Der Schuh passt wie die Faust aufs Auge. Spätestens als Gerichtsmediziner Holger Wittig auf den spezifischen Profilabrieb des Schuhs zu sprechen kam, war klar: Es müsste sich schon um einen grossen Zufall handeln, wäre nicht dieser Schuh in den Händen von Gerichtspräsidentin Susanne Nese die Tatwaffe.

Durch die Wucht eines Tritts ins Gesicht des Opfers hatte das charakteristische Profil ganz spezielle Verletzungen hinterlassen. Ein gebrochenes Nasenbein, Prellungen und Schürfwunden rund um das Jochbein. Die Aufgabe des Strafgerichts war es gestern herauszufinden, wie es dazu kam.

Es war ein Adidas-Schuh

Die Version der Staatsanwaltschaft geht so: Während einer Patrouillenfahrt bemerkten drei Polizisten einen verdächtigen Mann auf dem Trottoir der Schwarzwaldallee. Sie stiegen aus, er rannte davon. Sie verfolgten und stellten ihn wenig später, rangen den Mann zu Boden. Während zwei Ordnungshüter den Verdächtigen in Schach hielten, trat ein Dritter drei Mal auf dessen Gesicht ein.

Diesen Teil bestreitet der Beschuldigte. Er konnte sich die Verletzungen nicht erklären: «Ich traf rund acht Sekunden nach den beiden Polizisten bei ihnen ein.» Das Opfer glaubte, einen schwarzen Nike Air als Tatwaffe zu erkennen. Einen solchen Schuh gab der Polizist auch ab, als eine Untersuchung eingeleitet wurde. Dazu noch – freiwillig – einen Adidas Torsion, den er jedoch nicht getragen habe. Diesen Sneaker aber, genauer gesagt nur der rechte Schuh, mass die Gerichtsmedizin mit hoher Wahrscheinlichkeit den Verletzungen zu.

Der Beschuldigte konnte sich dies gestern nicht erklären, obwohl ihm die zuweilen konfus wirkende Gerichtspräsidentin mehrfach diese exakte Frage stellte. Dass er die Adidas-Schuhe freiwillig zur Beweissicherung überreichte, sah er vielmehr als Gegenbeweis an: «Warum sollte ich mich selbst belasten?» Zur Aufklärung wäre vielleicht das Opfer nötig gewesen. Doch der Mann erschien gestern nicht vor Gericht.

Mit ihm verbindet den Angeklagten ohnehin eine spezielle Geschichte. Dass nun nur der Anklagepunkt der einfachen Körperverletzung verfolgt wird, ist das Resultat einer aussergerichtlichen Einigung zwischen Opfer und mutmasslichem Täter. Das sei aber keineswegs als Schuldeingeständnis zu verstehen, sagte Verteidiger Stefan Suter.

Warum aber eine «Wiedergutmachung» (O-Ton Suter) fällig wird, ohne dass eine Schuld vorliegt – diese Herleitung blieb der einst vom Papst ausgezeichnete Anwalt schuldig. Dennoch forderte er einen kostenlosen Freispruch für seinen Mandanten. Der separate Zivilprozess ist wohl auch der Grund dafür, dass das Gericht erst jetzt, fast vier Jahre nach der Tat, über den Fall befindet.

Staatsanwalt Philippe Schotland hingegen beantragte eine bedingte Geldstrafe in der Höhe von 18 000 Franken bei einer zweijährigen Probezeit. Deutlich schwerer ins Gewicht fallen dürfte für den Angeklagten aber, dass er im Falle einer Verurteilung mit einem polizeilichen Disziplinarverfahren rechnen muss. Ob ein wegen Polizeigewalt Verurteilter noch im Korps zu halten ist, ist dann fraglich. Das Urteil wird für heute Nachmittag erwartet.

Wie beim «Blaulicht von Basel»?

Die Forderung des Staatsanwalts entspricht ziemlich genau jener, die auch der jüngste, prominente Fall von Basler Polizeigewalt hinnehmen musste: Im Februar dieses Jahres hat das Strafgericht einen als «Blaulicht von Basel» bekannten Polizisten wegen Amtsmissbrauchs und einfacher Körperverletzung zu dieser Strafe verurteilt. Er hatte im Nachgang zu Krawallen auf dem NT-Areal einem Gefesselten Pfefferspray ins Gesicht gesprüht.