Ich habe das Glück, durch eine Residenz der Pro Helvetia derzeit für drei Monate in Südafrika leben und arbeiten zu können. Das ermöglicht mir nicht nur neue Erfahrungen, sondern auch Frühlingswetter statt Novembernebel. Ich bin nun seit drei Wochen in Johannesburg, das den Ruf hat, einer der gefährlichsten Orte weltweit zu sein. Ob dies tatsächlich stimmt, kann ich derzeit nicht bestätigen. Aber was weiss ich schon von Johannesburg. Ich bin hier ein Gast, der versucht, sich dieser Gesellschaft zu nähern, und der mit etwas Glück einen unverstellten Blick auf die Dinge mitbringt.

Manche Einheimische sagen mir in Gesprächen, dass in Südafrika gerade wieder eine Stimmung herrsche wie in den 1980er Jahren, die schliesslich zum Ende der Apartheid geführt hatte. Es heisst aber auch, hier herrsche gerade eine Umbruchstimmung. Wie genau dieser Umbruch aussehen wird, ist noch nicht abzusehen.

Es gibt zwei politische Ereignisse, die gerade einigen Staub aufwirbeln. Das eine ist die Aufdeckung von Verwicklungen des Präsidenten Jacob Zuma in korrupte Geschäfte. Das andere ist die Studentenbewegung #FeesMustFall, die fordert, dass die Studiengebühren für höhere Ausbildungsstätten sinken oder ganz abgeschafft werden. Angesichts einer Bevölkerung, in der auch sehr viele arme Menschen leben, ein berechtigtes Anliegen.

Ein weiterer Kernpunkt der Forderungen ist, dass das Ausbildungssystem entkolonialisiert werden soll. Verkürzt gesagt: Es sollen mehr «people of color» in akademische Positionen aufrücken und der Inhalt der Ausbildung verstärkt eine afrikanische Perspektive erhalten. Hier mag man stutzen: Diskussionen über die Hautfarbe in Südafrika? Ist Südafrika nicht die Regenbogennation? Ja, schon. Aber das heisst nicht, dass es keine Spätfolgen der Apartheid gibt. Und genau diese scheinen unter #FeesMustFall zu brodeln.

Aufführungsräume besetzt

Wie in fast allen Protestbewegungen gibt es auch in dieser ein gewisses Rowdytum, und es entlädt sich darin eine ordentliche Portion Wut. Vor allem aber ist #FeesMustFall seit letztem Jahr eine landesweite Studentenbewegung geworden, deren Ableger in Kapstadt die Stadt so in Atem hält, dass das Theaterfestival, bei dem ich eine Arbeit hätte zeigen sollte, um Monate verschoben wird – weil die Aufführungsräume besetzt sind.

Der Staat reagiert – wie auch andernorts gerne auf Proteste reagiert wird – mit stattlichem Polizeiaufgebot und mit Verhaftungen. Eine Studentin der Witwatersrand Universität Johannesburg ist im Krankenhaus, nachdem man ihr mit mehreren Gummigeschossen aus kürzester Distanz in den Rücken geschossen hat. Anderen Studentenanführern wird der Prozess gemacht. Private Sicherheitsfirmen patrouillieren auf den Campus. Am vergangenen Wochenende wurde einem 21-jährigen Studenten von einem solchen Security Guard in seinem Studentenwohnheim in den Kopf geschossen. Er ist an seinen Verletzungen gestorben. Der Grund der Auseinandersetzung war harmlos, der Täter ist flüchtig.

Die Bevölkerung reagiert unterschiedlich. Die «UBER»-Taxifahrer, mit denen ich mich über die Proteste unterhalte, sind alle für die Sache an sich – aber gegen die Sachbeschädigungen. Andere Gesprächspartner erzählen mir, dass gerade die jüngere Generation sehr wütend sei wegen der Ungleichheiten in ihrem Land, die häufig immer noch darauf zurückzuführen seien, welche Hautfarbe man hat. Die älteren «people of color» seien gelassener, weil es ihnen im Vergleich zu Apartheid-Zeiten heute immer noch besser ginge als damals. Ein fast schon zynisches Statement.

Starke Antirassismus-Bewegung

«Rasse» und «Klasse». Beides sind Worte, bei denen ich jedes Mal innerlich zusammenzucke. Ich bin es nicht gewohnt, diese Begriffe zu benutzen, aber hier befinde ich mich immer wieder darüber im Gespräch. Ich war noch nie in einem Land, in dem die Hautfarbe solch eine Rolle spielt.

Gleichzeitig war ich auch noch nie in einem Land, in dem sie überhaupt keine Rolle spielt. Gleichberechtigung und Anti-Rassismus wird hier täglich gelebt, und es ist gleichgültig, wie man aussieht, wenn man in Johannesburg abends sein Bier trinken geht. Solch eine Offenheit würde ich mir manchmal in Europa wünschen.

Es liegt eine grosse Schönheit in der kulturellen und sprachlichen Vielseitigkeit Südafrikas. Es gibt elf Staatssprachen und noch mehr ethnische Ursprünge in der Bevölkerung, die zum Teil nichts miteinander zu tun haben. So scheint sich die Identität Südafrikas gerade aus seiner Gegensätzlichkeit zu ergeben. Diese Identität zu leben ist nicht immer einfach. Gerade mit der jüngsten Geschichte im Nacken. Man mag nur hoffen, dass dieser Umbruch ein positiver sein wird.