Herr Kessler, letzte Woche wurde in Deutschland die Organisation «Die wahre Religion», welche durch die Koranverteilaktionen «Lies!» bekannt geworden ist, verboten. Wie beurteilen Sie das?

Thomas Kessler: Das kam nicht überraschend. Wie viele deutsche Medien kommentierten, handelte es sich um einen überfälligen Schritt.

Die Organisation ist auch in Basel immer wieder mit Standaktionen präsent. Gibt es nun auch hierzulande ein Verbot?

Ein solches Verbot kann bei uns nur der Bundesrat anordnen. Bisher wurden Al-Qaida und der sogenannte Islamische Staat verboten. Organisationen können aber schnell den Namen wechseln. Für unsere Behörden stehen die Personen und ihre konkreten Taten im Fokus.

Wie kann es sein, dass die deutschen Behörden eine Organisation als gefährlich einstufen und die Schweizer nicht?

Wir haben in jeder Beziehung eine andere Situation, vor allem auch in der Rechtsgeschichte und der Organisation der Länder. In Deutschland ist ein solches Vorgehen normal. In der Schweiz gibt es keine Tradition von schnellen Verboten von Organisationen.

Bedeutet das, man schaut weiterhin einfach zu, wenn radikale Fundamentalisten mitten in der Stadt missionieren?

Wir beobachten die Szene genau. Die Organisation «Lies!» ist seit etwa zwei Jahren in Basel nicht mehr präsent. Dafür sind andere Organisationen unter neuem Namen aufgetaucht. Die Basler Behörden haben aber schon lange vor den Razzien in Deutschland geplant, die Auflagen für solche Stand-Aktionen anzupassen. Die Regierung wird in den nächsten Wochen dazu genauer Auskunft geben.

Sie sind Leiter der neu gegründeten Task-Force Radikalisierung. Was genau macht diese?

Wir nehmen Situationsanalysen vor, lösen bei Bedarf Massnahmen aus und tauschen uns unter den Fachbehörden aus, etwa wenn eine Schul- oder Sozialbehörde Hilfe in einem Fall braucht. Aktuell das wichtigste Thema ist die mögliche Radikalisierung einzelner Muslime. Aber wir haben auch politische Radikalisierung und aufdringliche Sekten im Blick. Gerade bei jungen Leuten kann die Begründung einer Radikalisierung schnell wechseln, zum Beispiel von politisch zu religiös.

Die Task-Force wurde kürzlich gegründet. Bedeutet das, die Situation hat sich verschärft, oder hat man bisher zu wenig gemacht?

Es gibt in Basel keine Verschärfung der Situation. Man hat das Bestehende klar formalisiert und eine effiziente Struktur geschaffen. Wir haben schon vorher zusammengearbeitet. Diese Kooperation wird nun gefestigt. In der Task-Force ist das Know-how von der Koordinatorin Religionsfragen bis hin zum Nachrichtendienst zusammengefasst.

Nehmen wir ein paar aktuelle Beispiele: In Therwil sorgen zwei muslimische Jugendliche für Schlagzeilen, welche ihrer Lehrerin aus religiösen Gründen die Hand nicht geben wollen. Wäre so etwas schon ein Fall für die Task-Force?

In Basel wurde diese Frage schon vor Jahren diskutiert. Es gibt einen Leitfaden, wie in solchen Fällen vorzugehen ist. Für eine Sonderbehandlung prüft man zuerst das Motiv der Jugendlichen mit den Eltern. Berechtigten Minderheitenanliegen kommt man so weit entgegen, als dass der Schulbetrieb nicht gestört wird. Das kann sein, dass man beim Essen Rücksicht nimmt. Oder dass man besorgten Eltern vorschlägt, dass die Tochter im Klassenlager auf dem Stock der Lehrer übernachten kann. Als es am Samstag noch Unterricht gab, gab es Sonderregeln für die orthodoxen Juden. Selbstverständlich gilt das Bildungsobligatorium für alle gleich. Es wird konsequent eingefordert. Man muss an sämtlichen Stunden teilnehmen, inklusive Sport und Schullager.

Das heisst, wenn ein Schüler seine Motivation wirklich religiös begründen kann, müsste er der Lehrerin die Hand nicht unbedingt geben?

Die Basler Schulen haben eine bewährte Praxis und jeweils pragmatische Lösungen. Ich war als Jugendlicher in drei verschiedenen Schulhäusern. In allen galten andere Anstandsregeln. Einmal musste man laut grüssen, auf dem Land musste man aufstehen, wenn eine erwachsene Person das Zimmer betrat. Am dritten Ort war klar, dass man einander die Hand gab und in die Augen schaute.

Wo ist die Grenze zwischen religiös begründeten Sonderwünschen und der Gefahr einer Radikalisierung?

Der Grenzfall ist der, wo die Schul-, Sozial- oder Migrationsbehörde sagt, wir brauchen Unterstützung. Etwa wenn die Eltern uneinsichtig sind und ihre religiöse Begründung über unser Rechtssystem stellen. Dann kann dies zu Sanktionen führen. So wurden auch bereits Bussen ausgesprochen, weil ein Vater sich weigerte, seine Töchter in den Schwimmunterricht zu schicken.

Geben Sie mir ein Beispiel: Wann kommt die Task-Force ins Spiel und was macht sie?

Zusätzlich zur Gesamtanalyse gibt es auch Hilfe im exemplarischen Einzelfall. So kann es etwa sein, dass ein Partner, der durch Heirat in die Schweiz gekommen ist, dadurch auffällt, dass er oder sie nicht in die Öffentlichkeit geht, die Sprachkursangebote des Kantons nicht annimmt, jedem Kontakt ausweicht oder sich aufdringlich religiös kleidet. Dann ist man in einem Bereich, wo Hilfe angefordert wird.

Das sind sehr niederschwellige Kriterien.

Das ist die Absicht. Die Task-Force kommt nicht erst dann zum Einsatz, wenn eine Intervention nötig ist, sondern schon früher. Dann haben wir die grösste Wirkungsmöglichkeit. Sobald jemand behördenrelevant wird, etwa weil er von staatlicher Hilfe abhängig wird oder nicht an Elternabenden teilnimmt, gibt es Möglichkeiten, anzusetzen. Etwa mit einer Integrationsvereinbarung oder einem Coaching.

Überspitzt formuliert: Sobald jemand mit einer Burka rumläuft, landet er bei Ihnen auf dem Schreibtisch.

Wenn die Kleidung zu problematischer Isolierung führt und eine Behörde Beratung will, ja.

Eine Burka ist ja nun wirklich kein Zeichen einer geglückten Integration.

Man muss immer den Einzelfall in seinem Kontext prüfen. Es gibt in einem benachbarten Kanton eine Ärztin, die ist abgesehen von den Augen, Nase und Mund komplett verhüllt. Trotzdem arbeitet sie erfolgreich, zahlt Steuern und erfüllt sämtliche Vorgaben der Behörden. So jemand löst keine Fallanalyse aus. Wenn aber jemand sozialhilfeabhängig wird und am Elternabend nicht teilnimmt, dann wird es behördenrelevant.

Was sind die Alarmzeichen bei Jugendlichen?

Meistens hängen diese mit dem Internet zusammen. Die Schockbilder aus dem Krieg haben anfangs viele Fragen aufgeworfen. Mittlerweile ist die Medienkompetenz aber stark gestiegen. Die Propagandawirkung von Internetvideos etwa hat klar abgenommen.

Wie muss man reagieren, wenn ein Jugendlicher solche Propagandavideos des sogenannten Islamischen Staats verbreitet? Ist dies bereits ein Anzeichen für eine Radikalisierung?

Zumindest ein Grund für eine vertiefte Abklärung. Allerdings haben viele Jugendliche so was auf dem Handy. Es kann auch zu einem Wettbewerb werden, nach dem Motto: «Wer hat den Magen, so etwas zu schauen?» Solche Videos haben auch Jugendliche, die gar nichts zu tun haben mit Radikalisierung. Wenn es aber einen Bezug hat zum Elternhaus oder zu Freunden oder Bekannten, muss man sehr genau hinschauen.

Wirklich gefährdete Jugendliche bewegen sich oft in geschlossenen Szenen. Es gibt diverse Beispiele von Adoleszenten, die in den Djihad gezogen sind, bei denen man überrascht war, wie schnell und unauffällig die Radikalisierung ablief.

Jugendarbeiter oder Betreuungspersonen in Moscheen sind stark auf das Thema sensibilisiert. Das sind wichtige Ansprechpersonen für uns. Aber wer wirklich in den Krieg ziehen will, kommuniziert das nicht breit und versucht, sich unauffällig zu verhalten. Dann greift der Sozialkontakt nicht mehr, sondern dort muss man mit nachrichtendienstlichen Mitteln arbeiten.

Stichwort Moscheen: In letzter Zeit stand vor allem die König-Faysal-Moschee an der Friedensgasse in den Schlagzeilen im Zusammenhang mit radikalen Islamisten. Wie gut kennen Sie die Moschee?

Sehr gut und schon lange. Wir haben zu allen zwölf Moscheen in Basel engen Kontakt. Entscheidend sind die persönlichen Gespräche. Diese sind offen, wir können über jedes Detail reden. Es ist sehr wichtig, sie in die Pflicht zu nehmen, Radikalisierung zu verhindern. Die Moscheen haben absolut kein Interesse daran, dass ihre Institutionen missbraucht werden. Es gibt immer wieder Besucher, die sie darauf hinweisen, nicht zu missionieren oder Flugschriften zu verteilen.

Der Imam der König Faysal-Moschee ist der Vater der beiden Jugendlichen, welche ihrer Lehrerin den Handschlag verweigerten. Laut einem kürzlich gesendeten Bericht der SRF-Sendung «Rundschau» gehört er zu einem Islamisten-Netzwerk und steht in engem Kontakt zu einem Mann, der im Verdacht steht, in Syrien im Djihad gekämpft zu haben.

Das ist uns selbstverständlich bekannt. Die Behörden stehen auch im Kontakt mit dem Imam. Wir kennen die Situation und wissen, was er predigt und welchen Einfluss er auf Jugendliche hat. Er ist traditionell fromm. Bezüglich Radikalisierung stellen wir eine präventive Sicht fest und auch eine klare Abgrenzung. Es ist verständlich, dass die Situation Fragen aufwirft. Die Bundesbehörden können ihre Arbeit aber nicht in der Öffentlichkeit ausbreiten.