Die Flexity-Trams der Basler Verkehrs-Betriebe (BVB) sind eine Gefahr für Fussgänger, Velofahrer und den übrigen Verkehr. Der Grund: Das Sichtfeld der Chauffeure ist zu eng, der tote Winkel zu weit. Mehrere Drämmler bestätigen gegenüber der bz, die Sicht in den Flexity-Trams sei «massiv eingeschränkt». Einer vergleicht das Fahren mit einem «Blindflug». Ein anderer sagt: «Ich habe immer Angst, jemanden zu übersehen.»

Wie ernst die Lage ist, zeigen die Beispiele, die ein Tramfahrer unter Garantie der Wahrung seiner Anonymität schildert: «Wenn ich auf dem Barfüsserplatz in Fahrtrichtung Marktplatz halte, erkenne ich nicht, ob mir ein Tram entgegenkommt.» Auf dem Aeschenplatz sieht der gleiche Fahrer «längst nicht jeden Fussgänger vor dem Tram vorbeigehen».

Der Unfallschutz stört

Das Problem sind massive Metallrohre an den Säulen links und rechts der Frontscheibe. Sie wirken im Prinzip wie Eis auf der Scheibe. Dem Fahrer bleibt nur ein Guckloch. Auch der Rahmen des Fensters in der linken Scheibe stört die Fahrer, weil er genau auf Augenhöhe liegt. Die Metallrohre hat Hersteller Bombardier auf Wunsch der BVB eingebaut. Sie geben den Fahrern mehr Schutz bei Kollisionen. Die Praxis zeigt nun, dass die Rohre selbst ein Sicherheitsrisiko darstellen.

BVB-Sprecher Benjamin Schmid anerkennt das Problem der ungenügenden Sicht nicht. Auf die Frage, ob die Sicht massiv eingeschränkt sei, schreibt er, das Flexity-Tram weise gegenüber dem älteren Combino-Modell andere Anforderungen auf. So habe man in der Projektphase «ein grosses Augenmerk auf die Crash-Sicherheit gelegt». Darum die massiven Metallrohre.

Punkto ungenügender Sicht schreibt Schmid von «wesentlichen Optimierungspotenzialen», die die BVB identifiziert hätten. Als Folge davon liess man eine zweite seitliche Kamera an den Trams installieren. Ab nächstem Jahr werden ausserdem die Rahmen der Seitenfenster verkleinert. Die Fenster rutschen nach unten, sodass die Fahrer seitlich freie Sicht haben. Laut Schmid haben die BVB in der Projektphase durchaus darauf geachtet, eine gute Sicht sicherzustellen. Auf Aussenspiegel hat man darum verzichtet, dafür verfügen die Trams über eine Rückseh- und eine seitliche Kamera.

Die Drämmler sind von den Nachbesserungen nicht restlos überzeugt. Die Metallrohre schränkten das Sichtfeld weiterhin ein. Keine Kamera könne das wettmachen. Man ist sich einig: Die Flexity-Trams sind, was die Sicht angeht, rundum eine Verschlechterung im Vergleich zum Combino. Ein Drämmler sagt: «Zum Glück ist bis jetzt noch nichts passiert.»

Bundesamt bleibt untätig

Ob Trams technisch fit für den Verkehr sind, entscheidet das Bundesamt für Verkehr (BAV) als Zulassungsbehörde. Das BAV schiebt die Verantwortung aber den BVB in die Schuhe: Es sei Sache des Fahrzeugbestellers, also der BVB, den Aspekt der Sichtverhältnisse bei der Bestellung zu berücksichtigen, schreibt ein BAV-Sprecher. Kenntnis vom Sichtproblem hat das BAV seit Ende Oktober, als der Brief eines Tramfahrers die Behörde darauf aufmerksam machte. Man habe das Schreiben analysiert, habe aber keinen Anlass gesehen, den BVB die Betriebsbewilligung für die Flexity-Trams zu entziehen. Dazu schreibt der BAV-Sprecher: «Die Verantwortung für den sicheren Betrieb liegt beim Unternehmen.»

Bombardier weiss von nichts

Die BVB haben 61 Flexity-Trams bei Bombardier bestellt. Bis anhin hat die Firma 33 Fahrzeuge ausgeliefert. Die restlichen folgen schrittweise bis Frühling 2018. Vom Sichtproblem weiss man bei Bombardier nichts. Man sei aber laufend mit den BVB im Gespräch, um die Fahrzeuge zu optimieren, schreibt ein Mediensprecher auf Anfrage. Ob es möglich wäre, die massiven Metallrohre bei den noch nicht ausgelieferten Trams zugunsten besserer Sicht anzupassen, lässt der Mediensprecher offen. Wenn nicht, steigt mit jedem neuen Flexity die Unfallgefahr auf Basels Tramschienen.

Ein weiteres Problem wird nun, da die Temperaturen gefühlt unter Null sinken, wieder aktuell bei den Drämmlern. Bei allzu tiefen Temperaturen funktioniere die Heizung in der Flexity-Fahrerkabine nicht richtig, berichtet ein Tramfahrer. Kolleginnen und Kollegen von ihm hätten darum schon selber kleine Öfen zur Arbeit mitgenommen, um sich warm zu halten.