Theater Roxy
Theater-Cüpli, aber nur für Blauäugige

Das Experiment «Enjoy Racism» des Regieduos Thom Truong lockt die Zuschauer aus der Komfortzone. Demnächst auch im Theater Roxy in Birsfelden.

Benjamin von Wyl
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«Enjoy Racism» macht aus Vorurteilen ein böses Spiel.

«Enjoy Racism» macht aus Vorurteilen ein böses Spiel.

zvg

Marie Caroline Blanche führt durch den Abend wie durch ein Wohltätigkeits-Dinner. Die Zuschauer werden umsorgt: Apéro riche inklusive Cüpli für alle. Nicht ganz für alle, für die Braunäugigen nicht. So ist das halt. «Enjoy Racism» lädt das Publikum zu einem performativen Experiment ein: in eine Gesellschaft, die alle Braunäugigen diskriminiert.

Vorbild dafür ist das BlueEyed-Experiment. Die amerikanische Primarlehrerin Jane Eliott teilte am Tag nach der Ermordung Martin Luther Kings ihre Klasse in Braun- und Blauäugige ein. Die Braunäugigen mussten sich in Fabrikoveralls kleiden und Eliot ging sogar so weit, dass sie behauptete Blauäugige seien aus biologischen Gründen intelligenter. Die Blauäugigen zeigten bessere Leistungen und verhielten sich den Braunäugigen gegenüber herablassend.

«Enjoy Racism» verfolgt einen anderen Ansatz. «Wir nutzen das Experiment als System, aber uns geht es nicht darum, Diskriminierung erfahrbar zu machen. Im Gegenteil: Wir machen unserem Publikum ein Angebot, sich mit den eigenen Privilegien auseinanderzusetzen», erklärt Monika Truong, der einen Kopf hinter dem Duo Thom Truong. Seit 2011 entwickelt sie unter diesem Namen gemeinsam mit Thom Reinhard Performances, die gesellschaftliche Dynamiken erfahrbar machen.

Die Blauäugigen dürfen Cüpli trinken und dabei Marie Caroline Blanche zuhören, wie sie süffisant, manchmal auch brachial, rassistische Bemerkungen macht. Sie sehen aber auch, dass Blanche offensichtlich eine weiss geschminkte, schwarze Performerin – Ntando Cele – ist. Wie kann man in dieser Situation reagieren? Es gibt kein richtiges Verhalten.

«Enjoy Racism» wurde vor einem Jahr in der Roten Fabrik in Zürich gezeigt. Der Abend tastete Grenzen ab; einzelne haben sie auch überschritten: An einer Vorstellung in der Roten Fabrik hat ein Zuschauer der Performerin das Mikrofon aus der Hand gerissen. Das quittierte ein anderer Zuschauer mit dem Ausruf «Enjoy Sexism». Die Inszenierung könnte ebenso diesen Namen tragen. Trotz solcher Vorfälle mündete jede Vorstellung in intensiven, ehrlichen Gesprächen mit dem Publikum und der ernste Anspruch litt nicht darunter, dass immer wieder groteske Komik aufblitzt.

Überarbeitete Fassung

Für ihre Aufführungsserie im Theater Roxy Birsfelden haben Thom Truong die gemachten Erfahrungen ausgewertet und den Abend justiert. So ist es etwa Thom Reinhard ein Anliegen neu selbst eine klare Funktion innezuhaben. So will er vermitteln, was er während den Proben gespürt hat: «Als einziger weisser, heterosexueller Mann im Cast bin ich trotz allem Wissen immer wieder in Situationen geraten, in denen ich zugeben musste, dass ich Stereotypen folge.»

«Enjoy Racism» richtet sich an ein städtisches Publikum, das von rassistischem Denken vermeintlich unbefleckt ist. Auch Braunäugige kommen zu einem Cüpli. Zumindest, wenn sie mit den Regeln des Abends brechen. Dazu sind sie herzlich eingeladen.

«Enjoy Racism» 17. bis 19. November im Theater Roxy, Birsfelden.