Raus! Einfach raus! Am liebsten ans Wasser. Tausende Baslerinnen und Basler zieht es dieser Tage an die Wiese in den Langen Erlen. Dort liegt es sich weich auf dem Rasen und der Weg von der Stadt ist kurz. Manche lassen sich vom Strom der Mini-Wasserfälle massieren, andere lesen am Ufer ein Buch oder braten ihre Wurst auf einem umstrittenen Einweggrill. Kaum jemand trägt lange Hosen und ein Hemd. Die Wiese ist Bikini-Zone.

Für Jogger ist es tagsüber zu heiss. Einzig die Hunde rennen am Ufer umher, springen ins Wasser, schwimmen eine Runde, gehen zurück ans Ufer. Es ist das einzige Stück Natur auf Stadtgebiet, wo Hunde ohne Leine laufen dürfen. Die Frage ist nur: Wie lange noch?

Petition früher als geplant parat

Wenn es nach Grossrat Michael Wüthrich geht – nicht mehr lange. Zu gross ist die Angst des Grünen, Hunde könnten Hasen reissen. Er verlangt für die Langen Erlen einen Leinenpflicht für Hunde während der Brut- und Setzzeit. Im Frühling folgte eine Parlamentsmehrheit dem Begehren. Die Regierung hat noch über ein Jahr Zeit, den Vorstoss zu prüfen.

So lange wollten die Gegner nicht warten. Innert gut einem Monat haben sie 6000 Unterschriften gegen eine Leinenpflicht an der Wiese gesammelt. Am Wochenende entscheiden sie, wann sie die Petition einreichen. Es wird früher als geplant, eher vor als nach den Sommerferien. «Der Erfolg hat uns überwältigt», sagt Bruno Bartl, Präsident der IG der Kynologischen Vereine Basel und Region.

Zahlreiche Helfer sammelten vor Ort Unterschriften. Und alleine online haben 5000 Leute unterschrieben. Bartl hatte die Petition auf Initiative der Hundehalterin Michèle Brunner lanciert. «Ich bin zuversichtlich, dass wir unser Ziel erreichen», sagt er. Die Tierschutzverordnung verlange eine artgerechte Haltung. «Dazu gehört es, einen Hund frei zu lassen.»

Der Baumbestand direkt an der Wiese sei gering und entsprechend auch die Gefahr, dass Hasen oder Rehe durch Hunde zu Schaden kommen könnten. Genau das befürchtet Grossrat Wüthrich aber auch für das Flussgebiet ausserhalb des Waldes – und will zwischen April und Juli keine frei laufenden Hunde mehr sehen. 

Keine Wildtier-Vorfälle gemeldet

Das Veterinäramt äussert sich nicht zum Vorstoss. Auf Anfrage sagt Kantonstierarzt Michel Laszlo aber: «Uns sind nie Meldungen über Wildtier-Zwischenfälle zugetragen worden, was aber sicher der Fall wäre, wenn solche erfolgt wären.» Dafür, dass täglich zahlreiche Hunde und Menschen aufeinander treffen würden, passiere sehr wenig. «Uns wurden seit längerem kein Zwischenfall mehr gemeldet.»

Es ist friedlich an diesem Nachmittag und, glaubt man den Besuchern, auch sonst. Eine junge Frau sitzt auf ihrem Badetuch und zeichnet. Die Hunde stören sie nicht. «Die allermeisten Hunde sind gut erzogen und es kommt selten vor, dass Kot herum liegt.»

Auf dem schmalen langen Weg in Richtung Riehen sitzen viele Frauen und Männer in ihrem Alter, viele sind wie sie allein hier. Alle sagen dasselbe. Es sei schön, Hunde baden und springen zu sehen. Viele haben die Petition unterschrieben, obwohl sie sie als Nicht-Hündeler nicht betrifft. Manche haben noch nichts davon gehört, würden aber unterschreiben, sagen sie. Es ist schwierig, unter den Besuchern jemanden zu finden, der Michael Wüthrichs Meinung teilt. Anzutreffen sind höchstens Leute mit einem gewissen Verständnis für das Anliegen. Etwa Ursula und Beat Gutzwiller aus Riehen. Die Velofahrer sitzen auf einer Bank oberhalb des Ufers, ihre Enkel liegen im Anhänger. 

Griller, Hündeler, Eltern, Biker

«Wir wünschen uns mehr Toleranz von Hundebesitzern», sagt Ursula Gutzwiller. Derweil schnuppert ein Rottweiler am Veloanhänger. Er stört weder die Grosseltern, noch die Kinder. Der Hund verschwindet, als ihn sein Herrchen vom Ufer her ruft. Hund Pipa und Herrchen Andreas Stähelin gehen fast täglich hier spazieren. Manchmal nimmt Stähelin seinen Hund an die Leine, um die Leute nicht zu erschrecken. Ein Rottweiler sei ein imposantes Tier, sagt er.

«Nicht jeder sieht Pipa an, dass sie lieb ist.» Den obligatorischen Hundekurs hat Pipa damals mit Bestnoten bestanden. Inzwischen müssen Hundehalter keinen Kurs mehr besuchen.
Wären alle Hunde so gut erzogen wie Pipa, hätte das Ehepaar Gutzwiller kein Problem mit Hundehaltern.

Leider gäbe es aber auch negative Beispiele, Hunde etwa, die Velos nachspringen würden und Halter, die Velofahrer beschimpften. Ein Leinenzwang sei aber keine Lösung. «Wir kommen oft in die Langen Erlen und stellen fest: Der Nutzungsdruck steigt», sagt Beat Gutzwiller. Umso wichtiger sei Toleranz – von allen Seiten. Griller, Hündeler, Eltern, Spaziergänger, Jogger, Biker.

Laut der 38-jährigen Lia Gaye funktioniert das gut. Sohn Demba und sie sind oft hier. Kommt ein Hund in die Nähe, bleibt der Bub ruhig. «Nicht nur Hundehalter sind gefordert, auch Eltern müssen ihre Kinder so erziehen, dass sie nicht auf jeden Hund zurennen», sagt sie. Als Stammgast weiss sie: «Viele Hundehalter sind auf den Ort angewiesen, Demba und ich aber könnten an einen anderen Ort ausweichen. Aber warum sollten wir?»