Basel
Tierrechtsaktivist: «Ich bin hier im Zentrum des Pharma-Monsters»

Der Tierversuchsgegner Jake Conroy wurde in den USA als Terrorist zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Nun reist er durch Europa und spricht vor anderen Aktivisten, zum Beispiel der Tierrechtsgruppe Basel, über seine Ansichten und Erfahrungen.

David Egger
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Jake Conroy war Webmaster von «Stop Huntingdon Animal Cruelty». Deshalb landete er im Gefängnis. Nun war er zu Gast in Basel.

Jake Conroy war Webmaster von «Stop Huntingdon Animal Cruelty». Deshalb landete er im Gefängnis. Nun war er zu Gast in Basel.

David Egger

Der 39-jährige Grafikdesigner Jake Conroy aus Connecticut ist Tierrechtsaktivist. Die USA verurteilten ihn auf Grundlage des «Animal Enterprise Protection Act». Dieses Gesetz wurde zum Schutz aller Betriebe erstellt, die mit Tieren arbeiten. Inzwischen wurde es in «Animal Enterprise Terrorism Act» umbenannt.

Conroy führte die Website von «Stop Huntingdon Animal Cruelty» (SHAC), einer weltweiten Kampagne gegen Tierversuche. Es wurden Scheiben zerbrochen, Mitarbeiter, Geschäftspartner und Investoren von Tierversuchs- und Pharmafirmen eingeschüchtert und erpresst. An den Aktionen war Conroy nicht direkt beteiligt. Doch die Justiz sprach ihn 2006 schuldig. Das Verdikt: vier Jahre Knast.

Nun reist er durch Europa und spricht vor anderen Aktivisten, zum Beispiel der Tierrechtsgruppe Basel. Auch die bz traf ihn zum Gespräch.

Herr Conroy, Sie waren Webmaster einer Kampagne von Tierrechtsaktivisten. Was wurde Ihnen vorgeworfen?

Jake Conroy: Auf der Website berichteten wir über die Tätigkeiten der über zehntausend Aktivisten weltweit und legten offen, wer sein Geld bei der Firma «Huntingdon Life Sciences» (HLS) investierte, einer der grössten Tierversuchsfirmen. Wir sahen dies als Redefreiheit an. Die Justiz sah darin eine Verschwörung: Wir hätten andere dazu ermutigt, gegen den «Animal Enterprise Protection Act» zu verstossen.

Dank diesem Gesetz kann bestraft werden, wer eine Person in «ernsthafte Angst vor Tod oder Körperverletzung» versetzt oder Tierversuchsfirmen einen Schaden von über 10 000 Dollar zufügt und dafür die Grenzen von Bundesstaaten überschreitet. Wie wurde Ihnen das nachgewiesen?

In die Schadensberechnung floss mit ein, dass Aktienwert und Umsatz von HLS wegen unserer Kampagne massiv eingebrochen sind. Zudem wurde argumentiert, dass wir die Grenzen von Bundesstaaten durch das Internet überschritten hätten. Und 45 Zeugen sprachen vor Gericht über ihre Angst. Die Staatsanwälte ermutigten sie dazu. Vom Erfolg in diesem Prozess erhofften sie sich einen Karrieresprung. Wir von der SHAC waren die ersten, die auf Grundlage dieses Gesetzes verurteilt wurden. Staatsanwalt Chris Christie wurde Gouverneur von New Jersey, ist jetzt Präsidentschaftskandidat. Auch die beiden anderen Staatsanwälte wurden befördert.

Ihre Kampagne bestand seit Anfang des Jahrtausends. War die Justiz von Anfang an ein Gegner der SHAC?

Seit 2001 zügelten wir laufend unsere Server, um den Cyber-Attacken des FBI auszuweichen.

Wie erlebten Sie Ihre Zeit im Knast?

Man muss seine Emotionen komplett abstellen und darf keine Schwäche zeigen. Nach der Haft wieder ein mitfühlender Mensch zu sein, ist schwierig. Bei mir führte die Haft zu einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Jetzt sind Sie wieder frei. Kämpfen Sie als Ex-Straftäter mit Nachteilen?

Ich darf nicht wählen, keine Waffe besitzen und mich nicht in der Nähe von Personen mit Waffen aufhalten. Wohnungs- und Jobsuche sind auch schwieriger. Aber mit Unterstützung von Freunden geht es.

Für wen arbeiten Sie denn?

Für das Rainforest Action Network.

Sie engagieren sich für den Regenwald und fliegen nach Europa?

Das Leben ist komplex. Auch die Herstellung eines Velos verursacht Abgase. Wer nach absoluter Reinheit strebt, kann sich für nichts engagieren.

Nun engagieren Sie sich, indem Sie von Spanien bis Dänemark Ihre Geschichte erzählen. Was ist Ihr Ziel?

Ich will zeigen, welche Folgen Aktivismus haben kann, im Negativen und Positiven. Man muss aufpassen, keine Gesetze zu verletzen. Aber man kann viel verändern, unsere Kampagne ist ein Paradebeispiel.

Tierversuche sind weiterhin üblich und Sie waren im Gefängnis. Mit Verlaub, das ist doch kein Erfolg.

Diverse Investoren haben sich von HLS zurückgezogen, zum Beispiel die Bank of England. HLS verlor sehr viel Kapital und Kunden, stand vor dem Bankrott – und das wegen normalen Menschen, die zusammen etwas bewirken wollten.

Was empfehlen Sie Menschen, die etwas bewirken wollen, ohne an die Grenze der Legalität zu geraten?

Der einfachste Weg ist es die Ernährung zu ändern. Das reicht aber nicht: Gegen Tierausbeutung sollte man aktiv werden.

Für Nahrung sterben mehr Tiere als für Forschung. Macht es da noch Sinn, Tierversuche zu bekämpfen? Nur Medizin kann gegen Krankheiten helfen.

Wegen Tierversuchen verenden weniger Tiere, aber man darf Tiere nicht auf eine Nummer reduzieren. Jedes einzelne fühlt wie wir Schmerz und Freude. Zudem habe ich mich auch schon gegen Walfang, Pelz und für Veganismus engagiert.

Zum Schluss: Gefällt Ihnen Basel?

Ich bin hier im Zentrum des Pharma-Monsters, das ist schon speziell. Viel habe ich noch nicht gesehen, aber den Rhein finde ich sehr schön.