Arbeitszeit

Umstrittene Umkleide-Zeit: Basler Unispital muss die Wege überdenken

Wenn man sich zur Arbeit aus Hygiene- oder Sicherheitsgründen umziehen muss, hat Umkleidezeit laut Bundesvorgaben als Arbeitszeit zu gelten. (Symbolbild)

Das Umziehen dauert lange. Deshalb fordern die Gewerkschaften: «Umkleidezeit ist Arbeitszeit». Der Basler Regierungsrat teilt diese Forderung allerdings nicht.

Eine Viertelstunde bevor ihre Schicht als Pflegefachfrau im Universitätsspital Basel beginnt, betritt Sonja T. – sie möchte anonym bleiben – das Gebäude. Erste Station: Sie nimmt die Treppe ins Untergeschoss. Dort wartet sie zwei Minuten in der Schlange vor der zentralen Wäscheausgabe. Mit dem Paket frischer Kleidung macht sie sich auf zum Lift. Zweite Station: Sonja T. fährt in den dritten Stock des Klinikum 1. In der Garderobe zieht sie sich um, verstaut ihre privaten Kleidungsstücke. Dritte Station: Die Pflegefachfrau läuft zügig durch die langen Gänge, nimmt den nächsten Lift. Im siebten Stock im Klinikum 2 betritt Sonja T. eine Minute vor Arbeitsbeginn das Dienstzimmer.

Fünf bis zwanzig Minuten – so lange brauchen die Pflegefachkräfte für das Umziehen in Arbeitskleidung. «Umkleidezeit ist Arbeitszeit», fordert deshalb der Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD). Denn das Beispiel von Sonja T. ist nur eines von vielen. Im Februar 2019 veröffentlichte das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) eine konkretisierte Wegleitung zur Verordnung im Arbeitsgesetz: «Anziehen von persönlicher Schutzausrüstung für den Gesundheitsschutz und gegen Unfälle, von Überzugskleidern oder steriler Arbeitskleidung wie auch das Durchschreiten einer Schleuse aus Gründen der Hygiene» würden zum obligatorischen Teil des Arbeitsprozesses gehören und als Arbeitszeit gelten.

Unispital gewährt 10 Minuten

Auf Basis dieser Ausführungsbestimmung zeigt sich nun schweizweit ein Umbruch: Seit Anfang August schreibt das Universitätsspital Zürich dem Personal pro Tag eine Viertelstunde Umziehzeit gut. Das Universität-Kinderspital beider Basel (UKBB) setzt die Seco-Wegleitung ab 2020 um: Alle Angestellten mit Umkleidepflicht erhalten zehn Minuten pro Tag für den Kleidungswechsel. Ein Erfolg für den VPOD. Noch seien die anderen Basler Spitäler aber nicht auf den Zug aufgesprungen.

Das Universitätsspital Basel ist sich der langen Wege im eigenen Haus bewusst: «Je nach Abteilung sind die Bedingungen für unsere Angestellten sehr unterschiedlich», sagt Sprecher Nicolas Drechsler. Sowohl bauliche Massnahmen als auch Zeitgutschriften oder eine Zeiterfassung würden diskutiert. «Klar ist für uns, dass es ein Nullsummenspiel geben muss», so Drechsler.

VPOD-Gewerkschaftssekretärin Vanessa von Bothmer kritisiert, dass noch keine Lösungen gefunden wurden: «Es gibt keine verbindlichen Zusagen, ab wann die Arbeitgeber die Weisung des Seco umsetzen.» Das Unispital setzt derweil auf eine Zusammenarbeit mit den regionalen Spitälern.

«Unbefriedigend» und «extrem stossend»

Um politisch Druck auf die Spitäler auszuüben, hatte SP-Grossrätin Sarah Wyss eine Interpellation eingereicht. Der Regierungsrat zeigte sich in seiner Antwort zurückhaltend: Das Gesundheitsdepartement habe sich sowohl mit den öffentlichen Spitälern als auch mit der Basler Privatspitäler-Vereinigung ausgetauscht. Und kam zum Schluss: «Der Regierungsrat erachtet sich in diesem Bereich weder in seiner Funktion als Regulator der Spitäler noch als Eigner der öffentlichen Spitäler für zuständig.» Die Baselbieter Regierung hatte eine ähnliche Interpellation Anfang September bestimmter beantwortet (die bz berichtete): «Eine Zeitgutschrift für die Umkleidezeit von Spitalangestellten ist zu bejahen.»

«Unbefriedigend» und «extrem stossend» bezeichnen von Bothmer und Wyss die Antwort aus Basel. «Dass die Umkleidezeit bezahlt wird, ist ein Anrecht des Personals. Der Kanton, der die Leistungen im Gesundheitswesen in Auftrag gibt, darf sich da nicht rausnehmen», so Wyss. Sie erwartet Sanktionen vonseiten der Politik für Spitäler, die innert nützlicher Frist keine Umsetzung der Regelung erreichen.

Zurück ins Unispital Basel: Wenn Sonja T. um 16.09 Uhr ihre Schicht beendet, fährt sie mit dem Lift vom siebten Stock im Klinikum 2 ins Erdgeschoss. Durch mehrere Gänge und mit dem Lift gelangt sie zur Garderobe im dritten Geschoss des Klinikum 1. Umziehen, Arbeitskleidung verstauen, Feierabend.

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