Theater
Ode an ein böses Mädchen

Im Vorstadttheater Basel spielt sich ein hässliches und böses Mädchen im subversiven Anti-Märchen «Greuliche Griselda» in die Herzen der Zuschauerinnen und Zuschauer.

Dominique Spirgi
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Die «Greuliche Griselda».

Die «Greuliche Griselda».

Joel Sames/ zvg

Nein. In diesem Märchen gibt es keine Prinzessin, die den hässlichen Frosch mit einem Kuss in einen bezaubernden Prinzen verwandelt. In dieser Geschichte wird aus dem hässlichen Entlein kein schöner Schwan. In «Greuliche Griselda» bleibt das Mädchen mit dem an und für sich doch schon absonderlichen Namen Griselda, das, was der Titel besagt, nämlich «greulich». Oder etwas präziser ausgedrückt: ein hässliches, unausstehliches, bösartiges, entsetzliches Mädchen.

Griselda, erfunden wurde sie von der Kinderbuchautorin Edna Mitchell Preston, ist nicht eine Opferfigur, die durch einen Schicksalsschlag in die Ecke des Entsetzlichkeit getrieben wird.

Das Mädchen hat Eltern, die es lieben und umsorgen. Das Ehepaar Schmitz (Bea Nichele-Wiggli und Tobias Schulze) ist Agglo-Mittelstand durch und durch: nette Leute in einem kleinen netten Häuschen, in einem kleinen netten Vorort eines kleinen netten Städtchens, die vom Reichtum träumen, wie der Erzähler (Florian Müller-Morungen) sagt.

Ihr Wunschkind Griselda ist aber nicht so, wie man sich ein Kind in der vermeintlichen Agglo-Idylle erwünscht: immer nett und adrett, sportlich und hübsch wie das Nachbarkind Vanillie (ebenfalls Bea Nichele-Wiggli). Griselda treibt die Eltern auf nachvollziehbare Weise in die schiere Verzweiflung, wenn sie das widerspenstige kleine Monster in das viel zu kleine Kinderbett bringen wollen. Griselda weigert sich auch standhaft, Sport zu treiben und schlägt sogar den Fitnesstrainer k.o.

Griselda lernen wir aber auch als mutiges und gescheites, äusserst schlagfertiges und willensstarkes Mädchen kennen. Griselda ist so stark, dass sie es sogar schafft, das böse Nachtmonster «Grusel-Fies» zu einem kuscheligen «Griesel-Fus» zu zähmen. Griselda ist unter dem Strich ein personifiziertes Pamphlet gegen das Angepasstsein, gegen die vermeintlich wunderschöne Influencer-Welt auf Instagram oder Tiktok.

Ein wundervolles Puppenspiel

Griselda ist auf der Bühne des Vorstadttheaters Basel eine Puppe. Gestisch und stimmlich geführt wird sie durch Priska Praxmarer, die das fratzenhafte kleine Monstrum auch erschaffen hat. In ihren Händen und mit ihrer krächzenden Stimme wird die Puppe Griselda so lebendig, dass sich ihre Mitspielerinnen und Mitspieler aus Fleisch und Blut Mühe geben müssen, nicht gänzlich an die Wand gespielt zu werden.

Gina Durler hat die strube Geschichte mit und rund um die greuliche Griselda als turbulente Komödie inszeniert, die sowohl den Spielerinnen und Spielern wie auch den Zuschauerinnen und Zuschauern während einer Stunde keinerlei Verschnaufpause gönnt. Die Bühnenbildkonstruktion von Fabian Nichele hilft mit, dass das Geschehen niemals an Drive verliert: Tische und Stühle schweben am Bühnenhimmel und können je nach Bedarf beziehungsweise Spielort an den Boden heruntergeholt und wieder in den Himmel weggeräumt werden.

«Greuliche Griselda» ist ein ausgesprochen subversiver und gerade deshalb vergnüglicher Märchenabend, der sich jenseits von allen Moral- und Kitschpfaden bewegt. Und trotz allem mündet das Ganze in ein Happy End: Griselda muss nicht, sie darf hässlich und unangepasst bleiben. Im Schloss ihrer reichen Tante gleichen Namens ist das überaus erwünscht. Ja, selbst die Eltern finden zu einem glücklichen Ende: Sie werden ihr entsetzliches Kind los und von der Tante mit einem riesigen Sack voller Geld abgespiesen.

Greuliche Griselda, Vorstadttheater Basel. Bis 2. Oktober. www.vorstadttheaterbasel.ch

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