Herr Marti, wissen Sie, wie man akute Blinddarm-Probleme behandelt?

Felix Marti: Ja, das weiss ich.

Also sind Sie für den Fall, dass Rafael Nadal die Blinddarm-Entzündung zu schaffen macht, gewappnet (Nadal führt das Tableau an den Swiss Indoors an und hat Blinddarm-Probleme, Anm. d. Red.)?

Das heisst, er kommt definitiv nach Basel? Danke für diese Nachricht.

Ja, sein Berater hat die Teilnahme definitiv bestätigt.

Das freut mich sehr. Wir mussten ihn ja schon einmal nach Hause schicken. Das war glaube ich 2004. Damals musste er extra von Mallorca nach Basel kommen, um sich vor dem Turnier untersuchen zu lassen und sich seine Spielunfähigkeit bei mir als zuständigem Turnierarzt bestätigen zu lassen.

Haben sich solche Abläufe durch modernere Massnahmen mittlerweile vereinfacht?

Ja. Wir sind in der ATP viel besser vernetzt als früher, alles ist transparenter unter den zuständigen Ärzten. Die Spieler müssen also nicht mehr extra im Voraus einfliegen.

Sie haben bereits eine Menge grosser Spieler betreut. Haben die Spieler manchmal Starallüren?

Nein, die hat fast keiner. Sie sind auch nur Menschen, die ständig unterwegs sind und einfach so viel wie möglich spielen wollen. Etwas schwierig war nur John McEnroe. Sein Coach kam damals zu mir und sagte mir, er habe ein Problem. Also bin ich zu ihm gegangen und habe ihn unter anderem gefragt, ob er diese Beschwerden schon einmal hatte. Er sagte nur: «Sind Sie der Arzt oder ich?» Nach dieser kurzen Startschwierigkeit war er dann ganz kooperativ.

Sie leiten das medizinische Team an den Swiss Indoors. Wie sieht die Vorbereitung vor diesem Grossanlass aus?

Wir sind ein Team aus drei Ärzten. Der Orthopäde Lukas Kälin, Internist Martin Tschan und ich. Wir sind wirklich ein super Team. Vor dem Turnier erstelle ich jeweils einen Dienstplan. Es sind immer zwei von uns vor Ort. Wenn die Halle voll ist, sind alle da, da wir nicht nur für die Versorgung auf dem Platz, sondern auch für das Publikum verantwortlich sind. Zusätzlich sind zwei Physiotherapeuten vor Ort, die nur für die Spieler zuständig sind, plus einer von der ATP, der das ganze Jahr mit den Spielern tourt.

Wie sind Sie zu Ihrer Rolle als Turnier-Chefarzt gekommen?

Via den FC Basel. Dort war ich seit 1979 dabei, als mich mein Vater, der ebenfalls schon Clubarzt war, als seinen Stellvertreter mit Helmut Benthaus ins Trainingslager nach Haiti schickte. Seither gehöre ich zum Staff beim FCB. Dadurch kannte mich Roger Brennwalds rechte Hand und fragte mich an, ob ich die Leitung an den Swiss Indoors übernehmen möchte.

Was für eine Beziehung haben Sie zu Turnierdirektor Brennwald?

Uns verbindet ein grosses freundschaftliches Verhältnis.

Die Spieler, die nach Basel kommen, bringen oft eine komplexe Verletzungshistorie mit, wie Nadal. Halten Sie sich das Jahr durch über die Verletzungen auf dem Laufenden?

Bei Nadal gab es ohnehin eine grosse Diskussion, ob er kommen kann. Da ich auch privat sehr Tennis-interessiert bin und mir viele Spiele anschaue, verfolge ich, welche Blessuren die Spieler haben.

Mit Roger Federer kommt dieses Jahr erneut ein Spieler nach Basel, den Sie sehr gut kennen.

Ich freue mich riesig auf die Perfektion im Spiel von Roger. Ich kenne ihn, seit er ein Balljunge ist, auch wenn ich ihn damals noch nicht speziell wahrgenommen habe. Roger wird noch lange gut sein, er ist ein Jahrtausendtalent. Es wird noch tausend Jahre dauern, bis wir wieder so einen Schweizer Spieler erleben dürfen.

Hat er Sie unter all den Spielern am meisten beeindruckt?

Ja, Roger ist einmalig. Aber natürlich waren auch die früheren Spieler, Yannick Noah, Stefan Edberg, Pete Sampras, Boris Becker oder Jimmy Connors Spieler von absolutem Weltformat. Diese Namen sind ein Aushängeschild für Basel. Und das Feld ist auch dieses Jahr wieder gigantisch (von den vier ersten der ATP-Weltrangliste sind mit Nadal, Federer und Stanislas Wawrinka drei dabei, Anm. d. Red).

Freut sich auch der Fan in Ihnen, dass solche grossen Spieler immer wieder nach Basel kommen?

Klar. Roger Brennwald schafft es immer, Personen, die man nur aus dem Fernseher kennt, in die Joggelihalle zu holen.

Wenn Sie einmal über die Strasse gehen, sind Sie an Ihrem anderen Arbeitsort: dem St. Jakob-Park. Wie definiert sich Ihre Arbeit beim FCB?

Wir sind ebenfalls zu dritt und teilen uns Heim-, Auswärts- und Champions-League-Spiele auf. Wenn ich bei den Heimspielen nicht auf der Bank sitze, bin ich nichtsdestotrotz im Stadion, weil ich der verantwortliche Stadionarzt bin.

Arbeiten Sie während den Swiss Indoors nebenbei noch für den FCB?

In dieser Woche betreuen die anderen zwei aus unserem Team die FCB-Spieler während der Partien. Aber ich bin 24 Stunden auf meinem Handy zu erreichen.

Wie viel Zeit investieren Sie neben Ihrer Arbeit in Ihrer Praxis für den FCB?

Das sind zirka ein bis zwei Tage pro Woche, wobei einer davon eigentlich immer am Wochenende ist. Ich gebe sehr viel Freizeit daran. Zu Auswärtsspielen reise ich beispielsweise jeweils um acht Uhr morgens mit dem Zug an und komme abends mit dem Team im Car zurück. Als grosser Fan fällt mir dies nicht schwer.

Wie unterhalten Sie sich mit Spielern wie Yoichiro Kakitani, der überhaupt kein Englisch kann?

Wenn sie keinen Dolmetscher haben, wie das bei Kakitani anfangs der Fall war, mache ich das mit Übersetzungs-Apps. Ich habe vier davon auf meinem Handy. Es ist zwar mühsam, aber auch spannend.

Ist es möglich, bezüglich Verletzungsrisiko einen Quervergleich zwischen Tennis und Fussball zu ziehen?

Der Fussball ist verletzungsanfälliger. Er ist kampfbetonter. Der Schiedsrichter ist der wichtigste Mann auf dem Platz, weil er die Spieler schützen muss, bevor überhaupt etwas passieren kann. Beim Tennis sind die Gegner durch ein Netz getrennt. Daher sind dort Muskelverletzungen oder Probleme an den Händen und Schultern häufiger. Beim Fussball kommt es neben den Muskel- und Gelenkverletzungen oft zu Quetschungen und Schlägen.

Können Sie die Wahrnehmung bestätigen, dass sich Verletzungen, vor allem muskuläre, im Vergleich zu Ihrer Anfangszeit vermehrt haben?

Die Informations-Dichte ist viel grösser geworden, weil der Stellenwert des Fussballs und des Sports allgemein zugenommen hat. Die Öffentlichkeit bekommt beinahe jede Verletzung mit. Was den FCB betrifft, hatten wir eine Phase lang einfach Pech. Wir haben weder anders trainiert, noch die medizinische Behandlung verändert. Alles ist gleich geblieben. Es hat sicher auch mit der hohen Belastung zu tun. Deshalb ist das Rotationsprinzip von Paulo Sousa vom medizinischen Standpunkt her gut.

Namhafte Fussballerinnen wie Abby Wambach oder Nadine Angerer haben eben erst eine Klage am Ontario Human Rights Tribunal eingereicht, weil ihre WM im nächsten Jahr auf Kunstrasen stattfindet. Der Untergrund fördere die Verletzungsgefahr.

Die Mehrzahl an Fussballern, die ich gefragt habe, spielen lieber auf Naturrasen. Er ist weniger hart und auf dem Kunstrasen ist die Gelenkbelastung höher und damit sind die Schmerzen nach dem Spiel grösser. Ich verstehe diese Spielerinnen. Es ist aber eben auch so, dass der Unterhalt von Kunstrasen billiger ist. Naturrasen zu pflegen ist eine Kunst, bei Kunstrasen ist es dies nicht.

Apropos Verletzungen: Eine der häufigsten Blessuren sind Probleme im Adduktoren-Bereich. Woher kommen diese Verletzungen, und wozu dienen Adduktoren überhaupt?

Als Adduktoren bezeichnet man drei Muskeln, die am Schambein ansetzen und den Oberschenkel nach innen ziehen. Fussballer brauchen die Adduktoren bei jedem Innenrist-Pass und bei jeder schnellen Richtungsänderung. Sie sind sehr wichtig bei der Steuerung der Oberschenkel. Deshalb sind Verletzungen in diesem Bereich die Folge einer typischen Überbelastung bei den Fussballern.

Von Verletzungen grösstenteils verschont blieb hingegen Roger Federer in seiner Karriere. Ist die von Ihnen angesprochene Perfektion in seinem Spiel mit ein Grund dafür?

Absolut. Seine optimierten Bewegungsabläufe, die Art, wie er die Bälle so schulbuchmässig spielt, gleichzeitig rund aber auch kraftvoll. Das alles trägt dazu bei, dass er so selten verletzt war.

Und wer gewinnt dieses Jahr die Swiss Indoors?

Federer. Er ist in einer so super Form und der beste Spieler des Jahres.