Pflegeplätze
Trotz langer Warteliste bleiben in Basel über 100 Pflegebetten leer

Die Basler Betagten haben hohe Ansprüche an ihr Heim. Sie wollen in die Institution ihrer Wahl. Dafür nehmen sie lange Wartezeiten in Kauf und über 100 Pflegebetten bleiben leer.

Stephan Dietrich
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Wie dem Musterzimmer geht es im Seniorenzentrum Senevita auf der Erlenmatt noch 54 der 56 Pflegezimmer: sie sind noch unbewohnt. Fotos: Kenneth Nars

Wie dem Musterzimmer geht es im Seniorenzentrum Senevita auf der Erlenmatt noch 54 der 56 Pflegezimmer: sie sind noch unbewohnt. Fotos: Kenneth Nars

Kenneth Nars

«Wir haben Besuch von der Presse, damit sie bald mehr Gesellschaft haben.» Mit diesen Worten erklärte Anita Roellinger, Geschäftsführerin des Pflegeheims Senevita-Erlenmatt, einer Bewohnerin die unverhoffte Visite durch Journalisten und Fotografen. Tatsächlich sind im vor einer Woche eröffneten Pflegeheim erst zwei von 56 Zimmer belegt.

Das Senevita Erlenmatt ist das zweite Heim, das die Berner Gruppe dieses Jahr in Basel eröffnet hat. Bereits im Frühjahr nahm auf dem ehemaligen Miba-Areal das Senevita-Gellertblick seinen Betrieb auf. Auch dort hat es noch viel Platz: Erst 36 der 65 Betten belegt. «Wir müssen da durch eine Durststrecke», gibt Senevita-CEO Hannes Wittwer während der Medienkonferenz unumwunden zu. Nach eigenen Angaben ist Senevita mit 1300 Betten der grösste Anbieter in diesem Bereich. Senevita ist gewinnorientiert und gehört seit diesem März zur europaweit tätigen, börsenkotierten französischen Orpea-Gruppe.

Viele leere Pflegebetten hat es nicht nur in den beiden Senevita-, sondern auch in anderen Basler Heimen. Als kürzlich bei einer Tagung des Verbands der gemeinnützigen Basler Alters- und Pflegeheime (VAP) die Frage gestellt wurde, wer über freie Betten verfüge, streckten sechs Heimleiter oder Heimleiterinnen auf. «Eine solche Situation habe ich noch nie erlebt», sagt der frühere Adullam-Direktor und heutige VAP-Präsident Richard Widmer.

Unbeliebte Doppelzimmer

Schon bevor Senevita den Standort Erlenmatt eröffnet hat, waren 50 bis 60 Pflegeheimbetten nicht belegt. Zusammen mit den über 50, die neu dazu gekommen sind, macht das über 100 freie Pflegeplätze. Bei einem Gesamtbestand von 3000 Betten scheint das nicht viel, für die einzelnen Heime kann das aber ganz schön ins Geld gehen. «Wenn Betten leer bleiben, sinken zwar der Pflegebedarf und die entsprechenden Kosten ein wenig. Die Fixkosten, vor allem der Hotellerie, bleiben gleich», argumentiert Stefanie Bollag, Direktorin des Alters- und Pflegeheims Humanitas in Riehen. Dort bleiben derzeit fünf bis sechs der 90 Betten kalt.

Freie Betten hat es auch im grössten Basler Pflegeheim, dem Adullam, zu dem auch ein Spital gehört. «Bei uns warten Personen im Spitalbereich, die in unser Pflegeheim wollen, die aktuell verfügbaren Zimmer aber aus verschiedenen Gründen ablehnen», stellt Adullam-Direktor Martin Birrer fest. «Die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen sind anspruchsvoller geworden» – eine Aussage, die andere Heimleiter teilen. Kaum mehr gefragt sind zum Beispiel Doppelzimmer, und die meisten Betagten erwarten heute eine Dusche und ein WC im Zimmer (siehe Kasten).

Zuständig für die Planung und Verteilung von subventionierten Pflegebetten ist im Kanton Basel-Stadt die Abteilung für Langzeitpflege. Ins Heim darf man erst nach einer entsprechenden Abklärung durch Mediziner und andere Fachpersonen. Verläuft die Abklärung positiv, kommt die Person auf eine Warteliste.

Das System ist träge

Derzeit sind es rund 190 Personen. Davon warten 25 in der Passerelle des Felix Platter-Spitals, 60 in anderen Spitälern und 100 zu Hause. Noch bis Mitte Jahr war die Gesamtzahl um ein Drittel höher. Und in den vergangenen Jahren mussten die Betagten oft monatelang auf einen Heimplatz warten. Verantwortlich für den markanten Rückgang der Wartefrist sind die vier Pflegeheime, die dieses Jahr den Betrieb neu aufgenommen oder erweitert haben. Insgesamt entstanden knapp 200 neue Betten. Allein im Bethesda-Alterszentrum Gellerthof waren es 114. Diese sind aber schon alle belegt.

Felix Bader, scheidender Leiter der Abteilung Langzeitpflege, ist natürlich froh, dass die Warteliste kürzer geworden ist. Umgekehrt bedauert er, wenn mit staatlichen Subventionen erstellte Heimplätze nicht belegt sind. «Ganz schlimm wäre es, wenn ein Heim wegen finanzieller Schwierigkeiten den Betrieb einstellen müsste», erklärt Bader.

Das Paradox, dass trotz der leeren Betten eine Warteliste besteht, erklärt er mit einer gewissen Trägheit des Systems. Wie viele Heimleiter und Heimleiterinnen muss er feststellen, dass etliche Betagte zwar auf der Warteliste sind, aber noch zu Hause wohnen und vor diesem schwerwiegenden Schritt zurückschrecken. In ein Pflegeheim gezwungen wird niemand. Eine Zeit lang ging man davon aus, dass die Zahl der über 80-jährigen Baslerinnen und Basler – derzeit sind es rund 13 500 – stagnieren werde. Die jüngsten Prognose rechnen hingegen wieder mit einer deutlichen Zunahme dieser Bevölkerungsgruppe. Damit ist nichts darüber gesagt, wie viele von ihnen pflegebedürftig werden. Nicht nur deshalb schlägt Felix Bader vor, neue Heime architektonisch so zu gestalten, dass sie sich mit einem Wohn- und Pflegebereich flexibel den Bedürfnissen ihrer Bewohner anpassen können.

Das Senevita-Seniorenzentum Erlenmatt erfüllt diese Bedingungen. Neben dem Pflegebereich umfasst es 63 1- und 2-Zimmerwohnungen für betreutes Wohnen. Neben einem Mahlzeitendienst gehört ein 24-Stunden-Pikett zu den Serviceleistungen, die das Haus für Senioren attraktiv machen soll. Die günstigste 1-Zimmer-Wohnung kostet 2400 Franken pro Monat – sieben Hauptmahlzeiten inklusive.