Roman

Über das Klavier zurück in die Kindheit

«Zeit will ich mir lassen. Geduld will ich haben»

«Zeit will ich mir lassen. Geduld will ich haben»

Mit über 70 lernte Hanna Johansen Klavier spielen und begab sich damit auf eine Reise durch ihr Leben. Ihr Buch «Der Herbst, in dem ich Klavier spielen lernte» ist jetzt erhältlich.

Ein kühnes (herbstliches) Unterfangen, gehört doch ein solcher Neubeginn im landläufigen Sinn dem Frühling zu und scheint von allem Anfang an eine Willensanstrengung auf verlorenem Posten. Hanna Johansen allerdings, die
75-jährige Autorin, gibt sich unbeirrt: «Das will ich jetzt», sagt sie in ihrem neuen Buch, und meint nichts weniger als das Lernen des Klavierspielens. Allein, ohne professionelle Hilfe.

«Zeit will ich mir lassen. Geduld will ich haben. Und keine Ziele, schon gar keine hohen.» So setzt sie sich denn an ihr Keyboard, vor den Augen die neu gekaufte, erst mal (über)fordernde Klavierschule, unter den Fingern die blank bleckenden Tasten. «Man spielt nicht mit den Fingern Klavier, sondern mit dem Kopf», sagte einst Glenn Gould, einer der grössten Pianisten aller Zeiten. Aber wer mit genialen Anlagen zur Welt kommt, im Alter von drei Jahren mit dem Fingertraining beginnt und von da an täglich stundenlang übt, kann möglicherweise später die Finger so ziemlich ausser Acht lassen.

Hanna Johansens Beherrschung des Zehnfingersystems auf der Schreibmaschine hingegen bietet keine Grundlage. Ihre Finger verweigern des längeren zäh die an sie gestellten Zumutungen, und wenn auch der Kopf versteht, was verlangt wird, gebärden sie sich mehr als sperrig.

Wie ein Kaleidoskop

Kein Wunder schweifen die Gedanken ab. Weitab, bis in die Kinderzeit, als das (bewusste) Lernen seinen Anfang nahm. Wie das Schütteln eines Kaleidoskops beschwört der Rückblick Bild um Bild. So entstehen in scheinbar zufälliger Reihenfolge individuelle Erfahrungen, die sich aber als «Kinderszenen» oft ähnlich sind, obschon sie jede für sich alleine in Beschlag nimmt.

Wer besinnt sich nicht wie Hanna Johansen an erste, überhastete Schwimmbewegungen, an schwankendes Radfahren, an kippgefährdetes Schlittschuhlaufen, ans ungelenke Turnen, stotterndes Lesen, wackliges Schreiben … Wer gesellt nicht die zahlreichen Erwachsenengesichter dazu – Mutter, Vater, Verwandte, Lehrer. Gesichter, die sich eingeprägt haben – egal, ob aufmunternd, lächelnd, stirnrunzelnd oder bedrohend. Ein Leben lang erscheinen sie sodann ungerufen und geraten in Bewegung. Sei es in Glücks- oder Wehmutsmomenten oder dann, wenn ein Künstler, ein Schriftsteller, die Erinnerungsräume aufbricht und hervorholt, was aufbewahrt ist – gut verschnürt und zugesperrt oder lose herumliegend.

Es besteht kein Zweifel, dass Hanna Johansen in ihrem Buch von sich selber spricht; schnörkellos, nüchtern, ruhig, sodass die Sprache hinter die Bilder zurücktritt. Ihre ersten Lebensjahre in Bremen waren vom Krieg überschattet. Die kleine Hanna war sechs Jahre alt, als der Vater 1945 zurückkam – und nicht davon sprach, was er erlebt hatte und überhaupt kaum sprach. Die Ehe der Eltern zerbrach, das Kind wuchs bei seiner Mutter auf. Es lernte in der Schule den Stoff, der klarer Fragen und noch klarerer Antworten bedurfte. Und es lernte im Leben, dass manche Fragen nicht gestellt werden durften oder konnten – oder erst dann, wenn es dafür zu spät war, weil keiner mehr da ist, der sie beantworten kann. Und es lernte, dass manche Antworten nicht für immer gelten.

Sobald (am Klavier) eine Schwierigkeit überwunden ist, ein Lernschritt getan, kommt die nächste Hürde. Und doch erwachsen unter den Fingern nach und nach kleine Freuden, wie damals, als die inzwischen verheiratete Frau mit der Pflege ihres Gartens begann, als sie «lernte», dass auf diesem Terrain auf die Zukunft hin gedacht wird, gearbeitet aber im Jetzt. Diese Gartensequenzen gehören mit zu den schönsten Seiten in Hanna Johansens Bericht. In einem Reigen kleiner Szenen mit kaum ausgeplauderten, daher umso grösseren Lebensklugheiten. So wie sie, im schönsten Fall, ein spätes Buch weitergeben – ein geglücktes herbstliches Unterfangen.

Hanna Johansen Der Herbst, in dem ich Klavier spielen lernte. Dörlemann 2014. 320 S., Fr. 33.50.

Buchvernissage 25. September, 19.30 Uhr, im Literaturhaus Zürich.

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