Unsere kleine Stadt

Triumph der Geimpften

Die Behörden sind gefordert, sich zu überlegen, wie sie mit dieser brisanten Situation umgehen wollen, bevor sie tatsächlich eintritt. Die Solidarität zwischen den Generationen, die schon heute starken Belastungen ausgesetzt ist, droht unter dem Gewicht einer gespaltenen Immunität zu bersten. (Symbolbild)

Die Behörden sind gefordert, sich zu überlegen, wie sie mit dieser brisanten Situation umgehen wollen, bevor sie tatsächlich eintritt. Die Solidarität zwischen den Generationen, die schon heute starken Belastungen ausgesetzt ist, droht unter dem Gewicht einer gespaltenen Immunität zu bersten. (Symbolbild)

Der in Liestal aufgewachsene, in Basel lebende Autor ist Journalist, Kulturmanager, Unternehmer und Berater.

Der Newsfeed meiner Facebook-Bubble ist gespickt mit begeisterten Berichten Geimpfter. Ich scheine von Seniorinnen und Senioren umzingelt, die dank ihrer Internet-Affinität einen der knapp 2000 Impftermine ergattert haben, die Basel-Stadt vor Weihnachten anbot. «Geimpft!», postet ein Facebook-Freund mit Geburtstagsmotiv. Ein anderer informiert plastischer: «Ich bin ja heute auch das erste Mal angestochen worden und am 19. Januar (11:05 h) wieder dran.»

Das Netz feiert diese Spritzen-Winkelriede als «wahre Pioniere», an denen der «schnell entwickelte» Stoff quasi getestet wird, «so wie bei neuen Impfungen in früheren Zeiten, zum Beispiel bei den Pocken». «Viel Glück!», wünschen deshalb die einen. Pflichtschuldig rapportiert ein Geimpfter kurz nach dem Pieks: «Bis jetzt spüre ich keine Nebenwirkungen, werde Euch aber diesbezüglich auf dem Laufenden behalten.» «Wünsch lieber den Ungeimpften Glück!», hält einer dagegen.

Gefährlicher Spalt

Genau hier öffnet sich in der Tektonik der Coronalandschaft ein Spalt, der sich zu einem tiefen Graben weiten könnte. Mit dem Schneckentempo, das die Schweiz bei den Impfungen anschlägt, wird es nach Schätzungen von Fachleuten Herbst, bis alle Impfwilligen einen Termin erhalten haben. Gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach Normalität. Geimpft zu sein, bekommt Statuscharakter, mithin auch zum Attest für Schlauheit und Bewegungsfreiheit.

Ob alt oder jung: Wer sich also immunisiert hat, ist faktisch privilegiert. In Israel gibt es dafür sogar einen «Grünen Ausweis», der zum Beispiel Reisen ohne Quarantäne ermöglicht. Und was spricht gegen eine Senioren-Disco, wenn fast alle über 65-jährigen gegen Covid-19 geschützt sind? Eine Lustbarkeit, auf die Jugendliche im Frühling weiterhin verzichten müssen, da sie mit Spritzen erst später drankommen. Bleiben sie dann brav zu Hause? Was sagt die «Impfstrategie» des BAG zu solchen sozialen Fragen?

Schwarzer Peter wandert hin und her

Die Behörden sind gefordert, sich zu überlegen, wie sie mit dieser brisanten Situation umgehen wollen, bevor sie tatsächlich eintritt. Die Solidarität zwischen den Generationen, die schon heute starken Belastungen ausgesetzt ist, droht unter dem Gewicht einer gespaltenen Immunität zu bersten. Ob sich wohl Bund und Kantone wieder gegenseitig den Schwarzen Peter zuschieben?

Oder gelingt es der Politik, trotz offensichtlicher Erschöpfung, die anstehende Übergangszeit einigermassen gerecht zu gestalten? Was andernfalls droht, schilderte schon 1965 der italienische Autor Ignazio Silone treffend, anhand einer vergleichbaren Katastrophe: «Mit dem Erdbeben hat die Natur das umgesetzt, was das Gesetz versprach, aber nie einhielt: Gleichheit. Eine vorübergehende Gleichheit. Doch als die Angst vorüber war, sorgte das kollektive Unglück für weitere, grössere Ungerechtigkeiten.»

Diskretion gefragt

Schon seltsam, wenn etwa der Wohnort dafür ausschlaggebend ist, wie rasch ich dem Virus entkommen kann. Da braucht es eine Portion Toleranz, die aber schwer aufzubringen ist, wenn das Triumphgeheul der Geschützten zu laut wird. Vielleicht ist ein wenig Diskretion unser bester persönlicher Beitrag gegen die Eskalation. Wer sich impfen lässt, soll zufrieden sein und dies allenfalls seinem nächsten Umfeld mitteilen, nicht aber in die Welt hinausposaunen. Ich weiss, die Facebook-Posts von letzter Woche waren nicht böse gemeint, aber sie können Missgunst schüren. Keine gute Grundlage für eine gesellschaftliche Genesung von einem im doppelten Sinn kalten Coronawinter.

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