«Wir schliessen unser Geschäft am 31. August und danken unseren Kunden für 103 Jahren Treue.» Das Schaufenster an der Marktgasse 6 ist mit grossen Lettern beklebt. Trotz der knalligen Buchstaben ist hinter den Worten eine Verbitterung spürbar. 103 Jahre Textil AG – und jetzt ist alles zu Ende.

Im Minutentakt kommt Kundschaft in den Laden. Es herrscht Vollbetrieb. Vor allem ältere Frauen kaufen häufig hier ein. Strickwaren, Flickzeugs, Kleinigkeiten, die sie für den Nähkasten brauchen. Vor allem jetzt, ein Monat vor der Schliessung, kommen nochmals viele. Um von den reduzierten Waren zu profitieren, um sich einen Vorrat anzulegen für die Zeiten danach, um sich zu verabschieden. Manchmal wird geweint.

Kaum öffnet sich die Tür des Geschäfts, eilt Laurence Boesinger sofort der neuen Kundschaft entgegen und bietet eine persönliche Beratung an. Die Werte, die so viele Jahre in diesen Räumen gegolten haben, werden bis zum Tag der Schliessung hochgehalten. Boesinger arbeitet seit 42 Jahren hier – ein halbes Leben lang. Nie hat die 59-Jährige etwas anderes gemacht, begann den Job gleich nach der Lehre, arbeitete immer fünf Tage in der Woche. Sie half Schneiderinnen, die passenden Knöpfe zu suchen, empfahl die beliebtesten Stickbüchlein, verkaufte Wolle, Garn, Fäden, Nadeln, Scheren. «Wenn ich darüber nachdenke, wird mir bewusst, dass ich in diesem Laden mehr Zeit verbracht habe, als mit meiner Familie», sagt Boesinger. Dass es jetzt fertig ist, tue allen sehr weh. Sie presst die Lippen aufeinander und lächelt tapfer.

Das verflixte Internet

Ruth Riedo ist sich sicher: Es ist das Internet, das ihr das Geschäft vermiest hat. «Die Leute bestellen heute alles online. Sie sehen sich die Waren vorher gar nicht mehr an und ärgern sich dann, wenn es in der Realität anders aussieht als auf dem Bildchen am Computer.» Der Textil AG fehlen die grossen Kunden, sagt sie. Früher seien die noch bei ihr einkaufen gekommen. Jetzt bestellen sie direkt beim Produzenten. «Von den Kundinnen, die sich eine Nadel und ein Stück Faden kaufen, können wir nicht leben.» Riedo steht in sich zusammengesunken hinter ihrer Ladentheke. Sie sieht müde und traurig aus. «Es rentiert nicht mehr. Und uns fehlt die Kraft, den Laden so weiterzuführen.»

Das Geschäft übernahm Riedo vor 29 Jahren. Seit dem Tod ihres Mannes führt sie es alleine. Ihre zwei Töchter halfen beide im Laden mit. Die eine zog es aber der Liebe wegen weg von Basel. Die jüngere Tochter, Michèle Mühle, ist geblieben und unterstützt die Mutter jetzt, in dieser schwierigen Zeit, besonders stark. Riedo sagt: «Wir sind alle ein wenig durch den Wind.» Sie wisse ja schon länger, dass Ende August alles fertig sei, aber jetzt, wo es auf das Ende zugehe, sei es besonders schwer. «Wir haben bis zuletzt gehofft, dass doch noch alles anders kommt.» Als sie ihren vier Angestellten kündigen musste, seien sie sich alle in den Armen gelegen und hätten geheult, sagt sie.

«Das Bewährte verschwindet»

«Ich habe immer hier eingekauft», sagt eine Kundin. «Hat mir etwas gefehlt, so konnte ich sicher sein, dass ich es hier finde.» Wo sie in Zukunft ihre Nähsachen einkaufen wird, weiss sie nicht. Im Pfauen vielleicht. «Dasselbe ist es aber nicht. Das Alte, Bewährte verschwindet immer mehr aus unserer Stadt.» Die Kundin schüttelt Boesinger vor der bereits halb ausgeräumten Ladenkulisse die Hand: «Danke nochmals – und alles Gute.»

Boesinger wird nach der Ladenschliessung in die Frühpension gehen. «In meinem Alter finde ich keinen Job mehr», sagt sie. Die anderen Mitarbeiterinnen haben teilweise bereits eine andere Anstellung gefunden oder sind noch auf der Suche. Riedo und ihre Tochter Michèle Mühle warten erst mal ab. Die Geschichte muss zuerst beendet und dann verdaut werden.