Tigerdame Aschanti sitzt bequem auf ihrem Hocker im Aussengehege auf der Rosentalanlage und schaut durch die Gitterstäbe. Carmen Zander, Dompteurin beim Circus Royal, ruft ihrem Schützling zu - doch Aschanti scheint dies nicht zu beeindrucken. Die sechseinhalbjährige Raubkatze beobachtet lieber, was sonst auf der Anlage alles passiert.

Zander gibt nicht auf und zeigt der grossen Katze mit der Peitsche an, dass sie zum nächsten Hocker laufen soll. Und siehe da: Aschanti setzt sich im Zeitlupentempo in Bewegung und schleicht auf den zweiten Bock zu. Dort angekommen hält Zander die Peitsche hoch und Aschanti setzt sich - unter lautem Gebrüll -, auf ihre Hinterbeine und streckt ihre Vordertatzen in die Höhe.

Auf diese Weise trainiert Carmen Zander täglich mit ihren fünf Königstigern in der Manege des Circus Royal. Dieser ist dieses Jahr der einzige Schweizer Zirkus, der eine Raubtier-Nummer im Programm führt. Grund für den Tierschutzverband, Kritik zu üben. Im Thurgauer Zirkus werde keine artgerechte Tierhaltung geboten, heisst es.

Genug Auslauf ist oberstes Gebot

Diese heftigen Vorwürfe weist Zander vehement zurück: «Die Kritik ist eine Schweinerei, eine Hetzkampagne», ruft sie entrüstet aus. Artgerecht sei es für Tiere weder im Zoo, noch im Haushalt, bei Sportarten mit Tieren oder in freier Natur, wo sie auf erbärmliche Weise gejagt werden. «Die Tigerhaltung im Zirkus muss tiergerecht sein», präzisiert sie. «Und das ist sie bei uns. Ich sorge 24 Stunden für meine Tiger und bin immer für sie da.» Zu Aschanti, Face, Imani, Kiara und Gandhi pflegt sie denn auch eine besonders innige Beziehung, hat sie doch alle selber an der Flasche gross gezogen.

Das Veterinäramt überprüft bei jedem Ortswechsel des Zirkus' die Haltung der Tiere, führt die Raubtier-Dompteurin aus. Die geforderten Bedingungen wie Auslauf, Spielmöglichkeiten, die Einstreuung des Käfigs sowie das Futter müssen stimmen. «Wenn es meinen Tigern nicht gut gehen würde, dann wären sie nicht so lebendig und neugierig. Sie würden eingehen.»

Zudem würden Kritiker die Entscheidungskraft der Veterinärärzte infrage stellen «und das geht nicht.» Zander geht noch weiter und spricht die Haltung von Haustieren an: «Menschen züchten ihre Tiere so, wie sie sie haben wollen. Egal, ob die Perserkatze oder der Mops noch atmen können oder nicht.»

Dass es Zanders «Mäusen», wie sie die fünf liebevoll nennt, gut geht, zeigt sie täglich in der Manege, wenn ihr eines ihrer Tiger einen Kuss auf die Wange drückt, oder sie sich auf Gandhis Rücken setzt. Es macht den Anschein, als wären diese Szenen für die 38-Jährige ein Kinderspiel.

Missverständnisse sind gefährlich

Doch dem ist nicht so: «Raubtiere bleiben Raubtiere. Wenn ich bei ihnen bin, muss ich mich konzentrieren.» Sie kommuniziere über Körpersprache, «wenn es ein Missverständnis gibt, kann es für mich gefährlich werden.» Gerade der Kuss löse bei ihr Muffensausen aus. «Als Dompteurin muss man immer Distanz zu den Tieren wahren. Beim Schmusen, wenn ich mich auf ein Tier setze oder es nach hinten treibe, damit es auf die Hinterbeine steht, durchbreche ich diese.» Warum tut sie es? «Das Publikum möchte das sehen. Und ich möchte Höchstleitung bringen. Das ist meine Herausforderung.»

Die Faszination für Raubkatzen entstand bei Zander schon als kleines Mädchen. Mit der Dressur der fünf Tiger hat sie sich ihren Lebenstraum erfüllt. Und sie wird die Tiere auch nie wieder hergeben, denn für die Zeit nach dem Zirkus - Tiger können über 20 Jahre alt werden, deren Leistung nimmt ab 15 Jahren ab - plant Zander für Aschanti, Face, Imani, Kiara und Gandhi einen Tierpark. «Tiger sind für mich mit ihrer Eleganz und Kraft die Vollendung der Schöpfung.»