Kampf gegen HIV

Trotz übertroffem Wert in der Schweiz: Weshalb wir noch lange nicht am Ziel sind

Manuel Battegay: «Die Übertragung des Virus ist nicht mehr möglich, wenn die Behandlung erfolgreich verläuft.» (Archivbild)

Manuel Battegay: «Die Übertragung des Virus ist nicht mehr möglich, wenn die Behandlung erfolgreich verläuft.» (Archivbild)

Aids-Experte Manuel Battegay informiert über den aktuellen Stand im Kampf gegen HIV. Er geht auf die «U = U»-These ein und erklärt, was wir tun können, um die Infektionszahl weiter zu vermindern.

Behandlungen werden effektiver, die Todesrate sinkt und neue Erkenntnisse entlasten Betroffene und Angehörige. Trotzdem ist das Thema HIV diese Woche in Basel hochpräsent: International führende Experten aus über hundert Ländern treffen sich im Basler Kongresszentrum zur 17. Europäischen Aids-Konferenz.

Gleichzeitig findet am Freitagnachmittag eine Demonstration gegen die anhaltende Stigmatisierung von HIV-Betroffenen statt. Manuel Battegay, Chefarzt für Infektiologie am Universitätsspital Basel und ehemaliger Präsident der «European Aids Clinical Society», erläutert gegenüber der bz den aktuellen Stand in der Aids-Forschung und weshalb Aufklärungsarbeit weiterhin von grosser Bedeutung ist.

Sie sind seit über 30 Jahren in Ihrem Gebiet tätig. Wie haben Sie dessen Entwicklung erlebt?

Manuel Battegay: Seit Mitte der 90er-Jahre konnten wir enorme Fortschritte verzeichnen. Ab 1994 entwickelte Medikamente verringerten die Sterblichkeit massiv, Anfang des neuen Jahrtausends konnten diese Errungenschaften nochmals mit der Entwicklung von Integrase-Hemmern weiter getrieben werden. 2008 publizierte die Eidgenössische Kommission für Aids-Fragen das bahnbrechende «Swiss Statement». Es besagt, dass die Übertragung des Virus nicht mehr möglich ist, wenn die Behandlung erfolgreich verläuft und das Virus nicht nachweisbar ist.

Wie weit sind wir im Kampf gegen die HIV-Viren?

Erst kürzlich konnten Studien die «U = U»-These (nicht nachweisbar = nicht übertragbar) definitiv bestätigen. Ausserdem ist es heute Müttern möglich, ihr Kind dank der Therapie ohne Übertragungsrisiko zu stillen.

Ist die Behandlung denn heute am Ziel angelangt?

Als Ziel gilt die Betreuungskaskade: 90 Prozent aller Menschen mit HIV sollen wissen, dass sie das Virus in sich tragen, 90 Prozent davon sollen behandelt werden und 90 Prozent dieser Therapien sollen erfolgreich verlaufen. Obwohl dieser Wert in der Schweiz sogar übertroffen wird, ist Aufklärung weiterhin nötig. Andere Länder sind noch weit von diesem Ziel entfernt und HIV-Betroffene werden immer noch stigmatisiert. Zudem darf nicht vergessen werden, dass durch risikovolles Verhalten auch andere sexuelle Krankheiten übertragen werden können.

Was können wir tun, um die Infektionszahl weiter zu vermindern?

Seit 2015 wissen wir, dass eine frühe Behandlung sehr wichtig ist. Wenn diese rechtzeitig einsetzt, können Betroffene mit einer ähnlichen Lebensprognose rechnen wie gesunde Menschen. Daher ist es von grosser Bedeutung, HIV schnell zu erkennen, um die Therapie frühzeitig starten zu können. Bei Personen, die aufgrund ihres Sexuallebens einem hohen Risiko ausgesetzt sind, kann mit HIV-Medikamenten eine Prä-Expositionsprophylaxe durchgeführt werden, welche die Übertragung um rund 99 Prozent senkt.

Welche Ziele verfolgt die diesjährige Konferenz?

Wir tauschen uns über neuste wissenschaftliche Studien aus und lancieren Projekte – vor allem auch für stärker betroffene Länder. Ein weiteres Thema ist die Entwicklung neuer Medikamente, die zum Beispiel eine längere Wirksamkeit aufweisen und somit die Handhabe erleichtern. Ausserdem verfolgen wir längerfristige Ziele. In jüngerer Vergangenheit konnten drei Personen durch die Transplantation von Stammzellen komplett geheilt werden. Allerdings erfolgte jene Behandlung lediglich deshalb, weil die Personen gleichzeitig von Leukämie betroffen waren. Es wird wohl Jahre dauern, bis ein solches Konzept effektiv erarbeitet sein wird.

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