«Schreiben Sie ja nicht, um welches Medikament es sich handelt, sonst rennen mir die Patienten die Bude ein», sagt Michael Tscheulin, Inhaber der Neubad-Apotheke. Deshalb nur so viel: Es geht um ein Medikament, das ein grosser Pharmahersteller vor einigen Monaten aus dem Sortiment genommen hat. Was bei einigen Kunden, die ein sehr spezifisches Leiden seit Jahren mit genau diesem Medikament erfolgreich behandelt hatten, zu grosser Sorge und Hamsterkäufen führte.

Statt seine Kunden zu vertrösten, hat sich Tscheulins Mitarbeiter Alexander Steenhof kurzum entschlossen, das Medikament nachzubauen – was in diesem Fall erlaubt ist. Dazu hat er in monatelanger Arbeit die Rezeptur analysiert und Hersteller von pharmazeutischen Rohstoffen gesucht. Als die einzelnen Substanzen im Apothekerlabor vorlagen, kreierte er daraus eine erste Prototyp-Kapsel. Und schluckte sie zum Test gleich selbst. «Vor allem aus psychologischen Gründen – welcher Patient würde schon als erster ein Prototyp-Arzneimittel probieren, da geht es einfacher, wenn ich auch davon nehme», sagt er.

Die Rezeptur zeigte Wirkung, und der Apotheker machte sich an die erste Grossproduktion. Wobei: Auch dabei werden Pülverchen im Hundertstelgrammbereich von Hand abgewogen, im Mörser gemischt und einzeln mit einer Jasskarte – «es gibt nichts besseres» – in leere Kapselhüllen gefüllt. «Das ist klassisches Apotheker-Handwerk, wie es jedem angehenden Apotheker im Rahmen seines Studiums beigebracht wird. Aber leider lohnt sich der Aufwand kaum noch», sagt Tscheulin. Die Tarife, die Apotheker für solche Arbeiten verrechnen können, seien seit 2005 nicht mehr angepasst worden. «Wir machen das aus reinem Goodwill dem Kunden gegenüber.»

Steenhof sagt: «Die Arbeit im Labor ist für mich eine Bereicherung. Nebst dem Kontakt zum Kunden ist das Herstellen von Medikamenten im Labor ein wichtiger Teil unserer Arbeit, der auf keinen Fall verloren gehen darf.» Die Neubad-Apotheke sei eine von wenigen, die diesen Aspekt des Apotheker-Berufs noch hochhalte. «Jede Apotheke muss zwar ein Labor haben, aber der Betreiber ist frei, welche Arbeiten er darin ausführen will», sagt Tscheulin.

Hausspezialität aus dem Labor

Während die erwähnten Kapseln tatsächlich Stück für Stück und von Hand gefüllt werden, konnten die Neubad-Apotheker andere Eigenkreationen bereits in Produktion geben. «Insgesamt fünf Hausspezialitäten werden heute in grösserem Massstab produziert, ein Teil davon von einer externen Firma, darunter unser Hustensirup mit Thymian- und Efeuextrakt», sagt Tscheulin. Entwickelt worden seien die Rezepturen ebenfalls im kleinen Labor der Neubad-Apotheke.

Ob es mit dem eingangs erwähnten Ersatz-Medikament auch eines Tages so weit kommt, ist offen. Sicher ist, dass die Mitarbeiter an ihre Grenzen stossen. Während des Besuchs der bz haben Steenhof und sein Kollege Florian Schwyter in fast drei Stunden gerade einmal 49 Pillen hergestellt – bei der fünfzigsten war die leere Kapselhülle fehlerhaft, sie musste deshalb entsorgt werden.

Bis Feierabend, mit einer zusätzlichen Hilfskraft und grösserem Gerät wollen die beiden 3000 Stück produzieren. «Die Nachfrage ist viel grösser, als wir erwartet haben. Es hat sich sogar eine Kundin aus Zürich bei uns gemeldet und sich nach dem Ersatzmedikament erkundigt», sagt Tscheulin, der keine Ahnung hat, wie sich das bis an die Limmatstadt herumgesprochen habe.

Auch die bz hat von einem langjährigen Nutzer des betreffenden Medikaments vom Engagement der Neubad-Apotheker erfahren. Er sagt: «Ich bin sehr froh, dass ich jetzt ein Ersatzmedikament gefunden habe. Ich habe das Originalpräparat jahrelang eingenommen und sehr gut damit gelebt», sagt der Informant. Er habe auch schon kommerzielle Alternativen ausprobiert, aber diese würden für sein spezifisches Leiden wesentlich schlechter wirken als das Original-Präparat und die Kopie der Neubad-Apotheke. Tscheulin sagt: «Ein guter Apotheker ist wie ein fähiger Maître Chocolatier, auch er stellt seine Pralinés nach eigenen Spezialrezepten selber her und verkauft nicht nur vorfabrizierte Ware.»