Werkstattcharakter. Surrealerweise schneit es während der ganzen zwei Stunden bunte «Räppli» (für Nichtbasler: Konfetti) aus dem Theaterhimmel.

Aenne Schwarz als Philoktet, Elmira Bahrami als Odysseus und Rosa Lembeck als Neoptolemos beginnen entspannt und Bier trinkend. Der weibliche Odysseus spielt unten, Philoktet oben ohne. Dann folgt, was den Abend und die Erinnerung an ihn prägen wird: Noch bevor die drei Frauen mit dem eigentlichen Text beginnen, veranstalten sie eine überbordende, lange dauernde Kotz-Orgie. Dabei dienen ihnen unzählige mit dunkler Sauce gefüllte PET-Flaschen als Requisit. Flüssigkeit und Räppli vermischen sich zur rutschigen Unterlage für die Heldinnen.

Rosa Lembeck (links) und Elmira Bahrami «kotzen» am Theater Basel die Bühne für das antike Männerdrama voll.

Rosa Lembeck (links) und Elmira Bahrami «kotzen» am Theater Basel die Bühne für das antike Männerdrama voll.

zvg/Lucia Hunziker

Da wär sie also: die witzige, grenzwertige, aber auch doppelbödige Dekonstruktion dieser testosterongeladenen Kriegergeschichte. Kotzen die Frauen, weil Philoktets Fuss so unerträglich stinkt oder weil sie diesen Männertext rezitieren müssen? Die Frage bleibt unbeantwortet, aber das exzessive Reihern hat Folgen: Erste Zuschauer verlassen kopfschüttelnd die kleine Bühne am Theater Basel. Andere werden ihnen später folgen.

Das wiederum erstaunt, denn diese Kotz-Performance erinnert an längst vergangene Provokationsformen. Etwa diejenigen, welche die Wiener Aktionisten in den Sechzigerjahren, zur Entstehungszeit des Stückes, inszenierten. Verglichen mit jenen Blut- und Rotzritualen ist dieses Kotzen eine auf Theatertauglichkeit heruntergebrochene Light-Version.

Die Leiden des «Philoktet», von Aenne Schwarz grandios gespielt.

Die Leiden des «Philoktet», von Aenne Schwarz grandios gespielt.

zvg/Lucia Hunziker

Die geschockten Bildungsbürger hätten denn auch ruhig bleiben können. Es folgen zwar noch eine intensive Schrei-Performance des gebeutelten Philoktet, ein paar harmlose Schwanzmalereien und die Vergewaltigung von Odysseus mit einem Penis, der einem Elefanten gehören könnte. Aber ansonsten: Die drei Frauen dekonstruieren die Männer-Saga nicht bis zur Unkenntlichkeit. Im Gegenteil, sie spielen sie textgetreu durch. Wobei wir bei der Schwäche des Abends sind.

Heiner Müller hat den extrem verdichteten Text in Blankvers geschrieben, was ihm einen antikisierenden Ton verleiht, ihn aber schwer verständlich macht. Dieser Effekt verstärkt sich, wenn Elmira Bahrami ihren Odysseus gekonnt vernuschelt und ihre beiden Gefährtinnen ihre langen Monologe oft im schmerzerfüllt schreienden Drama-Ton rezitieren.

Das ermüdet, und irgendwann in diesen zwei Stunden entsteht der Wunsch, dieser mit augenzwinkernden Piccolo-Einlagen musikalisch untermalte «Räppli»-Regen möge nicht ewig dauern.

«Piloktet», bis 27. Juni, Kleine Bühne, Theater Basel,
www.theater-basel.ch.

Frauen parodieren Krieger: Elmira Bahrami (links) als Odysseus, Aenne Schwarz als Philoktet am Theater Basel.

Frauen parodieren Krieger: Elmira Bahrami (links) als Odysseus, Aenne Schwarz als Philoktet am Theater Basel.

zvg/Lucia Hunziker