Renten-Erosion

Übernahme Schweizerhalle: Wenn die PK um einen Viertel tiefer ausfällt

Neu in deutscher Hand: Infrapark Baselland AG.

Neu in deutscher Hand: Infrapark Baselland AG.

Ab kommenden Jahr übernimmt die Firma Getec das Zepter in Schweizerhalle: Novartis und Clariant haben den Magdeburgern ihre Industrieparks verscherbelt – zum Leid der Angestellten.

Alle waren des Lobes voll. Die Firma Getec kündigte im November 2018 an, in Schweizerhalle das Zepter zu übernehmen. Die Magdeburger kauften Clariant und Novartis ihre Industrieparks ab. Per 2020 werden die zuvor eigenständigen Betriebsteile zusammengeführt. Die Baselbieter Regierung gratulierte Getec zum Einkauf, ebenso die Wirtschaftskammer Baselland sowie Clariant und Novartis.

Weniger fröhlich gestimmt sind die Mitarbeitenden. Die Betroffenen haben zwei Optionen, falls sie nicht entlassen werden: Entweder künden sie selber und suchen sich eine neue Stelle, oder aber sie lassen sich von Getec übernehmen. Bei der Kündigung oder dem Wechsel zu Getec verlieren sie jedoch einen grossen Teil ihres Pensionskassenkapitals – das droht zumindest den Angestellten der Valorec Services AG, ehemals Teil von Novartis. Die Valorec-Pensionskasse ist wegen der Abgänge dermassen ins Ungleichgewicht geraten, dass die Total-Liquidation droht. Die Stimmung sei mies, sagt ein Informant der bz. «Viele haben Angst um ihre Stelle. Und nehmen sie ein Angebot von Getec an, verlieren sie mit grosser Sicherheit einen grossen Teil ihrer Rente. Das drückt auf die Motivation.»

Schon vor dem Übergang fallen 36 Vollzeitstellen weg

Viele Angestellten seien teilweise jahrzehntelang beim selben Arbeitgeber gewesen, hätten gute Arbeit geleistet und sich auf die Pension gefreut. «Wenn nun aber die PK um einen Viertel tiefer ausfällt, können sie sich vorstellen, wie man sich da fühlt.» Laut dem Informanten handelt es sich um potenziell mehrere hundert Betroffene.

Das Problem der Valorec-Mitarbeitenden: Wechselt jemand die Stelle und war er am alten Arbeitsplatz bei einer Pensionskasse versichert, die saniert werden muss, so kann die Austrittsleistung gekürzt werden. Es handelt sich um eine Art Strafabzug. Das Freizügigkeitskapital wird reduziert – als Ausgleich für die Verbleibenden, die ebenfalls ihren Beitrag zur Sanierung leisten müssen.

Das ist legal. Zwar garantiert der Gesetzgeber eine Mindestleistung, den sogenannten obligatorischen Teil, den das Bundesgesetz über berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge (BVG) vorschreibt. Ebenso ist eine Mindest-Austrittsleistung nach Freizügigkeitsgesetz gesichert. Im überobligatorischen Teil jedoch sind Abzüge möglich, es gilt das Anrechnungsprinzip. Je nach PK sind die Abstriche happig.

Valorec Services AG wurde 1996 gegründet, nach der Fusion von Ciba und Sandoz zu Novartis. 2001 ging die Firma an die französische Veolia über. Valorec ist vor allem in der Abfallentsorgung und Energieversorgung tätig. Nachdem Novartis seinen Betriebspark an Getec veräussert hat, wird Valorec alle Aufträge verlieren, da Getec die Dienstleistungen selber wahrnehmen will. Zwar ist im Valorec-Vorsorgereglement festgehalten, dass bei einer Übernahme die bisherigen Leistungen garantiert sind. Doch dem Vernehmen nach ist Getec nicht bereit, diese Bedingungen zu erfüllen.

Wie Angestellte der bz berichten, drohen Verluste von bis zu 30 Prozent aufs Freizügigkeits-Kapital. Den Betroffenen wird jetzt zum Nachteil, dass die Basler Chemie zumindest früher ihre Pensionskassen üppig ausstattete. Diese «umhüllenden» Leistungen waren freiwillig. Deshalb können sie jetzt auch wieder getilgt werden.

Valorec-Pensionskasse in arger Schieflage

Von Seiten Valorec heisst es, dass vom Betriebsverkauf 136 Vollzeit-Äquivalenzstellen betroffen seien. Per 1. Januar 2020, also nach dem Übergang zu Getec, seien es noch rund 100. Die Reduktion sei über «normale Fluktuation» erfolgt, also Kündigungen durch Arbeitnehmende, Pensionierungen und so weiter. Getec schreibt, man beschäftige derzeit über die 100-prozentige Tochtergesellschaft Infrapark Baselland AG etwa 230 Mitarbeitende. Sie seien nach dem Vollzug des Erwerbs zu Beginn des Jahres 2019 von Clariant übernommen worden. Auch Valorec-Mitarbeitenden sei ein Übernahmeangebot unterbreitet worden. Wie viele es angenommen hätten, könne man noch nicht sagen.

Die Stiftungsaufsicht beider Basel gibt keine inhaltliche Auskunft über die Valorec-PK. Es handle sich um ein laufendes Verfahren. Valorec schreibt, es sei eine mögliche künftige Vorsorgelösung erarbeitet worden. Die Mitarbeitenden hätten sie in einer Urabstimmung angenommen, «obwohl die vorgestellte Lösung eine Verschlechterung der Situation, insbesondere der aktiven Kassenmitglieder, mit sich bringt.» Gespräche zur genauen Definition der neuen Vorsorgelösung seien im Gang.

«Für uns Angestellte tönt das zynisch»

Getec schweigt sich darüber aus, ob alle «Schweizerhälleler», die übernommen worden sind, die bisherigen Leistungen weiterhin geniessen können. Die Firma lässt lediglich verlauten, es sei eine «gute, nachhaltige Lösung» für alle gefunden worden – sowohl für Personal der Infrapark als auch der Valorec.
Für die Angestellten geht es aber auch um etwas Grösseres. Früher sei man stolz gewesen, für die Basler Chemie tätig zu sein. Doch schon lange habe sich gerade Novartis von der Produktion in der Region verabschiedet, verlagere sie immer stärker ins Ausland. Von drei Anlagen in Schweizerhalle würden deren zwei sicher schliessen.

Ein Betroffener sagt zur bz: «Novartis nimmt die Hintertür, um sich – weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit – aus Schweizerhalle zurückzuziehen. Uerntet dafür auch noch Lob vom Kanton, von der Politik und von Verbänden. Für uns tönt das zynisch.» Er und andere würden weiterkämpfen für ihre Pension: «Aufgeben gibt’s nicht!»

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