Zum ersten Mal seit dem Hitzesommer 2003 hat der Rhein in Basel am vergangenen Sonntag die 25-Grad-Marke geknackt. Nach dem Gewitter vom Montag sank die Wassertemperatur um vier Grad. Seit Mittwoch klettert sie wieder täglich. Nächste Woche könnte der Rhein erneut über 25 Grad warm werden. Auch die Aare überschreitet diesen kritischen Wert. Das AKW Mühleberg musste den Betrieb drosseln. Der Grund dafür ist die 1998 eingeführte Schweizer Gewässerschutzverordnung: Sie verbietet, Flusswasser zur Kühlung zu verwenden, wenn dieses wärmer als 25 Grad ist. Das Kühlwasser fliesst jeweils erwärmt mit knapp 30 Grad zurück in den Fluss und heizt diesen dadurch weiter an. Hohe Temperaturen verdrängen Bachforellen und Äschen.

Auf die AKW wird die 25-Grad-Regel relativ strikt angewendet. Die Basler Pharma hingegen darf die Bundesverordnung verletzen. Obwohl der Rhein am Sonntag mehr als 25 Grad warm war, verwendete Roche an diesem Tag 3000 Kubikmeter Wasser pro Stunde, wie Roche-Sprecherin Silvia Dobry auf Anfrage sagt. Mehr als 85 Prozent des Wassers würden für die Kühlung der Medikamentenproduktion, für Forschung und Entwicklung sowie für das Rechenzentrum verwendet. Mit den verbleibenden knapp 15 Prozent werden gewöhnliche Büros gekühlt. Auch Novartis nutzte am Sonntag Rheinwasser zur Kühlung, hält die verwendete Menge aber geheim.

Roche-Sprecherin Dobry streitet ab, dass der Rhein am Sonntag über 25 Grad warm gewesen sei. Sie bezieht sich auf die Temperaturmessung des Bundesamts für Umwelt in Rheinfelden. Diese sei massgeblich, sagt sie. Das ist falsch. Für Basel ist die Messung bei der Palmrainbrücke in Weil relevant, die einige hundert Meter unterhalb der Einleitungen von Roche und Novartis liegt. Jürg Hofer, Chef des Amts für Umwelt und Energie (AUE), bestätigt: «Am Sonntag wurde in Basel tatsächlich die Marke von 25 Grad überschritten.»

Der Kanton erteilt den Firmen gemäss Hofer auf informellem Weg Ausnahmen: «Eine formelle Ausnahmebewilligung haben wir nicht erteilt, weil das Gewässerschutzrecht des Bundes sie gar nicht vorsieht.» Stattdessen habe der Kanton den Firmen signalisiert, dass er eine Überschreitung der Grenzwerte tolerieren werde. Zwei Auflagen hätten die Behörden gemacht: Nur für zwingend benötigte Kühleinheiten dürfe die Gewässerschutzverordnung verletzt werden und der Temperaturverlauf der Einleitungen müsse lückenlos gemessen und dokumentiert werden. Im Juli haben Roche und Novartis in den letzten fünf Jahren durchschnittlich 120 000 Kubikmeter Rheinwasser verwendet. Das entspricht der Wassermenge von anderthalb Olympiaschwimmbecken pro Tag.

Daniel Küry, Biologe und Präsident der Organisation Gewässerschutz Nordwestschweiz, übt Kritik: «Es ist stossend, dass die gesetzlichen Bestimmungen nicht eingehalten werden und es sollten Lösungen gefunden werden.» Zwar sei der Einfluss der Basler Kühlwassereinleitungen auf die Rheintemperatur relativ gering. Das AUE geht von höchstens 0,2 Grad aus. «Ein mutmasslich geringer Beitrag darf nicht von der Suche nach anderen Alternativen für Kühlzwecke abhalten. Die Erwärmung droht in den nächsten Jahren zuzunehmen», sagt Küry.

AUE-Chef Hofer entgegnet, dass die Pharma ernsthafte Anstrengungen unternehme. Dazu gehört die verstärkte Nutzung von Grundwasser. Novartis will für die Gebäude auf dem Campus im St. Johann und im Klybeck weitere Grundwasserbrunnen erschliessen. Ein Konzept befindet sich im Bewilligungsverfahren. Roche wertet seit Monaten Pumpversuche in der Erlenmatt aus. Resultate liegen noch nicht vor.

Auch das Universitätsspital prüft neue Kühlmethoden. Es verletzte am Sonntag ebenfalls die Gewässerschutzverordnung und zweigte 24 000 Kubikmeter Wasser für Kältemaschinen für Klimaanlagen und medizintechnische Geräte ab. Das Kantonsspital setzt wie die Pharma zudem auf Grundwasser.

Mit der verstärkten Nutzung von Grundwasser verlagert sich das Problem. In den letzten Jahrzehnten habe sich die Temperatur des Grundwassers um mehrere Grad erwärmt, sagt Biologe Küry. Dies sei das gravierendere Problem als die Rheinerwärmung. Denn die Folgen für das Trinkwasser seien nicht bekannt.