Sie kamen über Nacht und stehen seit einigen Wochen in der ganzen Stadt: die mietbaren Elektro-Trottinettes der Firma Lime. Damit die aktuell 200 Fahrzeuge jeden morgen frisch geladen und gut über das ganze Stadtgebiet verteilt sind, beschäftigt die US-Firma mit Schweizer Ableger nach eigenen Angaben aktuell rund 20 Personen.

Nun aber sollen diese Angestellten durch Privatpersonen, sogenannte Juicer, ersetzt werden. Die Firma rekrutiert derzeit in Basel Interessenten mit aggressiven Methoden (siehe Screenshot rechts unten). Die Personen werden angehalten, einen 33-seitigen Vertrag zu unterschreiben, in dem sie garantieren, dass sie als Selbstständige auftreten und «alleine für alle im Rahmen der Selbstständigkeit zu zahlenden Abgaben und Steuern einschliesslich Sozialabgaben und Versicherungen» aufkommen. Zudem muss der Unterschreibende bestätigen, dass er sich niemals als Mitarbeiter von Lime bezeichnen darf, und dass er den Vertragsinhalt verstanden hat.

Unia ortet perfide Masche

Mit welchen Beträgen er für das Einsammeln, Aufladen und Aufstellen der Elektro-Scooter verfügt wird, hält der Vertrag nicht fest. Roman Balzan, Europäischer Marketing-Manager von Lime, sagt: «Wir bezahlen die Privatpersonen mit 8 bis 18 Franken pro Ladezyklus. Wie viel genau wir bezahlen, wird in der App angezeigt und es ist abhängig, wie weit vom Juicer entfernt der Tretroller steht.» Balzan bestätigt, dass derzeit in Basel nach sogenannten «Independent Juicer» gesucht werde. In anderen Städten setze Lime bereits jetzt erfolgreich auf dieses System.

Thomas Leuzinger von der Gewerkschaft Unia sagt: «Wir wehren uns gegen sämtliche Plattform-Unternehmen, die mit ihrem digitalen Geschäftsmodell alles Risiko auf die Angestellten abwälzen, während sie die Gewinne einstreichen. Nach unserem Kenntnisstand handelt es sich bei Lime um ein Plattform-Unternehmen, das ähnlich wie Uber funktioniert. Dies, weil die Aufträge via Plattform verteilt werden, weil die Dienstleister eine eigene Infrastruktur anschaffen und entsprechend Investitionen tätigen müssen – ohne jegliche Garantie, diese auch amortisieren zu können.» Im Falle von Lime sei besonders perfid, dass die Nutzer nichts von diesen Verträgen mitbekommen, weil der direkte Kontakt zu den so beschäftigten Personen fehle.

Dass der Trottinette-Verleih auf Allmend in Basel überhaupt betrieben werden darf, hängt damit zusammen, dass das Amt für Mobilität neuerdings Verleihsysteme erlaubt, wenn diese «verhältnismässig wenige Velos, Scooter oder Trottinettes zur Verfügung stellen» und wenn die Betreiber gegenüber den Behörden schriftlich das Einhalten einiger Regeln bestätigen. Nicht Teil dieser Regeln sind potenziell heikle Beschäftigungsverhältnisse, wie Projektleiter Martin Dolleschel auf Anfrage sagt. «Unser Austausch mit der Firma Lime beschränkte sich auf die Nutzung der Allmend. Wie sich die Firma intern organisiert und wie sie Personen vergütet, die für sie Mietfahrzeuge betreut, liegt in ihrer eigenen Verantwortung.»

Geld von Cayman Islands

Die Basler Behörden standen dabei – wie auch die bz – im Kontakt mit Marketing-Manager Balzan. Wer genau hinter der Firma «LimeBike Switzerland AG» mit Sitz im zürcherischen Wallisellen steckt, ist hingegen unklar. Im Handelsregisteramt ist ein salvadorianischer Staatsangehöriger aufgeführt, als Firmenadresse wird die Anschrift einer Gründungs-Dienstleisterin in Winterthur angegeben.

Das Aktienkapital von 100'000 Franken stammt von einer Holding mit Sitz auf den Cayman Islands. Das Geld wurde von einer im Kanton St. Gallen angemeldeten Person mit Vollmacht der «LimeBike Switzerland Holdings Limited» auf ein Konto der Bank Cler einbezahlt. Bekannt ist jedoch, dass Google und der Fahrdienstanbieter Uber diesen Sommer gemeinsam 335 Millionen Dollar in Lime investiert haben.