Paradox
Trotz weniger Gewalt fühlen sich die Bürger unsicher

Es ist paradox: Auf der einen Seite belegen offizielle Zahlen einen Rückgang der Kriminalität. Auf der anderen Seite fühlen sich viele Einwohner von Basel unsicher. Die Gründe könnten intensive Berichterstattung und weniger Vertrauen in die Polizei sein.

Peter Schenk
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Gewaltstraftaten pro 100'000 Einwohner

Gewaltstraftaten pro 100'000 Einwohner

bz

Die Entwicklung der Gewaltstraftaten im Kanton Basel-Stadt verläuft in eindrücklichen Auf- und Abwärtsbewegungen. Erreichte sie 2007 mit 268 Straftaten seit 1999 einen Minusrekord, stieg sie danach bis 2011 und 2012 auf Spitzenwerte, um bis 2015 beständig um rund ein Viertel auf 335 zurückzugehen (siehe Grafik).

Die Zahlen stammen vom Statistischen Amt Basel-Stadt. Gewaltstraftaten werden dabei als vorsätzliche Tötungs- und Körperverletzungsdelikte, Raub und Vergewaltigung definiert. Vorgestellt wurde die Grafik neben vielen anderen Mitte letzter Woche im Rahmen der Medienkonferenz zur nachhaltigen Entwicklung des Kantons.

75 Prozent der Basler zufrieden

Paradox daran war, dass die reale Bedrohungssituation zwar offensichtlich zurückgeht, die gefühlte Sicherheit bei einem Teil der Bevölkerung aber deutlich abnimmt. So zeigten sich in der Bevölkerungsumfrage 2015 drei Viertel der Baslerinnen und Basler zwar sehr oder eher zufrieden mit der Öffentlichen Sicherheit. Aber ein grosser Rest, immerhin rund ein Viertel, war eher oder ganz unzufrieden damit.

Zu ganz ähnlichen Resultaten kam auch die grosse Wahlumfrage, die bz und «Tageswoche» zusammen in Auftrag gegeben haben und über deren Ergebnisse wir bereits ausführlich berichtet haben. Zum Thema Leben in der Stadt heisst es im Sorgenbarometer: «Zuletzt fühlt sich eine Mehrheit von 55 Prozent sicher in der Stadt und weitere 15 Prozent haben hierzu eine neutrale Haltung. 30 Prozent empfinden ein subjektives Unsicherheitsgefühl.»

Im Sorgenbarometer wurde die Aussage «Im öffentlichen Raum fühle ich mich unsicher» abgeschlagen auf dem 14. Rang platziert. Bittet man aber die Befragten darum, die aus ihrer Sicht drei grössten Probleme zu nennen, steht die Sicherheit auf einmal auf Rang 3. Die Studie kommentiert das so: «Überraschend deshalb, weil sich – wie zuvor gezeigt – eine Mehrheit im Prinzip sicher fühlt. Indes, für diejenigen, die sich nicht sicher fühlen, stellt dies ein Problem dar, das dringendst einer Lösung bedarf.»

Für Peter Schwob, Psychotherapeut und Präsident vom «Verband der PsychotherapeutInnen beider Basel» VPB, ist diese Erwartungshaltung im Grunde nicht zu erfüllen – der Verband ist jeden zweiten Montag in der bz mit der Kolumne «Innensicht» vertreten. Schwob sagt: «Alles ist unsicher im Leben und es gibt Gruppen, die dieses Gefühl bewirtschaften. Auch wenn die Bedrohung nicht real ist, ist es die Angst durchaus.»

Für Schwob ist es auch nicht paradox, dass das Unsicherheitsgefühl steigt, während die Zahl der Gewaltstraftaten abnimmt. «Die Zahl schlägt sich nicht im Gefühl nieder», ist er überzeugt. «Es gibt 335 Opfer und vielleicht 5000 Zuschauer; das ergibt nie 30 Prozent. Die rekrutieren sich zum Beispiel über Zeitungsmeldungen.»

Ein Rezept hat auch Schwob nicht, aber: «Es wäre gut, weniger Schaum mit den Überfällen zu schlagen und ausserdem nicht zu versprechen, das Problem wäre gelöst, wenn man selber an der Macht wäre.» Generell betont Schwob, dass die Ohnmacht und das Ausgeliefertsein eines der schlimmsten Gefühle sei. «Ausgeliefert ist man aber auch bei den Krankenkassenprämien oder den Mieten.»

Ähnlich wie Schwob ist seine VPB-Kollegin und Psychotherapeutin Susann Ziegler der Ansicht, dass die Berichterstattung über Gewalt, auch durch die sozialen Medien, viel intensiver geworden sei. Ausserdem glaubt sie, dass die Polizei in ihrer «Schutz- und Vaterfunktion» durch die vielen Überstunden und Ereignisse wie die Auseinandersetzungen beim Tinguely-Brunnen nicht mehr als so verlässlich wahrgenommen werde. Beim Tinguely-Brunnen waren die Polizisten bei der versuchten Festnahme eines Jugendlichen, der sich wehrte, von einer grösseren Menge angegriffen worden, weil diese das Vorgehen der Polizei als brutal erlebten.

Keine konkreten Zahlen für 2016

Dafür, wie sich die Gewaltstraftaten im ersten Halbjahr 2016 weiterentwickelt haben, liegen noch keine konkreten Zahlen vor. Peter Gill, Sprecher der baselstädtischen Staatsanwaltschaft, verweist darauf, dass diese erst in der jährlichen Medienkonferenz im März 2017 für das Vorjahr mitgeteilt werden. Allerdings habe die Staatsanwaltschaft eine Trendentwicklung veröffentlicht.

Aus dieser geht hervor, dass die vorsätzlichen Tötungsdelikte einschliesslich Versuch um 30 Prozent abgenommen haben. Keine Veränderungen gab es bei den vorsätzlichen Körperverletzungen und Tätlichkeiten wie auch Raub und Entreissdiebstahl. Allerdings nahmen die Vergewaltigungen und Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte um jeweils zehn Prozent zu.