Bischofskirche

Über Jahrhunderte herrschte Streit, wem das Basler Münster wirklich gehört

Die römisch-katholische Kirche, das Domkapitel und die evangelische-reformierte Kirche stellten         Besitzansprüche an das Basler Münster. Die städtische Obrigkeit war stets gebeten, den teuren Unterhalt mit zu bestreiten.

Die römisch-katholische Kirche, das Domkapitel und die evangelische-reformierte Kirche stellten Besitzansprüche an das Basler Münster. Die städtische Obrigkeit war stets gebeten, den teuren Unterhalt mit zu bestreiten.

Erst seit gut hundert Jahren gehört das Basler Münster der evangelisch-reformierten Kirche. Über Jahrhunderte herrschte zuvor Streit, wem der Sakralbau und der Münsterschatz gehört – und wer für seinen teuren Unterhalt zu bezahlen hat.

In früheren Jahrhunderten waren die Eigentumsverhältnisse am Basler Münster alles andere als klar und zum Teil heftig umstritten. Zweimal wechselte die Kirche ihren Besitzer, ohne dass sich dafür ein Datum angeben liesse. Erst auf den 1. April 1911 schied der Kanton Basel-Stadt die von ihm verwalteten Kirchengüter aus und übergab sie der evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt, die damit Eigentümerin des Münsters wurde.

Bis ins 12. Jahrhundert lag die Verfügungsgewalt beim Bischof. Das Domkapitel dürfte beim spätromanischen Neubau ab 1170 erstmals seinen Einfluss geltend gemacht haben. In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts scheint die Zuständigkeit für die Hauptkirche des Bistums ganz an das Domkapitel übergegangen zu sein. Jedenfalls vertrat es 1262 in einem Vergleich die Interessen der damals erstmals genannten Münsterfabrik, deren Hauptaufgabe in der Finanzierung und Durchführung der Bauarbeiten am Münster bestand.

Als Bischofskirche war das Münster der wichtigste Repräsentationsraum der Stadt: Hierher wurden die hohen geistlichen und weltlichen Besucher geführt, hier vollzog sich zu besonderen Gelegenheiten die Zeremonie des Ritterschlags oder hier fand der Festakt zur Gründung der Universität statt. Bei solchen Feiern spielten die Magistraten meist nur eine Nebenrolle. Im ausgehenden Mittelalter gab es jedoch auch festliche Gottesdienste, mit denen Rechtshandlungen des Rats feierlich bekräftigt wurden, etwa 1501 das Bündnis mit den eidgenössischen Orten. Auch die in den Burgunderkriegen und in den Mailänderfeldzügen erbeuteten Fahnen wurden im Münster aufgehängt.

Anders als in Strassburg blieb in Basel der städtische Magistrat von der Verwaltung der Münsterfabrik ausgeschlossen. Einzig 1488 bei der Vollendung des Martinsturms und zwei Jahre später beim Neuguss der sogenannten Papstglocke wurde er einbezogen. Dementsprechend leistete der Rat kaum Beiträge an den Bau und die Ausschmückung des Münsters.

Im Kontrast zu dieser Zurückhaltung steht das ausgeprägte Engagement, das der Rat dem unweit des Münsters gelegenen Kloster der Augustiner-Eremiten zuteil werden liess: Er war nicht bloss die treibende Kraft bei der Klostergründung im Jahr 1276, er nutzte das Kloster auch als Versammlungs- und Repräsentationsort. Dahinter stand die offenkundige Absicht, auf dem Münsterhügel einen städtischen Gegenpol zum bischöflich-kollegialen Münster zu schaffen.

Basels Zugriff auf das Münster

Während der Rat Distanz zur Kathedrale wahrte, waren grosse Teile der Einwohnerschaft mit ihr mannigfach verbunden. Dies gilt namentlich für den lokalen Adel, aus dem sich das Domkapitel zu einem guten Teil rekrutierte und der häufig bischöfliche Lehen und Hofämter innehatte. So liessen sich einige Adelsgeschlechter vorzugsweise im Münster bestatten. Auch Angehörige der neuen politischen und wirtschaftlichen Elite, die sich in den Zünften organisierten, liessen sich im Münster begraben oder zeigten ihre Verbundenheit durch Stiftungen.

Das Münster bewahrte den Charakter einer bischöflichen Amts- und Stiftskirche. Gleichwohl wurde am 1504–1514 neu erbauten Rathaus in der Talstadt ein sichtbarer Bezug zum Münster hergestellt, indem die drei Bistumsheiligen Maria, Heinrich und Kunigunde auch an der Schauseite des wichtigsten kommunalen Baus angebracht wurden.

Ab der Mitte der 1520er-Jahre bemühte sich der städtische Magistrat, Einfluss auf die Vermögensverwaltung aller kirchlichen Körperschaften zu erlangen. Im Frühjahr 1525 verloren mehrere Stifte und Kloster ihre wirtschaftliche Autonomie. Die proklamierte Aufnahme des Klerus ins Basler Bürgerrecht und die damit verbundene Steuerpflicht bildeten die Legitimation, die übrigen kirchlichen Einkünfte und Vermögen systematisch zu inventarisieren. Am 23. Mai liess der Rat auch ein Verzeichnis des Münsterschatzes anlegen.

Die Verfügungsgewalt über das Münster erlangte die städtische Obrigkeit aber erst nach dem gewaltsamen Durchbruch der Reformation am 9. Februar 1529, zu dem der Bildersturm im Münster den Auftakt bildete. Bereits am folgenden Tag liess sich eine Delegation des Rats vom Münsterkaplan Hieronymus Brilinger den Münsterschatz zeigen, wobei sie Brilinger im Anschluss an die Besichtigung, anwies, die Räume wieder zu verschliessen. In den nächsten Tagen verliessen die letzten Domherren die Stadt und nahmen dabei auch die Schlüssel zu den Schatzkammern mit. Der Rat setzte in Folge alles daran, das Münster vollumfänglich unter seine Kontrolle zu bringen. Er forderte die mittlerweile in Freiburg im Breisgau domizilierten Domherren wiederholt dazu auf, umgehend jemanden mit den Schlüsseln nach Basel zu schicken. Als das Kapitel diese Aufforderung ignorierte, liessen die vom Rat eingesetzten Münsterpfleger die Türen zu den Sakristeien aufbrechen. Als sie dort die liturgischen Geräte und Gewänder unversehrt vorfanden, beschloss der Rat, den Kirchenschatz weiter an diesem Aufbewahrungsort unter Verschluss zu halten.

Die erste reformierte Predigt

In der Zwischenzeit hatte im Münster der evangelische Gottesdienst Einzug gehalten: Bereits am 14. Februar 1529 hielt der frühere Weihbischof und Münsterprediger Tilman Limperger die erste reformierte Predigt in der bisherigen Bischofskirche. Die am 1. April 1529 erlassene Reformationsordnung bestimmte das als «můterkilch» bezeichnete Münster zu einer von vier Pfarrkirchen der Stadt.

Auch nach dem Durchbruch der Reformation blieb die Bauhütte zunächst für den Unterhalt des Münsters bestehen. So räumten in den ersten Wochen nach dem Bildersturm die dort beschäftigten Werkleute im Auftrag des Rats das Innere des Münsters, entfernten die Altare und übertünchten die Wandbilder. Werkmeister Hans Mentzinger blieb im Amt, bis das Domkapitel im April 1531 den Anstellungsvertrag aufkündigte, weil er seine Pflichten vernachlässigt habe. In der Folge scheint die Bauhütte ihre Tätigkeit ganz eingestellt zu haben.
Wer nun aber für den Unterhalt des Münsters verantwortlich sei, die Stadt oder das Domstift, blieb ungeklärt, da damit die Frage verknüpft war, wem das Münster gehöre und wem die Einkünfte des Domstifts zustanden.

Der Basler Rat vertrat den Standpunkt, das Domkapitel müsse für den Unterhalt des Münsters aufkommen, obgleich es nicht mehr in Basel residierte. Als 1563 die Heinrichsglocke im Georgsturm einen Riss bekam, konnte er tatsächlich erreichen, dass das exilierte Domstift die Kosten für den Neuguss übernahm. Dagegen gelang es den Magistraten 1579 trotz des Hinweises auf die wachsenden Schäden nicht, die Kapitularen dazu zu bewegen, umfassende Instandstellungsarbeiten anzuordnen. In der Folge beschränkte die Stadt den Unterhalt auf kleinere Reparaturen und Anpassungen der Innenausstattung an reformatorische Prinzipien.

Patt zwischen den Parteien

Weder der Rat noch das Domkapitel drängten auf eine schnelle Klärung. Dahinter verbarg sich die Hoffnung, bei einer überregionalen Stärkung der eigenen Glaubensrichtung in Verhandlungen mehr herausholen zu können als zum aktuellen Zeitpunkt. Das daraus resultierende Arrangement wurde abrupt infrage gestellt, als der in Pruntrut residierende Bischof Jakob Christoph Blarer von Wartensee 1583 auf die Wiedereinsetzung des Bischofs und des Domkapitels in alle ihre alten Rechte drang. Am 1. April 1585 fällte ein eidgenössisches Schiedsgericht einen Entscheid, der in der Folge von beiden Parteien akzeptiert wurde. In dieser Vereinbarung, dem sogenannten Badener Vertrag, war festgelegt, dass Basel dem Bischof für die endgültige Ablösung der alten bischöflichen Rechte eine Entschädigung von 200 000 Gulden zu entrichten habe. Ausserdem sah der Schiedsspruch eine Abgeltung in der Höhe von 50 000 Gulden an das Domkapitel vor. Dieses verweigerte jedoch eine Ratifizierung des Vertrags, da es seine Ansprüche auf das Münster und den Kirchenschatz nicht endgültig fallen lassen wollte.

Tatsächlich war der Münsterschatz zu diesem Zeitpunkt praktisch vollständig vorhanden. Denn solange nicht alle Fragen mit dem Domkapitel geregelt waren, sah die Basler Regierung bewusst davon ab, den Schatz der einstigen Kathedrale zu veräussern beziehungsweise die Edelmetallgegenstände einzuschmelzen. Es war ihr nämlich sehr wohl bewusst, dass gerade die Reliquiare des heiligen Kaisers Heinrich II. für das Domstift über ihren Materialwert hinaus spirituelle Qualitäten besassen, die man in Verhandlungen nutzen konnte.

Das Veto des Bischofs

Im Oktober 1587 kam zwischen der Stadt Basel und dem Domkapitel ein Vergleich zustande, in dem letzteres unter anderem ganz auf das Münster verzichtete, dafür den Münsterschatz zugesprochen erhielt. Das Abkommen konnte jedoch nicht in Kraft treten, da ihm nun der Bischof die Zustimmung verweigerte. Jetzt war es Blarer, der geltend machte, dass das der heiligen Jungfrau geweihte Münster keinesfalls den Ketzern ausgeliefert werden dürfe.
Als sich aus dieser Pattsituation kein Ausweg abzeichnete, erlaubte der Dreizehnerrat von Basel Anfang Juni 1590 den Münsterpflegern, über hundert Altargeräte zu verwerten. Diese Teilliquidation des Münsterschatzes war für die weiteren Verhandlungen mit dem Domstift nicht von Belang, denn sie betraf nur Messbücher und andere Gegenstände, die keinen sakralen Charakter hatten. Die Reliquiare und das Goldene Antependium Heinrichs II., das als Geschenk eines Heiligen aus katholischer Sicht ebenfalls eine Berührungsreliquie darstellte, blieben hingegen an ihrem angestammten Ort eingeschlossen. Ihnen war die Rolle zugedacht, als Faustpfand zu dienen. Allein aufgrund dieser strategischen Sinngebung konnte der Kern des Basler Münsterschatzes Reformation und Konfessionalisierung überdauern, und zwar als einziger unter den Kirchenschätzen in den reformierten Gebieten der Schweiz.

Da aufgrund der Uneinigkeit zwischen Bischof und Domkapitel die Verhandlungen blockiert waren, ordnete die Basler Regierung 1596 eine umfassende Renovation des Münsters an, mit der auch eine «Purifizierung» des Inneren einherging. Die 1597 abgeschlossene Innenrenovation bedeutete zugleich eine ikonische Aneignung des Münsters durch die Stadt, ihre Institutionen und ihre Bürger. So wurden an zentralen Stellen, etwa im Scheitel des Westfensters und des mittleren Chorfensters, Rundscheiben mit dem Basler Wappen angebracht.

Münsterschatz in Basler Obhut

In den nächsten Jahrzehnten kam es immer wieder zu erfolglosen Gesprächen. Als im Frühling 1693 ein Protestschreiben des Domkapitels in Basel eintraf, beschloss der Grosse Rat am 27. April der Empfehlung eines vorgängig eingeholten juristischen Gutachtens folgend, auf derartige Vorstösse inskünftig nicht mehr zu antworten.

Die Haltung der Basler Herrschaftselite macht deutlich, dass man die Restitutionsforderungen nicht mehr als bedrohlich empfand. Dennoch blieb die Frage nach der Legitimität der ausgeübten Herrschaft ein latentes Problem. Deshalb war die Basler Obrigkeit bis ins 18. Jahrhundert hinein stets darauf bedacht, sich gegen alle kirchlichen Forderungen juristisch und diplomatisch abzusichern.

Entsprechend behutsam ging die Stadt mit den annektierten Besitzungen um. So verzichtete sie auch im 17. Jahrhundert darauf, das Stiftsgut vollständig mit dem kommunalen Besitz zu verschmelzen. Die gleiche Zurückhaltung zeigte der Rat hinsichtlich des Münsterschatzes. Obwohl er alle Besitzansprüche des Domkapitels konsequent als nichtig erklärte, zog er nie in Erwägung, diese stille Reserve aufzulösen. Die städtische Machtelite hatte vielmehr das offensichtliche Bedürfnis, sich dieses Besitztums immer wieder neu zu vergewissern, denn sie liess den Schatz in unregelmässigen Abständen besichtigen und die vorgefundenen Objekte mit den alten Inventaren vergleichen.

Das Domkapitel dachte noch im 18. Jahrhundert offiziell nicht im Geringsten daran, seine Ansprüche fallenzulassen. Allerdings gab es Anzeichen, dass sich das Domkapitel allmählich mit dem Verlust des Münsters abzufinden begann. Zumal es seit seiner Niederlassung in Arlesheim und dem Bau einer Kirche, die am 26. Oktober 1681 geweiht werden konnte, endlich wieder über ein eigenes Gotteshaus verfügte, das erst noch dem Zeitgeschmack entsprach.

Noch einmal aufgeworfen wurde die Eigentumsfrage, als die Basler Diözese nach den Umwälzungen der Revolutionszeit wiederhergestellt wurde. In der am 26. März 1828 von Papst Leo XII. erlassenen Bulle «Inter praecipua» findet sich nämlich die Aufforderung, auf geeignete und dauerhafte Weise für die Aufrechterhaltung der altehrwürdigen, nunmehr unterdrückten Basler Kathedralkirche und die Kosten des darin zu haltenden Gottesdienstes besorgt zu sein. Dies veranlasste den Kleinen und den Grossen Rat dazu, seine Zustimmung zum päpstlichen Erlass erst am 9. September 1829 und nur unter Vorbehalt der eigenen Rechte sowie unter ausdrücklicher Verwahrung gegen die angeführte Stelle zu erteilen.

Das Münster bildete damals einen Teil des Kirchen- und Schulguts, das weiterhin separat verwaltet wurde. Wie schwierig letztlich die Trennlinie zwischen Kirchen- und Staatsgut zu ziehen war, erwies sich bei der Kantonstrennung 1833: Zum Staatsvermögen wurde nämlich auch der Münsterschatz gezahlt, der 1827 aus der Münstersakristei ins Rathauses transferiert worden war. Damit wurde die bisherige Einheit von Schatz und Kirche aufgehoben. In der Folge wurde der gesamte Münsterschatz im Verhältnis der Bevölkerungszahl zwischen den beiden Halbkantonen aufgeteilt.

Folgen der Kantonstrennung

Ein Streitpunkt in den Teilungsverhandlungen war der rechtliche Status des Kirchenguts: Die Vertreter der Landschaft erklärten es als Teil des Staatsvermögens, während die städtischen Vertreter die Selbstständigkeit betonten. Das eidgenössische Schiedsgericht folgte der Argumentation der Landschaft und erklärte das Kirchengut zum Staatsgut, das unter den Halbkantonen aufgeteilt wurde.

Dieses Urteil war jedoch in seiner juristischen Stichhaltigkeit umstritten, womit auch der Eigentumsstatus des Münsters während des gesamten 19. Jahrhunderts letztlich ungeklärt blieb. Die alten Ansprüche der Römisch-katholischen Kirche galten zwar als überholt, doch liess sich der Eigentümer gleichwohl nicht einwandfrei angeben, da weder der Kanton noch die damals noch unselbstständige Evangelisch-reformierte Kirche diese Rolle vorbehaltlos für sich beanspruchen konnten. Erst die Trennung von Kirche und Staat und die Ausscheidung der Kirchengüter aus dem Staatsvermögen im Jahr 1911 haben nach fast 400 Jahren wieder klare Verhältnisse geschaffen.

 

*Stefan Hess. Die ersessene Bischofskirche. In: Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde. Schwabe Verlag, Basel, 2018

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