Pauluskirche
Umnutzung wegen fehlender Besucher: Eine der schönsten Basler Kirchen wird jetzt ein Chorzentrum

Im Juni 2019 führte die Kirchgemeinde Basel West ihren letzten Gottesdienst in der Pauluskirche durch. Jetzt zeichnet sich ab, wie die Zukunft des imposanten Bauwerks aussehen wird.

Lea Meister
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Die Aussenansicht mit dem Sommercafé, um die Kulturkirche Paulus als öffentlichen, «nahbaren» Quartier- und Stadtort zu etablieren.
Der Innenraum mit dem aufgewerteten Foyer zum Verweilen und dem Hauptraum als Konzertort und Kulturlabor.

Courvoisier Stadtentwicklung

Als «vernünftig» bezeichnete Pfarrerin Dietrich den damaligen Entscheid der Evangelisch-reformierten Kantonalkirche, den Standort Paulus zu schliessen. Das abnehmende Interesse an kirchlichen Veranstaltungen und die immer schwieriger werdende Suche nach Nachwuchs hat die Kirchgemeinde Basel West dazu bewogen, sich künftig auf die Standorte Peterskirche, Johanneskirche und das Gemeindehaus Stephanus zu konzentrieren. Seither sind die Türen der Pauluskirche bis auf wenige Ausnahmen geschlossen. Ein Bauwerk, das als markanter Orientierungspunkt im heutigen Stadtbild fest verankert ist. Karl Moser, dessen Architekturbüro im Jahr 1896 den Wettbewerb des Baudepartements für einen Kirchenneubau gewann, hat auch den Badischen Bahnhof und die Antoniuskirche entworfen.

Das Bauwerk soll als Begegnungs- und Verweilort spirituelle Kraft ausstrahlen, davon möchten wir zehren können.

(Quelle: Andreas Courvoisier, Geschäftsführer Courvoisier Stadtentwicklung GmbH)
Der Innenraum der Pauluskirche bietet nicht nur viel Raum für kulturelle Veranstaltungen, sondern auch eine wunderbare Akustik.

Der Innenraum der Pauluskirche bietet nicht nur viel Raum für kulturelle Veranstaltungen, sondern auch eine wunderbare Akustik.

Oliver Hochstrasser

Knapp ein Jahr nach der vorübergehenden Schliessung, präsentiert eine Projektgruppe rund um die Courvoisier Stadtentwicklung GmbH das Projekt «Kulturkirche Paulus». Angestrebt wird die erfolgreiche «Übergabe» des Bauwerks an den Trägerverein Mitte 2021. Die neuromanische Kirche wird künftig unter dem Motto «Stimmen und Stimmungen» auf vier Pfeilern stehen. Sie soll ein Ort der Kultur, ein Ort des Feierns, der Spiritualität und des Verweilens werden. Konkret bedeutet dies: Die Pauluskirche soll zum Zentrum der Basler Chöre werden und als Konzertaustragungsort und Kulturlabor dienen. Aufgrund ihrer Grösse bietet sich die Kirche – gerade auch in Zeiten von Corona – dafür an, da viele Chöre nach Möglichkeiten suchen, mit genug Abstand proben zu können. Als Partner für den kulturellen Pfeiler und die Orgelnutzung steht die Projektgruppe im Kontakt mit der Musikakademie Basel und dem Verband Chorleitung Nordwestschweiz. Ein Ort des Feierns ist die Pauluskirche schon länger und soll es auch bleiben. Auch zukünftig sind Veranstaltungen wie Hochzeiten, Jubiläumsfeiern oder Matur- und sonstige Abschlussfeiern eingeplant.

Eingangstor und Herzstück des Quartiers

Einen kirchlichen Spirit soll das Bauwerk indes beibehalten, weshalb weiterhin Abend- und Fest-gottesdienste stattfinden werden. Die Durchführung übernimmt allerdings nicht mehr die Kirchgemeinde Basel West, sondern die Kirche Kreativ, die den Fokus darauf legt, Menschen, die sonst keinen Zugang zur Kirche finden, zum Besuch eines Gottesdiensten der spezielleren Art motivieren zu können. Kirchenratspräsident Lukas Kundert betont gegenüber dieser Zeitung die Wichtigkeit einer weiterführenden Nutzung des Sakralbaus: «Die Pauluskirche ist die letzte Kirche aus der Zeit vor der Trennung von Kirche und Staat in Basel.» Die Tatsache, dass heute sehr viele Leute Sakralität nicht mehr in Kirchen ausleben würden, sondern an Konzerten und sonstigen kulturellen Veranstaltungen, untermaure die Wichtigkeit und Richtigkeit dieses Projekts.

Die Pauluskirche ist die letzte Kirche aus der Zeit vor der Trennung von Kirche und Staat in Basel.

(Quelle: Pfr. Dr. Lukas Kundert, Kirchenratspräsident)
Die Aussenansicht mit dem Sommercafé, um die Kulturkirche Paulus als öffentlichen, «nahbaren» Quartier- und Stadtort zu etablieren.

Die Aussenansicht mit dem Sommercafé, um die Kulturkirche Paulus als öffentlichen, «nahbaren» Quartier- und Stadtort zu etablieren.

Projektgruppe Kulturkirche Paulus / courvoisier

Zu guter Letzt soll die Pauluskirche ein Ort des Verweilens werden. «Fensterrose, Magnolien, Blumenpracht, Begegnung und Stille. Die Pauluskirche ist für mich Eingangstor und Herzstück unseres Quartiers», beschreibt Jörg Schild, Alt-Regierungsrat und Bewohner des Bachlettenquartiers, seine persönliche Beziehung zum imposanten Bauwerk. Der Vorplatz der Kirche, der dank seiner farbenfrohen Blumenarrangements ein beliebtes Fotosujet für Touristen und Einheimische ist, soll wieder mehr Öffentlichkeit erleben, so die beiden Projektleiter Andreas Courvoisier und Caroline Specht vom Büro Courvoisier Stadtentwicklung. Möglich wäre dies beispielsweise mit einer Buvette, einem Foodtruck oder einem kleinen Gartenkaffee. «Es ist ein grosses Bedürfnis des Quartiers, dass die Kirche weiterleben kann, jetzt gilt es, die Leute dafür zu begeistern, was geplant ist», sagt die Quartierbewohnerin Johanna Gloor-Bär.

Überkonfessionelle Trägerschaft und überregionale Strahlkraft

Zusammen mit der Courvoisier Stadtentwicklung GmbH und den Quartier- und Kulturorganisationen, kümmert sich die Projektgruppe «Zukunft Pauluskirche» um die Vorbereitungsarbeiten für die neue Trägerschaft. Für den Projekt- und Vereinsaufbau sind knapp 200'000 Franken budgetiert. Um die Kirche auf die zukünftigen Veranstaltungen und die Verwendung des Bauwerks als Ort des Verweilens vorzubereiten, bedarf es ausserdem noch einiger Verbesserungen und Modernisierungen der Infrastruktur. Die geplanten Investitionen schätzt die Projektgruppe auf etwa 900'000 Franken.

Um langfristig planen und überleben zu können, sind die Projektleiter auf eine breite Basis von Unterstützenden und Partnerinstitutionen angewiesen. Das provisorische Betriebsbudget beträgt 430'000 Franken pro Jahr, bestehend aus 50% Einnahmen aus Veranstaltungen und Vermietungen an Dritte und 50% aus Partner- und Stiftungsbeiträgen, Spenden und Mitgliederbeiträgen. Ein Förderfonds soll die finanzielle Planung ebenfalls unterstützen. «Unser Ziel ist, dass der neue Trägerverein das Bauwerk Mitte 2021 übernehmen und dann als Kulturkirche weiterfahren kann», sagt Courvoisier. «Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir einen grossen Teil der Finanzierung bis Ende Jahr beisammenhaben.»

Es ist ein grosses Bedürfnis des Quartiers, dass die Kirche weiterleben kann.

(Quelle: Johanna Gloor-Bär, Quartierbewohnerin)
Der Innenraum mit dem aufgewerteten Foyer zum Verweilen und dem Hauptraum als Konzertort und Kulturlabor.

Der Innenraum mit dem aufgewerteten Foyer zum Verweilen und dem Hauptraum als Konzertort und Kulturlabor.

Projektgruppe Kulturkirche Paulus / courvoisier

Die Kulturkirche soll kein «Geschmäckle» haben, beteuert Courvoisier. Die Trägerschaft wird überkonfessionell sein und es soll ein offener Willkommenscharakter herrschen. Die Pauluskirche wird zum öffentlichen Veranstaltungsort, ihren identifikationsstiftenden Gebäudecharakter wird sie aber nicht verlieren. «Das Bauwerk soll als Begegnungs- und Verweilort spirituelle Kraft ausstrahlen, davon möchten wir zehren können.» Eine Kraft, die auch über die Stadtränder hinaus strahlen könnte. «Die Kirche hat Quartier- und Stadtdimension, Kulturliebhaber werden auch aus der Region anreisen», ist sich Courvoisier sicher.