Hafenareal
Überraschende Wende: Unerwünschte Jenische dürfen vorerst bleiben

Der Kanton verspricht einen runden Tisch und prüft eine Liste möglicher Standorte für Jenische. «Das Interesse ist jedoch gering, einen solchen Platz anzubieten», sagt die Basler Raumplanerin.

Annika Bangerter und Muriel Mercier
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Mela und Santino warten vor ihrem Wohnwagen auf die Entscheidung des Kantons. Müssen sie bald weiterziehen oder können sie den Frühling am Rhein verbringen?

Mela und Santino warten vor ihrem Wohnwagen auf die Entscheidung des Kantons. Müssen sie bald weiterziehen oder können sie den Frühling am Rhein verbringen?

Kenneth Nars

Sie stehen ganz am Rand des Esso-Areals am Hafen. Unscheinbar. Die drei Wohnwagen, die von sechs Jenischen bewohnt werden. Auch wenn man mit dem Velo nahe an der grossen Asphaltfläche vorbei fährt, fallen sie kaum auf. Und trotzdem sorgen Mela und Santino für grosse Aufruhr in Basel. Denn sie sollten bis Mittwoch um 12 Uhr ihren Platz am Hafen verlassen.

Was sie aber nicht tun werden, wie die 23-jährige Mela am Morgen noch kurz vor der Deadline klarstellte. Der Grund ist ganz einfach: «Wir wissen nicht, wohin wir fahren sollen.» Seit Monaten seien sie auf der Suche nach einer längeren Bleibe. Die Plätze seien in der ganzen Schweiz voll. Indem sie nun auf dem Hafengelände parkiert haben, wollen die Jenischen ein Zeichen setzen und der Stadt erneut klarmachen, dass es für Fahrende am Rheinknie keinen Standort gibt.

Doch innert wenigen Tagen wurde klar: Die sechs Jenischen sind am Hafen unerwünscht. In einem Brief an Regierungspräsident Guy Morin machen die beiden Vereinigungen für Fahrende, «Schäft qwant» und «Radgenossenschaft», ihrem Ärger Luft. Sie fordern vom Kanton eine provisorische Duldung im Klybeck-Areal oder an einem alternativen Platz. Damit konfrontiert, versprach Guy Morin am Dienstag gegenüber der bz, eine Lösung zu finden.

Versöhnliche Töne der Stadt

Am Mittwochnachmittag liess der Kanton Taten auf die Worte folgen. «In den nächsten Tagen gibt es einen runden Tisch mit Vertretern des Kantons, Fahrenden und dem Verein I-Land. Bis dahin können die Fahrenden im Hafen bleiben», sagte Melanie Imhof, Mediensprecherin des Präsidialdepartements.

Der Verein I-Land zeigte sich darüber erleichtert. Dieser ist Mieter des Areals und somit für die Nutzung verantwortlich. Er habe zwar grosses Verständnis für die Anliegen der Fahrenden, sehe aber durch den möglichen Vertragsbruch die eigenen Zwischennutzungsprojekte gefährdet. Der Verein I-Land steht kurz vor den Verhandlungen über eine Vertragsverlängerung. «Beherbergen wir die Fahrenden, dann verletzen wir die Zonenkonformität des Grundstücks. Somit wären wir für die illegale Benutzung verantwortlich und hielten den Vertrag mit dem Kanton nicht ein», erklärt Fabian Müller von I-Land.

Deshalb hat der Verein nach Gesprächen mit dem Präsidialdepartement Anfang dieser Woche und einem Schreiben von Immobilien Basel-Stadt die Fahrenden weggewiesen. «In dem Schreiben von Immobilien Basel-Stadt steht wortwörtlich: ‹Sie müssen die Leute wegweisen und gegebenenfalls die Polizei aufbieten›», so Müller weiter. Für die brisanten Zeilen wollte gestern niemand die Verantwortung übernehmen. Von Immobilien Basel-Stadt erhielt die bz keine Stellungnahme. Das Präsidialdepartement will von dem Schreiben nichts gewusst haben. «Dass die Fahrenden auf Druck des Präsidialdepartements weggewiesen werden müssen, stimmt nicht. Das muss ich in aller Form dementieren. Ich schätze, dass der Verein I-Land sein Recht als Mieter wahrnimmt», sagt Mediensprecherin Melanie Imhof.

Nach wie vor fehlt in Basel ein Standplatz, obwohl das vom Bund vorgesehen und im kantonalen Richtplan eingetragen ist. Vor einem Jahr hat Grossrätin Heidi Mück (Grünes Bündnis) eine Interpellation eingereicht. «Die Verwaltung hat mir damals zugesichert, dass sie intensiv nach einem Platz sucht. Ich bin erstaunt, dass dies so lange dauert», sagt Mück. Zumal die Fahrenden kaum Anforderungen an einen Platz stellen. «Für Strom und Wasser können wir selber aufkommen. Wir wünschen uns einfach einen Wasserhahn», sagt der 33-jährige Santino.

Liste mit Standorten liegt vor

Beim Kanton heisst es, die städtischen Verhältnisse seien halt kompliziert. «Es ist extrem schwierig, die unterschiedlichen Nutzungsansprüche zu koordinieren», sagt Susanne Fischer, Abteilungsleiterin der Raumplanung. Der Kanton habe rund 40 Standorte geprüft. Nun stehe eine Liste, die in den nächsten Wochen dem Regierungsrat vorgelegt werde. Wie viele Vorschläge darauf sind, wo die Plätze liegen und wem sie gehören, dazu will Fischer keine Auskunft geben. «Wir sind aber auf verschiedene Grundeigentümer zugegangen – auch auf Private. Das Interesse ist jedoch gering, einen solchen Platz anzubieten», sagt sie.

Mela und Santino können sich kein anderes Leben als das im Wohnwagen vorstellen. Sie sind als Fahrende aufgewachsen, dieser Lebensstil geht auf Generationen der Familien zurück. Heute gehen die beiden Jenischen handwerklichen Arbeiten nach. «Wir haben auch in Basel Kontakte zu Menschen, die uns immer wieder Arbeit geben», erklärt Santino. Basel gefällt ihnen: «Es ist eine schöne Stadt, und die Leute sind sehr offen», führt Mela aus. Auch ihre aktuellen Nachbarn, die Wagenplätzler, haben sie freundlich empfangen. Diese besetzten das Areal illegal, werden nun aber geduldet. «Uns stört nicht, dass sie toleriert sind. Wir fragen uns aber natürlich: Warum sie und wir nicht?»

Der Aufforderung, das frühere Esso-Areal zu verlassen, kamen die sechs Fahrenden am Mittwoch – wie angekündigt – nicht nach. Ihr Plan ging auf: Mitte Nachmittag erhielten die Jenischen die Botschaft, dass sie noch einen Monat im Hafen bleiben dürfen. Grosse Erleichterung bei Mela: «Wir sind glücklich, denn wir haben das Gegenteil erwartet. Jetzt können wir beruhigt arbeiten gehen und wissen, dass zu Hause alles in Ordnung ist.»