Spielzeugmuseum

Über Stock und Schein: Hier wird gepudert, geschnupft – und geschossen

Balzverhalten auf Knopfdruck: Stock eines englischen Dandys.

Balzverhalten auf Knopfdruck: Stock eines englischen Dandys.

Das Spielzeug Welten Museum Basel führt durch die verblüffende Welt der Systemstöcke.

Der Kopf eines Besuchers taucht fragend hinter der Vitrine auf. «Ist die Ausstellung nur in diesem Stock?» Laura Sinanovitch, Direktorin des Spielzeug Welten Museum Basel, bejaht – und der Journalist notiert sich in Gedanken: Nur ein Stock, dafür aber so vielfältig wie der Ausstellungsgegenstand selbst – der sogenannte «Systemstock».

Diese besondere Spielart der Gehhilfe, die sich durch ein komplexes Innenleben auszeichnet, erfreute sich im 18. und 19. Jahrhundert grosser Beliebtheit. 283 Exemplare sind auf dem kleinen Ausstellungsraum in Basel versammelt, opulent bis schlicht in der Ausführung, doch von unglaublicher Raffinesse. In Hohlräumen versteckt warten Schnupftabak­dosen und elegante Fächer auf ihren Einsatz, Operngläser und Werkzeuge werden auf Knopfdruck freigegeben – sofern sie richtig gehandhabt werden. «Viele Händler wissen oft nicht, was sich in den Stöcken verbirgt», erklärt ­Sinanovitch gut gelaunt. «Das macht ihren Reiz aus – ihr Geheimnis.»

Der Stock ist untrennbar mit der Menschheitsgeschichte verbunden. Von ägyptischen Grabfunden bis zum mittelalterlichen Bischofsstab, der auf den Wappen beider Basel prangt, diente er als Herrschaftssymbol. Nicht zu vergessen das Rätsel der Sphinx aus der Ödipus-Sage: Was geht am Morgen auf vier, mittags auf zwei und am Abend auf drei Beinen? Es ist der Mensch in seinen drei Lebensaltern, als Säugling, Erwachsener und Greis – auf einen Stab gestützt. «Heute wird der Stock vor allem mit dem Alter gleichgesetzt», erklärt die Direktorin. «Das war früher anders. Da stand er für die Mode.»

Ein halber Liter Absinth für unterwegs

Trendschmiede waren die Königs­häuser, Ludwig XIII. soll den Stock erstmals geadelt und als Ehrengabe verliehen ­haben. Dieser war mehr oder weniger reich verziert, wurde in der Hand gehalten oder unter dem Arm getragen. «Aufstützen oder herumfuchteln galt als ­unfein», erklärt Sinanovic die Verhaltensregeln. «Es gab auch da eine Art von Knigge.» Hergestellt wurden die Stöcke als ­Unikate oder in kleinen Serien, am weitesten Verbreitung fanden sie in Frankreich, England oder den USA: «Da, wo das Geld war.»

Das aufstrebende Bürgertum liess sich nicht lange bitten und griff das königliche Accessoire dankbar auf. Im Zeitraum von 1750 bis 1930 wurden über 1500 Patente angemeldet für Stöcke, die zu Angelruten ausgezogen werden können oder zum Picknick einladen. Nach dem französischen Maler Toulouse-Lautrec ist ein Spazierstock benannt, der einen halben Liter Alkohol fasst. «Die Gläser sehen klein aus, aber mit Absinth gefüllt reichen sie», lacht die Direktorin.

«Viele Händler wissen oft nicht, was sich in den Stöcken verbirgt.»

Museumsdirektorin Laura Sinanovitch

«Viele Händler wissen oft nicht, was sich in den Stöcken verbirgt.»

Die Ausstellung präsentiert die Systemstöcke in zerlegter Form, ein auf Plexiglas aufge­zogenes Foto in Originalgrösse zeigt die Objekte von ihrer ­unscheinbaren Seite. Manche Exponate sind so vielteilig, dass die richtige Reihenfolge genau eingeprägt werden muss, um sie wieder zusammensetzen zu können. «Es ist die Kombination von Handwerk und Funktionalität, die so fasziniert», schwärmt die Direktorin, die selbst einen Stock besitzt, der sich mit wenigen Handgriffen in einen Kleiderbügel verwandeln lässt.

Dabei kommt auch der Witz nicht zu kurz, wie der Einfallsreichtum der Stöcke zeigt: Eine besondere Serie mit aufwendig gestalteten Tierköpfen als Knauf dient etwa dazu, Damenhandschuhe zwischen den mechanisch aufklappbaren Kiefern zu verwahren: Frauenstöcke sind in der Minderzahl, aber nicht weniger ausgeklügelt. Andere verdrehen auf Knopfdruck die Augen oder strecken einer unliebsamen Bekanntschaft die Zunge heraus. Zur Zerstreuung dienen Stöcke, die als Billard-Queue oder zum Golfen benutzt werden können. «Sonntags war das verboten, man liess sich deshalb besser nicht vom Pfarrer erwischen.» Doch verborgen oder nicht, stets steht der Zusatznutzen im Vordergrund.

Das zeigt sich etwa bei den zahlreichen Stöcken, die bestimmten Berufsgruppen ­zugeordnet sind. So stecken im hohlen Arztstock Medizinfläschchen mit «Choleratropfen» oder chirurgisches Besteck, andere Objekte beinhalten Sägen für die Gartenarbeit oder Mess­bänder für Schneider – und den Sargmacher. «Früher wurden die Toten zuhause aufgebahrt, da war Diskretion gefragt.» Für unternehmungsfreudige Stockträger gab es eingebaute Uhren und Kompasse, Schmetterlingsnetze und Fernrohre. Ein seltenes Exemplar beinhaltet einen vollständigen Globus, auf Seide gedruckt.

Gadgets wie in einem Bond-Film

Beamte und Kaufleute trugen in ihren Stöcken ein ganzes Büro mit sich, vom Papier über die ­Feder bis zu Siegelwachs und Waage. «Es waren die Vorgänger unserer heutigen Laptops und Smartphones», sagt Sina­novitch. «Nur ästhetischer.» Zur Erbauung gab es zerlegbare ­Staffeleien für Enthusiasten der Freilichtmalerei und sogar musikalische Stöcke: Vom Basler Maler und Sammler Niklaus Stoecklin (1896–1982) ist unter anderem eine Stock-Klarinette des Schweizer Instrumentenbauers Ulrich Ammann von 1790 ausgestellt. «Diese Instrumente waren sehr begehrt», ­erklärt die Direktorin. «Auf ­seinem Feldzug durch die Schweiz machte Napoleon extra einen Umweg, um sich eines zu besorgen.»

Stock-Klarinette aus der Sammlung des Malers Niklaus Stoecklin.

Das wertvollste Exponat

Stock-Klarinette aus der Sammlung des Malers Niklaus Stoecklin.

Und dann gibt es Objekte, deren Geheimnis ins Zwielicht und Dunkel führt: Stöcke mit Kameras und Umlenkspiegeln etwa, für verstohlene Blicke über Hecken und Mauern. Und natürlich die Waffenstöcke, die den ­bizarren Gadgets eines Bond-Films in nichts nach­stehen: Einschüsser, Klingen, Metallkrallen. «Sie hatten teils ihre Berech­tigung», so die Direktorin, «immerhin gab es in den Städten noch wilde Hunde.» Wegen ihrer Heimtücke waren sie geächtet. Auch Sinanovitch kann sich für diese Gattung nicht erwärmen, «aber dass ihre Mechanik nach so langer Zeit noch immer funktioniert, ist schon bemerkenswert».

Und welches Exponat gefällt der Direktorin persönlich am besten? «Der Kakadu», strahlt Sinanovitch. Der Stock mit der lebensechten Nachbildung eines Papageienkopfes gehörte zur Ausstattung eines Dandys, der auf Schürzenjagd war. «Frauen einfach so anzusprechen, schickte sich nicht», erklärt Sinanovitch. Um mit ihnen ins Gespräch zu kommen, liess der Mann den Federkamm seines Kakadus ­mechanisch anschwellen – Balzverhalten, vollautomatisch. Der Stock macht den Menschen nicht nur Beine, er beflügelt auch ihre Fantasie.

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