Prozess

Tod im Bordell: Fast niemand hat geholfen

Der 63-Jährige erlag seinen Verletzungen, die er sich in der Webergasse zugezogen hatte.

Der 63-Jährige erlag seinen Verletzungen, die er sich in der Webergasse zugezogen hatte.

Das Basler Strafgericht verurteilte am Mittwoch drei Prostituierte und einen Freier wegen unterlassener Hilfeleistung, weil sie angesichts eines schwer verletzten Mannes nicht die Sanität riefen.

So hatte er sich seinen Bordell-Besuch wohl nicht vorgestellt: Der damals 63-jährige Mann stolperte im November 2017 spätnachts in einem Puff in der Basler Webergasse die Treppe hinunter und blieb danach liegen. Dabei blieb sein Kopf in Drahtseilen des Treppengeländers hängen, auch soll er sichtbar geblutet haben.

Die entsprechenden Aufnahmen einer Überwachungskamera wurden zwar am Mittwoch im Gerichtssaal nicht gezeigt, doch Gerichtspräsident René Ernst bestätigte diese in der Anklageschrift aufgeführten Details.

Der Unfall geschah tief in der Nacht gegen 2.50 Uhr, erst gegen 3.07 Uhr rief ein Freier schliesslich die Polizei. Der 63-jährige Mann verstarb eine Woche später im Spital, mangels einer Obduktion blieb die genaue Todesursache aber unklar.

Mehrmals über ihn hinweggestiegen ohne zu helfen

Auf ein Fremdverschulden deutete nichts hin, doch nach Sichtung der Videokameras klagte die Basler Staatsanwaltschaft einen weiteren Freier sowie fünf Prostituierte wegen Unterlassung der Hilfeleistung an: Sie alle seien in jener Nacht über den 63-Jährigen teilweise mehrfach hinweggestiegen, ohne sich um den Verletzten zu kümmern.

So fanden sich am Mittwoch Morgen vier dunkelhäutige Frauen im Basler Strafgericht ein, sie haben alle einen spanischen Pass. Die fünfte Angeklagte blieb der Verhandlung fern, ebenso ein 30-jähriger Freier aus Deutschland.

Die Frauen gaben an, jeweils zwischen 900 Euro und 2500 Franken im Monat zu verdienen, teilweise als Zimmermädchen, teilweise im Restaurant als Küchenhilfe, teilweise in der Prostitution hier in Basel.

Hilfe sei schon unterwegs

Die vier Frauen betonten unisono, in jener Nacht habe sich bereits ein Mann um den Verletzten gekümmert, als sie die an der Stelle vorbeigegangen sind. «An der Türe stand bereits ein junger Mann, der mir sagte, der Krankenwagen sei schon unterwegs», sagte eine Frau.

Der Mann, der damals tatsächlich die Polizei rief, wurde am Mittwoch als Zeuge angehört, genau diesen Teil konnte er allerdings nicht bestätigen. Einzelrichter René Ernst kam zum Schluss, dass zumindest drei der Frauen rund 15 Minuten früher die Sanität hätten alarmieren
können: Er verurteilte sie wegen Unterlassung der Nothilfe zu einer bedingten Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu 10 Franken. Die Staatsanwaltschaft hatte bedingte Freiheitsstrafen von zehn Monaten verlangt.

Es ist unklar, ob man ihn hätte retten können

Zwei der Frauen wurden gestern allerdings freigesprochen, als sie am Unfallort vorbeikamen, habe sich tatsächlich bereits ein Mann um den Verletzten gekümmert. Die Ehefrau sowie drei erwachsene Kinder des tödlich verunglückten Mannes hatten mehrere Tausend Franken an Genugtuungsforderungen gestellt.

Das Gericht wies diese aber ab, weil unklar war, ob eine frühere Alarmierung des Leben des Mannes tatsächlich gerettet hätte. René Ernst betonte, ein gewisses Zögern der Frauen sei verständlich gewesen, der Verstorbene hatte offenbar früher schon mehrmals für Ärger im Bordell gesorgt.

Der abwesende 30-jährige Freier wurde zu vier Monaten Freiheitsstrafe unbedingt verdonnert: Laut Ernst ist er bereits mehrfach wegen Gewaltdelikten vorbestraft. Alle Urteile können noch weitergezogen werden.

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