Tino Krattiger, was meint das Nähkästchen?

Dass wir über Luxus reden.

Was ist der grösste Luxus für Sie?

Zeit. Nichts tun, sinnieren.

Das sagen doch alle.

In meinem Falle stimmt es. Ich hetze so oft durchs Leben. Nur September und Oktober nehme ich frei, vereinbare keine Termine. Denn die machen mich fertig. Dann ziehe ich mich zurück und bin nicht fremdbestimmt. Das ist der Luxus, den ich mir jedes Jahr leiste.

In Ihrem Haus im Tessin?

Dort, oder ich bereise Italien. Und plötzlich habe ich Zeit, der Kopf wird frei, und es entsteht Raum für Kreativität. Diesen Zustand kurz vor der Langeweile brauche ich, um auf neue Ideen zu kommen.

Am Dienstag feierte der Floss-Jahrgang 2017 Premiere. Jetzt bleibt die Kreativität wohl auf der Strecke.

Es regnet von allen Seiten Ansprüche, ich bin nur am Erfüllen grade. Parallel dazu stecken wir mitten in den Vorbereitungen für die Adventsgasse. Das ist viel Arbeit, ich habe das völlig unterschätzt.

Sie beklagen sich. Von aussen betrachtet führen Sie aber ein luxuriöses, weil selbstbestimmtes, kreatives Leben.

Klar, ich bin ein unabhängiger Macher. Es ist schön, nicht von 9 bis 17 Uhr arbeiten zu müssen, ein- und auszustempeln. Mit der Freiheit, die mir Floss und Rheingasse bringen, kommen jedoch die Sachzwänge, Konflikte mit Anwohnern und Behörden.

Die Stimmung in der Rheingasse scheint entspannter als auch schon.

Kann sein, zumindest, was das Floss betrifft. Das dauerte aber seine Zeit, wenn man bedenkt, dass es seit 18 Jahren anlegt, und was für Scherereien wir hatten. Heute finden es die Anwohner grossartig, wenn sie von ihrer Terrasse aus die Konzerte erleben können. Viele behaupten, sie hätten nie etwas gegen das Floss gehabt.

Manchmal könnte man meinen, Sie suchen die Reibung, den Konflikt auch. Dass er Sie nährt.

Nein. Konflikte entstehen, wenn man Ideen hat. Sie erzeugen Widerstand, und dann gibts Ärger. Weil ich bereit bin, dafür zu kämpfen. Das ist, wie wenn man ein Kind beim Spielen stört. Grausam.

Sind Sie das ganze Theater nicht langsam leid? Im Januar erklärten Sie die Begegnungszone Rheingasse für gescheitert. Sie sind immer noch da.

Weil meine Arbeit hier Sinn stiftet, das Resultat greifbar ist. Besonders das Floss. Es abzugeben, kommt für mich nicht infrage. Deshalb: Nein, ich bin es nicht leid.

Gibt es neue Ideen?

Derzeit nichts Ausgereiftes, nein.

Wie ist das Floss-Festival angelaufen?

Gut. Sieht man mal davon ab, dass uns eine Gewitterfront an der Premiere fast das Segel zerfetzt hat. Um das Ganze drumherum mache ich mir keine Sorgen mehr. Die Abläufe sind eingespielt, das Publikum ist dank des Lineups gut durchmischt.

Sie haben einen Hang zum Drama. Die Rheingasse ist nicht verwaist, wie Sie einst befürchtet haben, und das Gewitter war nicht wirklich schlimm.

Es hätte schlimm werden können. In beiden Fällen.

Auf der Internetseite des Flosses wird bildgewaltig beschrieben, wie das Schiff im 2017 in einem «reissenden Mahlstrom fast zerschmettert» worden wäre, wenn nicht der Steuermann im richtigen Moment den richtigen Kniff angewendet hätte. Sehr dramatisch.

Der Fahrtenschreiber Christian Platz war das. Er ist eine Drama Queen... Okay, ich auch.

Was ist passiert?

Uns fehlten 120 000 Franken bei einem Budget von 460 000 Franken; ein Sponsor ist von Bord gegangen. Eine niederschmetternde Erfahrung, weil lange keine Hilfe kam. In dieser Stadt meinen alle, das Floss sei ein Selbstläufer. Ist es nicht!

Wer war der grosse Retter?

Das kommuniziere ich nicht. Wichtig ist, dass das Floss weiter anlegen kann. Schon heute bereitet mir die Sponsorensuche für 2018 Bauchschmerzen. In dieser Branche gibt es keine Verträge mehr, erst recht nicht über mehrere Jahre. Es ist ein Kampf, jedes Mal aufs Neue.

Sie haben einen Namen in der Stadt. Nützt das nichts?

Nö, gar nicht.

Auf welchen Act am Floss freuen Sie sich eigentlich besonders?

Troubas Kater sind grosse Klasse. Zudem bin ich gespannt darauf, wie Edoardo Bennato ankommt. Und ich geniesse es, mich während der Konzerte unter all die glücklichen Menschen zu mischen. Keiner weiss da, wer ich bin, aber ich weiss, dass ich etwas bewegt habe. Da klopfe ich mir manchmal gerne selber auf die Schulter.

Wird das Floss angemessen honoriert? Ich meine jetzt in finanzieller Hinsicht.

Die ältere Generation zeigt sich sicher grosszügiger, steht solidarisch für die jüngere ein. Das ist schön. Im Schnitt zahlt jeder Besucher zwei Franken pro Konzert.

Das ist wenig.

Es gibt immer noch viele, die gar nichts zahlen. Es kommt auf die Acts an. Eine altgediente Band zieht ältere Menschen an, die sind grosszügiger. Bei Hip-Hop-Acts nehmen wir nichts ein, müssen danach dafür stundenlang putzen.

Also kein Hip-Hop mehr auf dem Floss.

Doch. Der Mischung zuliebe.

Wie viel würden Sie als Besucher in die Kollekte werfen?

20 Franken. Das wär’s mir allemal wert.

Sind Sie ein grosszügiger Mensch?

Ja.

Welchen materiellen Luxus leisten Sie sich?

Ich lege viel Wert auf Schönheit und Ästhetik. Das hat wohl damit zu tun, dass ich Architekt bin. Wenn ich ein Haus umbaue, kommen nur beste Materialien zum Zuge.

Und privat?

Alles. Möbel, Häuser, Autos, Motorräder, Uhren. Das Schöne erfüllt mich. Bereits als Bub hatte ich eine Schatzkiste voller einzigartiger Dinge. Ich sammelte etwa schöne Steine. Die putzte und pflegte ich den ganzen Tag. Das ist auch heute noch so: Ich hasse es, wenn mir jemand etwas kaputt macht oder ein Chaos hinterlässt. Das macht mich wahnsinnig.

Waren Sie ein verwöhntes Kind?

Nein, eher eine arme Sau. Ich musste schon als 10-Jähriger für die Familie kochen, putzen und einkaufen, weil alle so faul waren und auf ihrem Selbstverwirklichungstrip. Da habe ich gelernt, durchzuhalten und dranzubleiben. Das kommt mir heute zugute.