Theater
Jugend im Theater: Der Groll ist laut!

Die Performance «born to shine» vom Jungen Theater Basel gibt Einblick in die Nöte und Wünsche von Jugendlichen. Spoiler: Bildschirme spielen eine Rolle.

Benjamin von Wyl
Merken
Drucken
Teilen
Wie weiter im Leben? Das Junge Theater Basel zeigt «born to shine».

Wie weiter im Leben? Das Junge Theater Basel zeigt «born to shine».

Uwe Heinrich / bz Zeitung für die Region

Im ersten Moment ist es ein wenig viel. Die Performance «born to shine» startet in einer Lautstärke knapp unter der Kopfschmerzschwelle. Es wummert, es dröhnt und klingelt in der schwarzen Reithalle der Kaserne Basel. Licht spendet nur das nervöse Geflacker von 13 Bildschirmen. Einen Moment lang sitzt da ein Mensch in Marionettenpose, bevor er wieder verschwindet. Das Flackern, das Dröhnen, das Klingeln reissen das Publikum aus dem Alltag und verweisen auf die technische, digitale Reizflut, der alle ausgesetzt sind. Jetzt in der Pandemie verbringen die meisten noch mehr Zeit vor dem Bildschirm, während der Arbeit, in der Ausbildung. Manche haben auch ihr Feierabendbier auf Skype verlagert.

Erst nach zehn Minuten erscheint die jugendliche Performancecrew in Aerobic-Kostümen auf der Bühne. Jeweils eine Person tanzt unter den Augen der anderen zu Discofunk, Hip-Hop und steriler Popmusik. Jugendliche rutschen am Bildschirm vorbei von Sofamöbeln und bleiben reglos liegen. Ein Blondschopf im blauen Onepiece mit karogemusterten Socken inszeniert sich für seine Smartphone-Kamera in Selfieposen. Instagram-Kultur, digitale Reizüberflutung, Bildschirme zwischen sich und der Welt: Als gross der Schriftzug «How You Like That?» eingeblendet wird, kann man schon auf den Gedanken kommen, dass man sich nach so langer Zwangstheaterpause einmal über 80 displayfreie Minuten gefreut hätte.

Geboren, um zu scheinen

Doch diese Sehnsucht des Publikums vergönnen ihm Regisseur Sebastian Nübling und Choreograf Ives Thuwis, die beide schon oft für das Junge Theater Basel gearbeitet haben, nicht. Und das ist auch gut so. Immer wieder dringt auch der Titel «born to shine» wie ein Mantra über die Anlage: Geboren, um zu scheinen. Dabei geht es nicht nur um das Rampenlicht, sondern ganz grundsätzlich ums «Was?» und «Wie?» im Leben.

Das Junge Theater Basel gibt der Jugend eine Stimme.

Das Junge Theater Basel gibt der Jugend eine Stimme.

Uwe Heinrich / bz Zeitung für die Region

Von einem ans Mikrofon gepressten Smartphone werden Texte gespielt: Es geht um gemeinschaftliches Engagement für eine bessere Welt, darüber wie man beim Spiel eines Instruments die Verbundenheit mit der Mutter spürt oder den Leistungsdruck im Showtanz spielt. Dass diese persönlichen Bekenntnisse über Smartphone-Lautsprecher dringen, ist gerade kein Ausdruck von Künstlichkeit. Die digitalen Geräte sind so normal, dass der Verzicht darauf vielleicht Sehnsucht bedient, aber das Leben verfehlt.

Manche Tanzszenen könnten zwar von der Ur-Boygroup N’Sync sein, doch die 14 «Performer*innen» zwischen 15 und 23 sind eben jetzt jung und nicht in den 1990er-Jahren. Sie präsentieren in «born to shine» eben nicht ihre Instagram-Profile, sondern schlicht ihre Realität. Am beeindruckendsten gerät das in der ausdauernden Aufzählung, was «hässig» macht. Über 180 Dinge sind es – vom Klang des Wortes «hässig» bis zur SRF-Sendung Arena. Dabei kommt auch immer wieder zur Sprache, wie hässig es macht, wenn die Öffentlichkeit nicht akzeptiert, dass sich manche Menschen weder als Mann noch als Frau identifizieren. Darum heisst es an dieser Stelle – entgegen der Grammatikregel dieser Zeitung – auch «Performer*innen»: Mit dem Stern sind sie mitgemeint.

«born to shine», Junges Theater Basel, Regie: Sebastian Nübling

«born to shine», Junges Theater Basel, Regie: Sebastian Nübling

Uwe Heinrich / bz Zeitung für die Region

Die Wutaufzählung zeigt auch, weshalb diese Performance so wichtig ist: Täglich schreiben alte Menschen Artikel darüber, wie es Jugendlichen momentan geht. In «born to shine» zeigen es ausnahmsweise junge Menschen selber.

«born to shine», Junges Theater Basel, bis 28. April. Kaserne Basel. www.kaserne-basel.ch.