«Transfer!» Der Teenager aus Eritrea winkt mit dem Couvert, das er eben erhalten hat. Transfer. Es ist das Wort, das alle hören wollen im Empfangszentrum des Bundes für Asylsuchende vor dem Zoll Otterbach. Oft hören sie das Wort erst nach Wochen – und manchmal gar nie.

Wer aus Eritrea oder Syrien kommt, hat derzeit aber die Gewissheit, dass es eines Tages so weit sein wird. Dass er wie dieser junge Mann ein Couvert mit Informationen zum neuen Kanton erhalten wird. Die Erlaubnis zum Transfer. Flüchtlinge aus diesen Ländern werden nicht in die Heimat zurückgewiesen. Zu gefährlich.

Einsame Flucht vor Militärschule

Das Empfangs- und Durchgangszentrum ist, was der Name sagt: erste Station. Danach werden die Asylsuchenden nach einem Verteilschlüssel auf die Kantone verteilt. Um etwas Abwechslung in den Alltag der Ankömmlinge zu bringen und diese in diversen Belangen beraten zu können, betreibt der Oekumenische Seelsorgedienst für Asylsuchende (OeSA) nebenan ein Café in einem Container. Wenn es geöffnet ist, ist es voll. Bis zu 200 Menschen besuchen den engen Ort in den zwei Stunden von neun bis elf Uhr morgens. Die Schweizer Tafel liefert kostenlos Lebensmittel. Es gibt Kaffee und Tee. Die ganze Welt von Eritrea bis Mazedonien und Afghanistan bis Syrien trifft sich hier.

Viele freiwillige Helfer kamen selber einmal im Empfangszentrum an. Zwei von ihnen stammen ebenfalls aus Eritrea. Sie sprechen wie ihre Landleute Tigrinya. Oft bedarf es aber keiner vielen Worte, um zu verstehen. Zum Beispiel, wenn der Teenager mit dem Couvert OeSA-Leiterin Astrid Geistert umarmt und die einzigen Worte, die fallen, «Transfer» und «Brother» sind. Es ist ein Abschied. Möglicherweise für immer. Doch Astrid Geistert weiss: «Dieser Junge hat Glück.» Er wird in den Aargau zu seinem Bruder geschickt. Die meisten anderen jungen Eritreer haben niemanden in der Schweiz.

Kidane Semer ist 16 Jahre alt. Es ist das Alter, das viele Eritreer erst erreichen wollen, wenn sie weit weg von zu Hause sind. Denn in der Heimat werden sie mit 16 in die Militärschule gesteckt; viele wollen auf keinen Fall dahin. Sie wissen: Wer einmal dort ist, bleibt. Kidane wurde 16, als er bereits in Europa war. Der Preis war hoch. Ohne seine Eltern verliess er die Heimat, zog los auf eine Reise ins Ungewisse. Es war ein weiter Weg; und ein gefährlicher.

Was er auf der Flucht durch den Sudan, Libyen und Italien erlebt hat, weiss nur er. Es gibt auf der Route immer wieder Fälle von Menschenhandel, viele Flüchtlinge landen im Gefängnis, die meisten müssen sich in die Hände von Schleppern begeben. Fest steht: «Jeder, der jetzt hier ist, hat sein Leben riskiert», sagt Astrid Geistert. Das dürfe man nie vergessen, wenn man mit diesen Menschen zu tun habe. Geistert spricht von Haltung, die es zu bewahren gelte. «Niemand verlässt die Heimat ohne Grund. Alle wollen Sicherheit.»

In Kidanes Couvert befindet sich ein Plan, der den Weg vom Bahnhof zum Migrationsamt weist, bei dem er sich nach Ankunft im Aargau melden muss. Ausserdem steckt ein ÖV-Ticket darin. Mit welchem Tram er zum Bahnhof in Basel gelangt, erfährt er von der Seelsorgerin hier.

Astrid Geistert erlebt inzwischen täglich, wie junge Menschen, vorwiegend Männer, ankommen – und andere wieder abreisen. Auffallend viele Teenager seien es zurzeit. Die meisten sind allein geflohen. Und so jung, dass auf Handwurzelröntgen verzichtet werde. Diese Untersuchung wird gemacht, wenn der Verdacht besteht, dass jemand mit dem Alter schummelt. Abgesehen vom jungen Aussehen der Teenager merkt das OeSA-Team auch an der eigenen Telefonrechnung, dass es sich bei vielen Besuchern um Kinder handelt: «Viele möchten ihre Mutter in der Heimat anrufen um ihr zu sagen, dass sie gut angekommen sind», sagt Geistert.

Kidane Semer und sein Bruder werden die Mutter an Weihnachten gemeinsam anrufen. Und ihr sagen, dass es sich gelohnt hat, das Leben aufs Spiel zu setzen.