Der Aufstieg zum Larvenhimmel, der Sammlung von Ruth Eidenbenz-Tschudin im Ortsmuseum Binningen, führt an einem Clown vorbei, der noch schlaftrunken im Bett liegt. Das Baldrianfläschchen auf dem Nachttisch hat für ein wenig Schlaf gesorgt. Der Wecker zeigt kurz nach halb drei Uhr morgens. Bald geht es los mit dem Morgestraich. Die Larven liegen parat. Die Herstellung nach alter Kunst wird im hinteren Teil des geräumigen Dachstockes gezeigt. Auf «Böckli» liegen Holzbretter, die als Arbeitsfläche dienen.

Der Larvenmacher begann sein Werk mit einem Gesicht aus Ton, den er anhand einer Zeichnung eines Künstlers modellierte. War das Modell fertig, unterlag es den strengen Blicken des Künstlers oder der Clique. Änderungen wurden oft gewünscht, wenn nicht sogar der Künstler in den Ton griff. «Der Larvenmacher hat auch mal die Änderungen rückgängig gemacht», sagt Maja Samimi schmunzelnd.

Die Nichte von Ruth Eidenbenz-Tschudin kennt die kleinen Geschichten rund um die Larvenherstellung in der Larvenfabrik Tschudin. In das Tonmodell wurde Gips gegossen, der wiederum mit Schellack bepinselt wurde. Dann rissen die Larvenmacher kartoniertes Papier in Stücke.

Vom Reissen und Fransen

«Beim Reissen immer darauf achten, dass nicht gerade gerissen wird, sondern etwas ausfransend», erklärt Samimi und reisst einen Schnipsel mittendurch. Drei Lagen wurden in Fischkleister getaucht und an das Gipsmodell geklebt. Bei Larven mit grossen Nasen musste das Modell in der Mitte geteilt werden, weil auch Larvenmacher mit ihren Händen nicht in die Nase gelangen konnten.

Nach dem Aushärten kaschierten es die Larvenmacher mit weiteren Schnipseln zusammen. Anschliessend wurde das Werk grundiert, in der Regel in weiss. Nun durfte die Malerin oder der Maler die Larve anmalen. Dabei können aus einem Modell verschiedenste Gesichter entstehen. «Die Kunstmaler arbeiteten nicht von 8 bis 17 Uhr, sondern meist bei einem Glas Rotwein durch die Nacht», berichtet Samimi.

Für eine grosse Clique 50 gleiche Larven zu malen, war für die Künstler ein Gräuel. Die Firma Tschudin beschäftigte bis 1984 rund 50 Künstlerinnen und Künstler aus der Region. Darunter Alex Maier von der Gruppe 33, Faustina Iselin, Charlotte Burri, Yvonne Binz oder Max Sulzbacher. Ihnen sind kleine Schautafeln gewidmet, an denen man ihre Handschrift gut erkennen kann. In unsere Larve sind mittlerweile Ösen in die Ränder gestanzt worden, damit sie am «Güpfi» – eine Art eng anliegender Hut – befestigt werden konnte. So kann der Fasnächtler die Larve ein erstes Mal anprobieren. Zum Schluss kam noch die Perücke aus Stroh oder Flachs dazu.

Brandgefährliche Stoffe

Mittlerweile sind diese Materialen allerdings verboten, weil sie leicht entflammbar sind. An den Wänden hängen zig einfache Modelle. In Nischen sind verschiedene fasnächtliche Szenerien dargestellt: So bereiten sich Damen mit herrlichen Kostümen auf den Cortège vor. Hinter einem Fenster die überspitzt dargestellte Larve des Couturiers Fredi Spillmann, der «ynegneisst». Eine Hommage.

In einer anderen Nische sind Kinderlarven dargestellt – meist in Form von alten Waggis, ebenfalls mit grossen Nasen aber ohne die modern fletschenden Zähne. Auch die ernste und nachdenkliche Seite der Fasnacht hat ihren Platz: Larven, die den Tod symbolisieren. So auch solche der Fasnacht 1987, der ersten nach dem «Schweizerhalle-Unglück». Die Ausstellung bleibt eine Dauerausstellung, obwohl sie als temporäre angedacht war.

Des langen Wartens Ende

Das Lager ist voll mit weiteren spannenden Ausstellungsstücken. Ruth Eidenbenz, die für ihre Sammlung im Jahr 2000 den Kulturpreis der Gemeinde Binningen erhielt, wollte sie ursprünglich einem Fasnachtsmuseum schenken. «Das wird nichts», soll sie nach 15 Jahren des Wartens resigniert gesagt haben und hat sich an die Ursprünge der Firma Tschudin in Binningen erinnert. Dass ihre Nichte zu jener Zeit Präsidentin des Ortsmuseums war, hat die Sache beschleunigt.

«Restaurateure haben die Sammlerstücke begutachtet und alles aufgenommen», nennt Samimi den aktuellen Stand und gibt zu Bedenken, dass Gelder fehlen um weitere Schritte zu machen. Doch auch so ist der Larvenhimmel Pflicht für den fasnachtsbegeisterten und historisch interessierten Basler, wenn er dafür dann auch ein paar Meter über die Grenze in den Landkanton schreiten muss.