Grenzgänger

Trendwende: Deutsche Spitäler locken Schweizer Personal

Eine Krankenschwester, die nach Deutschland wechselt, erhält in Südbaden 3000 Euro Prämie. (Symbolbild)

Eine Krankenschwester, die nach Deutschland wechselt, erhält in Südbaden 3000 Euro Prämie. (Symbolbild)

Im Jahr 2018 sind 1200 weniger Grenzgänger aus den Landkreisen Lörrach und Waldshut in die Schweiz arbeiten gegangen. Das ist eine Trendwende. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Im Jahr 2017 waren es 36'700 deutsche Grenzgänger, die aus den Landkreisen Lörrach und Waldshut kamen und in der Schweiz arbeiteten. 2018 sanken die Zahlen um 1200 auf 35'500,
Das ist immer noch viel, aber erstmals zeigt sich eine deutliche Trendwende.

Die Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Landkreise Lörrach und Waldshut «Wirtschaftsregion Südwest», die die Zahlen des Schweizer Bundesamts für Statistik (BFS) regelmässig auswertet, schreibt in ihrer Medienmitteilung: «Einen Grund alleine gibt es nicht, sondern viele verschiedene – alles vor dem Hintergrund der guten wirtschaftlichen Lage und die damit verbundene geringe Arbeitslosenquote in Deutschland.»

Tatsächlich bemühen sich zum Beispiel deutsche Kliniken darum, Ärzte, Krankenpfleger und Krankenschwestern zurück nach Deutschland zu holen. Die «Badische Zeitung» berichtete kürzlich, dass die Helios-Kliniken in Müllheim im Markgräflerland und in Titisee-Neustadt im Schwarzwald ein Prämiensystem einführen, um Arbeitskräfte anzulocken.

Begonnen hatten sie damit in ihrer Klinik in Breisach, 60 Kilometer nördlich von Basel am Rhein gelegen. Dort fehlen zehn Krankenschwestern und Krankenpfleger in der Notfallambulanz und im Pflegebereich. Neuanfänger erhalten eine Prämie in Höhe von 3000 Euro. Wer bereits in der Klinik arbeitet und eine neue Kraft anwirbt, erhält 1000 Euro für die Vermittlung.

Alexander Maas, Geschäftsführer der «Wirtschaftsregion Südwest», ergänzt: «Die Freizeit und die Work/Life-Balance ist heute besonders vielen jungen Leuten immer wichtiger geworden. Ich höre das regelmässig: Bei einem Arbeitsweg von zwei Stunden hin und zurück in die Schweiz, ist vielen der Aufwand zu gross.» Dazu kämen die zunehmenden Staus.

Günstige Kitas und Krippen

Auch die Bedingungen für junge Familien sind mit den guten und sehr günstigen Krippen und Kindertagesstätten in Baden-Württemberg attraktiv. Wenn von einem Paar in der Schweiz beide arbeiten, wird der Mehrverdienst oft durch die Kosten der Kinderbetreuung aufgefressen. «Für manche Arbeitnehmer sind auch die besseren Kündigungsbedingungen, der längere Urlaub, die kürzere Wochenarbeitszeit, häufigere Feiertage und die Sozialleistungen ein Argument, wieder in Deutschland zu arbeiten.»

Tatsächlich zahlt dort der Betrieb die Hälfte der Krankenkassenprämie. Hat jemand Kinder, sind diese über ihn mitversichert, arbeitet der Lebenspartner nicht auch dieser und auch der Zahnarzt ist enthalten.

Mass fährt fort: «Ausserdem geht es vielen deutschen Unternehmen heute gut, und sie sind bereit, besser zu zahlen und Leute, die aus der Schweiz zurückkommen, anzustellen. Der Unterschied zum Lohn in der Schweiz ist gar nicht mehr gross.» Die in Deutschland im Vergleich zur Schweiz höhere Einkommenssteuer, fällt bei einer Gesamtbetrachtung heute weniger ins Gewicht. Bei den Mangelberufen wie Ingenieur oder IT-Spezialisten gehen manche Landkreise jetzt sogar so weit, monatliche Zusatzzahlungen von 500 bis 1000 Euro anzubieten.

Schon vor zwei Jahren berichtete die «Schweiz am Wochenende», dass die deutschen Löhne von 2014 bis 2016 schneller wuchsen als die Schweizer Gehälter. Das liegt auch am starken Schweizer Franken.

Jeder Dritte arbeitet in der Schweiz

Gleich geblieben ist, dass die gut 21'000 Grenzgänger aus dem Landkreis Lörrach zu knapp Zweitdrittel in den Städten entlang der Grenze wohnen. Dazu gehören Lörrach (5300 Grenzgänger), Rheinfelden (3500) und Weil (3300). In Städten wie Grenzach-Wyhlen fahren 34,2 Prozent der Arbeitnehmer täglich zur Arbeit in die Schweiz.

Die Zahl der Elsässer Grenzgänger in der Schweiz ist laut einer Statistik der Oberrheinkonferenz zwischen 2006 und 2016 um neun Prozent auf 33'200 gestiegen – nicht zu vergleichen mit dem Zuwachs der Deutschen um 47 Prozent in der gleichen Zeit. Laut BFS arbeiten derzeit 35'000 Elsässer in der Nordwestschweiz. Die Zahl ist in den letzten Jahren relativ stabil geblieben.

Entlassungswellen wie in der Basler Chemie und Pharma scheinen sich zumindest in den Statistiken noch nicht bemerkbar zu machen. Jean-Luc Johaneck, Präsident des südelsässischen Grenzgängerverbands CDTF, gibt zu bedenken: «Bei den statistischen Zahlen handelt es sich um erteilte Bewilligungen. Diese gelten aber für fünf Jahre.» Verliere ein Grenzgänger seinen Arbeitsplatz in der Schweiz, gebe er nicht automatisch seine Bewilligung ab.

Mehr Arbeitslose im Elsass

Dafür, dass die Zahlen der deutschen Grenzgänger sinken, die der Elsässer aber nicht, gibt es eine einfache Erklärung: Während die südbadische Wirtschaft boomt und die Anstellungsbedingungen immer besser werden, geht es vielen französischen Betrieben erheblich schlechter.

Monique Jung, Direktorin der elsässischen Wirtschaftsförderungs-Organisation Adira, sagt: «Während in Baden-Württemberg fast Vollbeschäftigung herrscht, ist bei uns bei einer Arbeitslosigkeit von sieben oder acht Prozent der Arbeitsmarkt nicht ausgetrocknet.» Es seien also genügend Interessenten für Jobs vorhanden und die Betriebe müssen sich nicht so bemühen um sie wie im Nachbarland.

Autor

Peter Schenk

Peter Schenk

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