Wildwuchs Festival

Theatermacherin Sandra Forrer erzählt, wie sie ihre traumatische Kindheit überstanden hat

«Ich musste lernen, meine Ängste mit positiven Erfahrungen zu überschreiben» – Sandra Forrer.

«Ich musste lernen, meine Ängste mit positiven Erfahrungen zu überschreiben» – Sandra Forrer.

Am Basler Wildwuchs Festival macht sich Sandra Forer mit ihrem Stück «Widde-widde-wie es uns gefällt» für die Schwächsten stark – psychisch erkrankte Kinder.

Sandra Forrer ist bereit, das Aufnahmegerät läuft, die Fotografin macht Bilder. Auftritt der Kommunikationsverantwortlichen des Berner Burgerspitals, wo das Gespräch stattfindet: Ob das Interview eine politische Dimension habe, möchte sie wissen. Steckt eine Partei dahinter?

Die Antwort lautet zu ihrer Beruhigung nein, obgleich die 39-jährige Dramaturgin Forrer durchaus Partei ergreift. Am Basler Wildwuchs Festival macht sie sich mit ihrem Stück «Widde-widde-wie es uns gefällt» für die Schwächsten stark – psychisch erkrankte Kinder. Forrer lässt Sieben- bis Zehnjährige auftreten und erzählt damit von ihrer eigenen Biografie: Ihre erste Depression hatte sie mit sieben Jahren.

Können Sie sich an den Beginn Ihrer Krankheit erinnern?

Sandra Forrer: Ich erinnere mich daran, dass es mir nicht gut ging, aber ich hatte dafür keine Sprache. Ich konnte mich nicht mehr mit meinen Freundinnen treffen, weil ich Angst hatte, das Haus zu verlassen. Meine erste Panikattacke war auf einem Waldausflug mit der Pfadi, danach wurde es immer schlimmer. Badeausflüge oder Schulreisen waren der Horror. Mit acht Jahren schrieb ich meiner Mutter einen Brief, dass ich nicht mehr leben wolle.

Schrecklich. Wie hat sie darauf reagiert?

Meine Mutter ist aus allen Wolken gefallen! Ich war ein fröhliches Kind, und plötzlich zog ich mich zurück. Von den Anfängen der Erkrankung hatte sie nicht viel mitbekommen. Dass ein Kind zuweilen ängstlich ist und sagt, dass es nicht mag, kommt ja vor. Meine Mutter wollte eine gewisse Normalität aufrechterhalten, wusste aber nicht, wie. So ging ich für ein Jahr bei einem Kinderpsychiater in Behandlung, der auch meine Mutter beriet.

Wie haben Sie sich wieder gefangen?

Ich durfte zu Hause bleiben, das hat mir eine neue Welt eröffnet. Ich habe viel gelesen und im Kinderzimmer meine Fantasie ausgelebt. In diesem Rahmen konnte ich mich stabilisieren, für den Moment war das eine gute Lösung. Wenn man ein Bein bricht, nützt es ja auch nichts, wenn man es sofort wieder belastet. Ich musste zuerst lernen, dass ein Leben mit Einschränkungen möglich ist.

Was war der Grund für Ihre Erkrankung?

Das weiss man nicht genau. Es ist immer eine Mischung. Stresssituationen können ein Trigger sein oder schwierige Familienverhältnisse – was bei mir nicht der Fall war. Es gibt eine genetische Disposition, eine erhöhte Sensibilität, was aber nicht zwingend zu psychischen Problemen führen muss. Bei mir war vermutlich ein hormoneller Entwicklungsschub der Auslöser.

Wie geht es Ihnen heute?

Ich kämpfe immer noch mit den Folgeerscheinungen. Statistisch gesehen, steigt die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls, je früher eine solche Angsterkrankung in der Entwicklung einsetzt. Auch im Erwachsenenleben gab es Phasen, in denen ich mich kaum aus dem Haus traute. Die Schwierigkeit dabei ist, dass man gar keine andere Realität kennt – eben weil die Krankheit so früh begann.

Wie gehen Sie damit um?

Ich musste lernen, mich in schwierige Situationen zu begeben, um meine Ängste mit positiven Erfahrungen zu überschreiben. Es hat lange gedauert, bis ich realisierte, dass ich nicht nur einfach eine «schwierige Person» bin. Das Wissen, dass ich tatsächlich etwas habe, war enorm befreiend für mich. Seit einigen Jahren nehme ich ein Medikament, das mir eine Lebensqualität gibt, die ich nicht für möglich gehalten hätte! (lacht)

Und wie reagiert Ihr Umfeld?

In meinem persönlichen Umfeld kann ich zum Glück offen kommunizieren und sagen: Heute geht es mir nicht gut, ich bleibe zu Hause. Aber der innere Kampf, sich eine solche Krankheit einzugestehen, ist hart in einer Leistungsgesellschaft. Man redet noch immer viel zu wenig über psychische Schwierigkeiten, besonders bei Kindern. Das will ich mit meinem Projekt ändern.

Wovon handelt es?

Es geht um psychische Erschütterungen, das Stück wurde gemeinsam mit Kindern in Workshops erarbeitet. Auf der Bühne ist ein Kinderzimmer nachempfunden, in dem sie sich bewegen und spielen. Es gibt Orte, wo sie Trost finden und sich einkuscheln können. Die Zuschauer können sich zum Beispiel auch von einem Kopfkissen erzählen lassen, vor dem die Kinder Angst haben.

Das Publikum darf auf die Bühne?

Ja. «Widde-widde-wie es uns gefällt» ist eine installative Performance. Die Kinder laden die Erwachsenen dazu ein, mit ihnen zu zeichnen, zu spielen oder Bücher anzuschauen. Es soll ein Raum sein, in dem gemacht werden kann, worauf man gerade Lust hat. Gleichzeitig stellt er eine Art Innenwelt der Kinder dar, wo es Geheimnisse gibt: Was ist mir wertvoll, was kann ich tun, dass es mir wieder besser geht?

Und was sind das für Kinder, die auftreten?

Das sind ganz «normale» Kinder von Freunden und Bekannten. Sie wurden nicht gecastet, weil sie sich gerne exponieren und mit nichts ein Problem haben. Es geht ja generell darum, wie man Schwierigkeiten begegnet, im pathologischen Sinn wie im alltäglichen. Das Stück soll wie ein Besuch sein, bei dem Kinder ihr Zimmer vorführen, aber auch einfach mal mit einem Buch in einer Ecke sitzen bleiben, wenn sie nicht mögen.

Der Zusammenhang zwischen Krankheit und Kreativität wird oft romantisiert. Wie sehen Sie das?

Diesen Mythos, dass meine Krankheit meine Kreativität befeuert, kann ich nicht bestätigen. Ich hatte schon immer das Bedürfnis, mich künstlerisch auszudrücken, fühlte mich aber eingeschränkt durch meine inneren «Knöpfe». Je mehr sich diese «Knöpfe» lösen, desto mehr gewinnt meine Arbeit an Qualität. Ich kann heute besser mit Menschen in Kontakt kommen, auch in meinem künstlerischen Ausdruck.

Wann sollen Eltern aktiv werden, um Kinder vor einer solchen Krankheit zu schützen?

Mehr, als die eigenen Kinder spüren, ihnen zuhören und sie ernst nehmen, geht eigentlich nicht. Wichtig ist, dass man Veränderungen wahrnimmt. Dass man zweimal nachfragt und nicht einfach davon ausgeht, dass ein Kind «schwierig tut». Ich werde demnächst Mutter. Das ist schon speziell, wie alles zusammenkommt in diesem Projekt. Nachdem ich mit meiner Mutter intensiv über meine Kindheit gesprochen habe, übernehme ich jetzt selber diese Rolle. Darauf freue ich mich sehr!

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