Basel
Tocotronic auf dem Kulturfloss: Die Kapitulation kommt zum Schluss

Ein durchmischtes Publikum, Matrosenkappen und viele glückliche Gesichter: Das Konzert von Tocotronic war ein grosser Erfolg für die Floss-Macher.

Jasmin Grasser
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Tocotronic-Sänger Dirk von Lotzow...
13 Bilder
... und seine Bandkollegen singen sich durch ihr 20-jähriges Repertoire...
...in der Basler Abendsonne.
Tocotronic sind das Highlight des diesjährigen Imfluss-Festivals.
Das Kulturfloss Tocotronic
Auch die Band selbst scheint Spass zu haben.
Entsprechend zahlreich kamen Publikum und Fotografen.
Viele warteten stundenlang am Rheinbord.
Tocotronic schippern aufs Floss.
Ein fast schon kitschiger Moment für viele eingefleischte Tocotronic-Fans.
Viele Fans besetzten stundenland ihren Sitzplatz.
Drummer Arne Zank kurz vor dem Auftritt.
Mit Matrosenmütze: Sänger Dirk von Lotzow.

Tocotronic-Sänger Dirk von Lotzow...

Martin Toengi

In gleissender Hitze bewiesen viele Besucher des Konzerts auf dem Floss am Donnerstag Ausdauer: Eine Stunde vor Konzertbeginn ist die Treppe des Rheinbords vor der Bühne im Wasser bereits gefüllt. Manche haben sich vorsorglich mit einem Schirm ausgerüstet, die Mehrheit allerdings sitzt in Badekleidern in der Sonne, um sich einen guten Platz am Konzert zu sichern.

Wer in diesem Gedränge noch aufstehen kann, kühlt sich kurz ab oder deckt sich mit Essen ein. Zehn Minuten später ist auch auf der Rampe, die runter zum Rhein führt, kein Platz mehr - dafür ist die Luft erfüllt vom Sprachengewirr und der Vorfreude der zahlreichen Menschen.

Neben verschiedenen Schweizer Dialekten hört man verhältnismässig sehr viel Deutsch. «Tocotronic sind in Deutschland halt wirklich noch einmal bekannter als hier», sagt Flosskapitän Tino Krattiger, der sich sehr über den Andrang freut. «So viele Besucher sind ein Wahnsinnserfolg.» Es sei immer ein gutes Zeichen, wenn das Rheinbord bereits vor dem Konzert gut gefüllt sei.

Deutsche Pünktlichkeit

Stilecht, mit einer Matrosenkappe auf dem Haupt von Sänger Dirk von Lowtzow lässt sich die Hamburger Band über den Rhein aufs Floss schippern. Nach einer zweisprachigen Begrüssung beginnt sie pünktlich um 20.30 Uhr mit «Wie wir leben wollen», aus dem gleichnamigen, zehnten Album, das dieses Jahr erschienen ist.

Das Publikum feiert seine Helden sitzend wie tanzend, bei neuen und auch bei älteren Stücken wie «This Boy Is Tocotronic». Die Setlist besteht überwiegend aus energiegeladenen, schnelleren und härteren Stücken aus den letzten 20 Jahren Bandgeschichte. Dennoch überzeugt die Band die Menschen: Auch auf der Mittleren Brücke und der Pfalz feiern einige Personen das Konzert.

Dirk von Lowtzow, Jan Müller, Arne Zank und Rick McPhai zeigen sich äussert ausgelassen, spielfreudig und mitteilsam. So verkündet der Sänger von Lowtzow «Es gibt nichts Schöneres auf der Welt als einen Matrosen», nur um nach einer kurzen Pause «Matrosen in Unterwäsche» hinzuzufügen. Das vielstimmige Gelächter geht im angestimmten «Hi Freaks» unter. Zweimal lässt sich von Lowtzow zu politischen Aussagen hinreissen. «Wir hoffen die Revolte ist in euch - hier in Basel», bemerkt er nach dem Stück «Die Revolte ist in mir». Und die Komplimente an die Schönheit Basels beendet er mit der Ankündigung des Songs «Aber hier leben, nein danke».

Die Band wirkt trotz der Distanz zwischen Publikum und Bühne sehr zugänglich und authentisch, obwohl sie einen Hang zu Theatralik haben. Beinahe nach jedem Song bedankt sich von Lowtzow, meistens eher umständlich. «Es ist uns eine Freude, für euch zu konzertieren», sagte er, bevor die Musiker einen selten gespielten Song aus ihrer Anfangszeit, «Ich möchte irgendwas für dich sein». Das Stück von 1996 zeigt, wie sehr sich die Band entwickelt hat. Minutenlange Gittarensolis bilden die Grundlage des Liedes. Der Text ist eher genuschelt als gesungen. Nach ihrem Ausflug in die Vergangenheit verlassen die Männer die Bühne, um kurze Zeit später für eine Zugabe zurück zu kommen.

Zu der klassischen, operettenhaften Interpretation von Ingrid Caven von «Die grossen weissen Vögel» verlassen Tocotronic die Bühne. Während das Publikum sich langsam streckt und nach 90 Minuten bewegt, erscheint die Band noch einmal auf der Bühne. «Die Basler Stadtverwaltung höchstpersönlich hat uns noch einen Song erlaubt», sagt von Lowtzow lakonisch. Nach «Kapitulation» ist dann allerdings endgültig Schluss. Die Menschenmassen am oberen Rheinbord setzten sich bei endlich angenehmen Temperaturen in Bewegung und wer kann, springt noch einmal in den Fluss.