Wohnungsnot
Trotz Volks-Nein: Der Staat will am Stadtrand Wohnraum bauen

Das Nein der baselstädtischen Stimmberechtigten zur «Stadtrandentwicklung Ost» sei mit vielen unterschiedlichen Befürchtungen zustande gekommen. Dies hat eine am Mittwoch publizierte Befragung ergeben.

Martina Rutschman
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Dieses Projekt für das Areal zwischen Rankhof und Riehen im Osten der Stadt wurde vom Volk abgelehnt. Die Entwicklung des Areals ist damit aber nicht vom Tisch. zvg

Dieses Projekt für das Areal zwischen Rankhof und Riehen im Osten der Stadt wurde vom Volk abgelehnt. Die Entwicklung des Areals ist damit aber nicht vom Tisch. zvg

Visualisierung Diener und Diener

Guy Morin trat in ein Fettnäpfchen, als er im Herbst – keine zwei Monate nach der Abstimmung zur Stadtrandentwicklung Ost – sagte: «Wir müssen die Planung neu auflegen. Wir können das Gebiet nicht einfach brach liegen lassen.» Sofort schrien seine Kritiker: «Missachtung des Volkswillens!» Morin schwieg fortan und die Gegner beruhigten sich. Bloss ein Fettnäpfchen-Tritt des Regierungspräsidenten war die Aussage aber nicht, wie sich jetzt zeigt.

Sein Präsidialdepartment befasst sich auch vier Monate nach dem Nein mit der Entwicklung im Osten. Vorerst allerdings erst in Form einer Nachanalyse, die das Institut GfS Bern im Auftrag des Bau- und Verkehrs- sowie des Präsidialdepartements durchgeführt hat. Die Studie für 40 000 Franken ergab, dass das mit 50,8 Prozent knappe Nein wegen vieler verschiedener Befürchtungen zustande gekommen ist.

Ausserdem zeigt die Befragung, dass die Basler nicht grundsätzlich gegen eine Überbauung des entsprechenden Gebiets sind: Die Frage, ob die Behörden «zu gegebener Zeit noch einmal gründlich darüber nachdenken» sollen, wurde von 72 Prozent der 1000 Befragten bejaht. Diese Tatsache wird durch die Verantwortlichen ebenso hervorgehoben wie die Erkenntnis, dass die Basler nicht generell gegen Hochhäuser sind – und der Plan, deren zwölf zu bauen, nicht allein zur Ablehnung der Vorlage führte. Vielmehr war es etwa die Befürchtung, die Landschaft würde verschandelt.

Entsprechend waren auch fast die Hälfte der Befragten der Ansicht, vor einem baulichen Eingriff in Grünzonen sollten bereits bebaute Flächen verdichtet werden. Mit diesem Argument punkteten seinerzeit die Grünen bei der Abstimmung.

Innere Verdichtung keine Lösung

Kaum wurde die Studie publik gemacht, meldeten sie sich dann auch zu Wort. Sie nahmen die Erkenntnis, dass Befürworter und Gegner mit Grünflächen argumentierten, zum Anlass für Forderungen: Ökologische Stadtentwicklung müsse bei einer Neuauflage der Stadtrandentwicklung Ost «zwingend berücksichtigt» werden, schreiben die Grünen Basel-Stadt in einer Mitteilung. Ausserdem verlangen sie vom Kanton, dass er ein Konzept zur Nutzung des inneren Verdichtungspotenzials erarbeitet.

Doch bereits bebaute Fläche aufzonen, und aus Büros Wohnungen machen, klingt einfacher, als es ist. Planungsamtleiter Martin Sandtner sagt: «Dieses Potenzial wird überschätzt.» So würden Aufzonungen zwar ermöglicht, wo es geht. Wegen «städtebaulicher Qualitätskriterien» sei das Potenzial aber kleiner als oft angenommen. Zu gross seien an vielen Orten negative Einflüsse wie etwa der Verlust von Tageslicht. In Gassen in der Stadt scheitere eine Auszonung oft daran. Auch die Umnutzung von Büros in Wohnungen sei keine Lösung, da auch Büroflächen knapp würden und Umnutzungen mit 2000 Franken pro Quadratmeter zudem teuer seien.

Die logische Schlussfolgerung für Sandtner: Der wegen des erwarteten Bevölkerungswachstums nötige Wohnraum muss auch an den Rändern der Stadt entstehen. Als Beispiele für Areale mit Potenzial nennt er etwa den Dreispitz, den Güterbahnhof Wolf, das Industrieareal Klybeck – und das Gebiet zwischen Rankhof und Riehen. Die anstehende Richtplanung 2016 biete Gelegenheit zu neuen Überlegungen dazu. «Bis dahin werden wir eine Strategie ausarbeiten.» Und da man nun wisse, dass keine grundsätzliche Ablehnung gegenüber Hochhäusern besteht, sei der Einbezug solcher in einen allfällig neuen Überbauungsplan kein Tabu. Bisher liege aber kein solcher vor, sagt Sandtner. Und es läge auch kein «Plan B» in seiner Schublade.

Die Stadtrandentwicklung Süd, die auch verworfen wurde, ist kein Thema mehr.