Vorsicht bei der Berufswahl. So mancher Traumberuf wandelt sich in der Wirklichkeit schnell zum Albtraum. Der Traumberuf Galerist steht zurzeit auf dem Prüfstand, in der Schweiz und europaweit. In den letzten fünf Jahren mussten hierzulande 50 Galerien schliessen (siehe Kasten). Die Galerie ist zwar immer noch der wichtigste Ort für Künstler, um ein Publikum und solvente Käufer zu finden. Diametral zur wachsenden Anzahl Künstlerinnen und Künstler, welche mit einem Bachelor oder Master of Art in den Markt drängen, nimmt die Anzahl dieser Verkaufsstellen jedoch ab.

Der internationale Kunstmarkt meldet laufend Rekordpreise und -umsätze. Kunstmessen, Biennalen und Museen nehmen an Zahl zu und ziehen ein weltweit wachsendes Publikum an. Offspaces schiessen ins Kraut, die junge Kunstszene scheint im Party-Modus zu schweben. Die gute alte Galerie um die Ecke, die junge Künstler aufbaut, den älteren die Stange hält und auf treue Sammler zählen kann, sie hat trotz Kunst-Hype das Nachsehen. Wie erklärt sich dieses Paradox?

Beim Amazonas-Stamm

«Als ich 2012 erstmals an der Art Basel war, wähnte ich mich bei einem Amazonas-Stamm.» Das sagt Franz Schultheis. Der Professor für Soziologie an der Universität St. Gallen, war von der Art-Exotik derart fasziniert, dass er beschloss, sie zu erforschen. Er und seine Mitarbeiter führten mit 200 Personen aus dem nahen Umfeld der Art Basel Interviews. Die Feldforschung umfasste Galeristen, Kuratoren, Sammler, Consultants und Kunsthändler. 2016 wurde die Studie unter dem Titel «Kunst und Kapital» veröffentlicht.

Schultheis sagt: «In den letzten 20 Jahren hat ein grundlegender Wandel stattgefunden. Die Messen kannibalisieren das Galeriewesen.» Messen und Auktionshäuser würden den globalen Kunstmarkt monopolisieren. Ihre Kunden stammen aus der wachsenden Clique der Millionäre.

Für diese sei Kunst oft pures Investment, der hohe Preis ein Gütesiegel. Auch mittelgrosse Galerien können sich den Messestand, der an der Art Basel mittlerweile rund 100'000 Franken kostet, nicht mehr leisten. Die Grossen im Geschäft wachsen derweil zu global tätigen Unternehmen. «Gleichzeitig zersetzen die Messe-Events die Kultur des Galerie-Besuchs», so Schultheis. «Die Art Basel ist das Google der Kunstwelt.»

Die Studie von Schultheis kommt zu ähnlichen Ergebnissen wie jene an der Universität Zürich. Nicolas Galley leitet dort den Executive Master in Art Market Studies. «Die Zeiten, in welchen die herkömmliche Galerie der Hauptort für Kunstkäufe war, ist vorbei, spätestens seit 2008, seit der Finanzkrise.»

Vor diesem Datum habe es eine ansehnliche Zahl Sammler gegeben, die im mittleren Kunstmarkt sehr aktiv waren. Kunden die pro Jahr in der Galerie ihres Vertrauens 20'000 bis 50'000 Franken ausgegeben hätten. Dieses Kundensegment sei weggebrochen. «Diese Sammler haben sich entweder vom überhitzten Markt abgewandt oder reisen direkt an die grossen Messen. Dort wird ihnen der rote Teppich ausgerollt. Kunstsammler wollen schliesslich auch als solche wahrgenommen werden.»

Die Galerie als Ort, wo sich Künstler, Sammler und Galerist über Jahre in einem Vertrauensverhältnis begegnen und einen gemeinsamen Weg gehen: Dieses Modell verschwindet. Aber gab es denn überhaupt je einen stabilen Markt für Kunst?

Die Boomjahre sind vorbei

Fabian Walter betreibt mit seiner Frau Claude seit 1986 eine Galerie, erst in Basel, seit 2002 in Zürich. Er ist Präsident des Verbandes Schweizer Galerien. «Die Phasen, in welchen das Modell Galerie funktioniert hat, waren jeweils kurz. Es gab einen Boom in den Achtzigerjahren. Die Neunziger waren geprägt von Stagnation. In den Nullerjahren vollzog sich mit der Digitalisierung ein weiterer Schub, bis zur Finanzkrise 2008.»

Seither könne ein Galerist die Standards des internationalen Kunstmarkts gar nicht bedienen, wenn er nicht genug Kapital hat, so Walter. «Die Galeristenszene der Schweiz hängt zusehends am Tropf der Art Basel. Es ist eine Art Zweiklassengesellschaft entstanden.

Die Basler Galeristen Gilli und Diego Stampa trotzen seit nunmehr 50 Jahren den Umbrüchen im Kunstmarkt. Sie sind seit Beginn, seit 1970, an der Art Basel. Damals habe der Stand noch 800, die Galeriemiete 650 Franken gekostet, sagt Diego Stampa. «Heute belaufen sich die Betriebskosten für eine Galerie monatlich auf 50'000 bis 100'000 Franken.»

Den globalen Messemarkt bewertet er als schwierig: «Wir bewegen uns mittlerweile in einer Art globaler Shoppingmall, in der Kunst, Geld und die Informationen zum Markt immer schneller zirkulieren. Diese Entwicklung ist unpersönlich, und den Menschen fehlen die Orientierungspunkte. Die Kunst als kultureller Mehrwert ist infrage gestellt.»

Obwohl das Klima rauer geworden sei, glaube er an das Phänomen Kunst, an die Forschung, an die Entwicklung des Visuellen. «Es ist noch nicht alles verloren», so sein Statement.

Kein Land in Sicht

Mitpokern im globalen Markt, oder untergehen? Stampa plädiert für mehr solidarische Zusammenarbeit unter Galeristen und Künstlern. «Allein wird es in diesem Umfeld schwierig.»
Der Verband der Schweizer Galerien sucht das Gespräch mit dem Bundesamt für Kultur. Der administrative Aufwand soll verkleinert, die Teilnahme von Schweizer Galerien und Künstlern an internationalen Messen finanziell unterstützt werden.

Auf die Krise reagiert hat auch die Liste Basel. Die Sprungbrett-Messe hat sich seit je der Förderung junger Galerien verschrieben. Eine neu gegründete Stiftung wird sich ausschliesslich der Frage widmen, wie Galerien in Zukunft unterstützt werden können.