Nur wenige Wochen ist es her, da schockte Morrissey seine Fans: Er hat Krebs (bz berichtete). Er sehe ungesund aus, fand er selber. Das mache die Krankheit mit einem. Und doch: Stoppen lassen will er sich dadurch nicht. «Ich ruhe, wenn ich sterbe», liess er verlauten. Die Tour setzte er fort. Heute soll er an der Baloise Session auftreten. Ob er das tut, ist ungewiss. Das gestrige Konzert in Lausanne sagte er krankheitshalber ab. Morrissey, dessen Leben ein Kampf ist. Morrissey, der lebenslange Kämpfer.

Kaum einem Menschen sind Prinzipien so wichtig wie ihm. Wenn Sie Morrisseys neuste Platte «World Peace is none of your Business» (Weltfrieden geht dich nichts an) auf iTunes kaufen wollen, finden Sie sie nicht: Morrissey hat sich mit seiner Plattenfirma dermassen verkracht, dass sein Album – kaum erschienen – wieder vom Markt genommen werden musste. Steven Patrick Morrissey, Künstlername: Morrissey, hat es seinen Mitmenschen noch nie leicht gemacht, ihn zu mögen. Die Welt ist ihm suspekt und ihre Bewohner sowieso. Fleischesser, Männer, Frauen, Verheiratete, Engländer, Amerikaner. Sie und noch viele mehr hat er in seinen Liedtexten schon angeklagt.

Er vergibt selbst Jesus

Selbst Jesus knöpfte sich der kompromissloseste aller Popmusiker vor – weil dieser doch so viel Liebe in ihn, Morrissey, hineingetan habe, mit der er nirgendwo hin könne. Die Single «I have forgiven Jesus» erschien vor zehn Jahren und der irische Katholik, der in einem tristen Vorort der englischen Stadt Manchester gross wurde, vergab Gottes Sohn darin grosszügig. Bei niemandem trifft die (zu) oft verwendete Floskel «man liebt oder man hasst ihn» so sehr zu, wie beim 55-Jährigen. In den 80er-Jahren hat er mit seiner Band «The Smiths» die Popmusik umgekrempelt. Die Band gab es gerade mal fünf Jahre, wird aber noch heute von manch einem Kritiker als einflussreicher als die Beatles geschätzt. 1987 trennte sich das Quartett – natürlich, weil Morrissey sich mit Bandgründer Johnny Marr zerstritten hatte. Beide verfolgen seither ihre Solokarrieren. Gerüchte, die Band könnte sich wiedervereinen, tut Morrissey unmissverständlich ab: «Eher esse ich meinen eigenen Hoden, als dass sich die Smiths wiedervereinen. Und das heisst etwas für einen Vegetarier.»

Seine Lieder sind Romane

Wer Morrissey aber als Provokateur abtut, als einfachen Querulanten oder Gutmenschen-Wutbürger, der verkennt seine Vielschichtigkeit und seine Dimension. Morrisseys Weltschmerz, seine Enttäuschung und seine Wut sind echt. Sie fussen in einer tiefen Spiritualität und in einem ausgeprägten Harmoniebedürfnis, das er immer wieder verletzt sieht. Und es ist ja nicht so, dass er nur über Trauriges singt. Jeder einzelne seiner Liedtexte – bei den Melodien arbeitet er in der Regel mit Komponisten zusammen – erzählt Geschichten, die vielfältiger sind als mancher Roman. Und mit seiner Stimme drückt er tiefere Gefühle aus, als Schauspieler mit ihrem Gesicht. Auch sich selber schont Morrissey nicht. Im Lied «Let me kiss you» bittet er einen nicht näher definierten Menschen, doch die Augen zu schliessen beim Küssen. Denn eigentlich sei er zu hässlich für sie (oder ihn), doch das Herz sehe solche Sachen nicht. Ein Liebeslied so tragisch, dass es einem die Tränen in die Augen treibt.

Nun steht also das heutige Konzert auf der Kippe. Vielleicht das letzte Konzert in der Schweiz – welch ein Drama. Der einzige Trost: Der ewige Aussenseiter würde sich am Cüpli-Anlass Baloise Session sowieso nicht wohlfühlen.